• Dietmar Kreutzer

Frankreich unter Poincaré: „Wie eine Boa Constrictor!“


„Die Sonne war herumgewandert, so dass das Meer nun aussah wie ein schimmerndes Becken flüssigen Metalls. Die Hänge jenseits der Bucht waren oberhalb des Saumes aus Bäumen in rötliche Glut getaucht.“ Der Roman von Eric Ambler aus dem Jahr 1938, der sich so romantisch anlässt, entpuppt sich bald als handfester Spionagethriller. Ein Pariser Sprachlehrer will mit seinem letzten Geld zwei Wochen Urlaub an der Riviera verbringen. Kaum angekommen, wird er jedoch wegen Spionage verhaftet! Doch nicht nur der Lehrer ist in Geldnot, auch der Polizeibeamte, der ihn beschatten soll. Aus Mitleid bezahlt der Lehrer eine limonade gazeuse zu 1,25 Francs: „Ich gab dem Kriminalbeamten ein Zwei-Francs-Stück. (…) Als ich um die Kurve der Einfahrt bog, blickte ich zurück. Er lehnte am Torpfosten, den schwarzen Hut in den Nacken geschoben, und warf dem Zwei-Francs-Stück eine Kusshand zu.“ (Eric Ambler, Nachruf auf einen Spion, Zürich 1979, S. 71). Eine Franc-Münze entscheidet eine Wette: „Ich warf die Münze hoch, und ich verlor.“ (Ebenda). Ein Fünf-Francs-Stück wird von einem Hotelgast aus Nazi-Deutschland vermisst. Die Story wirft fast zwangsläufig Fragen zur französischen Währung zwischen den Weltkriegen auf.

Der Erste Weltkrieg brachte Frankreich schwere wirtschaftliche Verluste. Die damit einhergehende Währungskrise hielt bis zum Sommer 1926 an. Im Juli jenes Jahres schrieb der Gouverneur der Bank von Frankreich über die Stimmung im Lande: „Rette sich, wer kann, ist die allgemeine Devise.“ (René Sedillot, Muscheln, Münzen und Papier – Die Geschichte des Geldes, Frankfurt/Main 1992, S. 292).

Frankreichs Ministerpräsident Raymond Poincaré (1860-1934). Bildquelle: Wikimedia, Library of Congress.

Erst dem legendären Ministerpräsidenten Raymond Poincaré gelang es, den Franc auf einem Fünftel seines Vorkriegswertes zu stabilisieren. Die Fixierung auf einem derart niedrigen Niveau verschaffte dem Land im Außenhandel erhebliche Vorteile. Innerhalb weniger Jahre erzielten die Franzosen nun schwindelerregende Handelsüberschüsse. Mit dem in Gold notierten Franc Poincaré gewann das Land seit 1928 auch das Vertrauen der internationalen Investoren zurück. Der plötzliche Reichtum des Landes erregte weltweites Aufsehen. Der maßlose Ankauf von Münz- und Barrengold durch die Bank von Frankreich erschütterte den Goldmarkt. Der Goldreserven der Bank stiegen von 1928 bis Anfang 1933 von 1.700 Tonnen auf 4.900 Tonnen! Die Deckung des Notenumlaufes kletterte auf gigantische 80 Prozent. Gemeinsam mit den USA verfügte Frankreich nun über die weltgrößten Goldreserven. Ein Finanzexperte verglich den Goldhunger der Bank von Frankreich mit dem einer Boa Constrictor, die eine Ziege verschlingt: „Sie kann nicht aufhören.“ (Derek H. Aldcroft, Geschichte der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert – Die zwanziger Jahre, München 1978, S. 200, Fußnote 41).

Nach der Stabilisierung des Franc sind zwischen 1929 und 1933 neue Münzen vorgestellt worden: „Die Lochmünzen zu 5, 10 und 25 Centime aus der Zeit des Ersten Weltkriegs wurden weiter hergestellt. Alle anderen Wertstufen erhielten ein neues Gesicht.

1 Franc (1931, Aluminium-Bronze, 4 Gramm). Bildquelle: RP Coins.

Die einst aus Silber gefertigten Nominale zu 25 Centime, 1 und 2 Francs wurden ab 1931 aus Aluminium-Bronze hergestellt. Wie auf den zuvor erschienenen Münzen der Dritten Republik symbolisierte eine weibliche Büste die Republik. Wie üblich war ihr Haupt von einer phrygischen Mütze bekrönt, diesmal ergänzt durch einen Eichen- und Lorbeerzweig sowie drei Weizenähren. Als Umschrift erscheint Republique Française. Die Rückseite der Münzen war mit der Wertangabe, dem Motto Liberté, Égalité, Fraternité und zwei Füllhörnern versehen.“ (Paul van Wie: Image, History and Politics – The Coinage of Modern Europe, Boston 1999, S. 18). Die neue Version des 5-Francs-Stückes aus Nickel fiel im ersten Anlauf des Jahres 1933 allerdings so unscheinbar aus, dass sie kurzfristig überarbeitet werden musste. Noch im gleichen Jahr kam ein großformatiger „Fünfer“ mit republikanischer Porträtbüste, aber ohne Mütze, heraus. Aus Edelmetall waren nur noch die drei höchsten Wertstufen:

20 Francs (1933, 680er Silber, 20 Gramm). Bildquelle: Propertyroom, M. Barr Coins.

„Von 1929 bis 1938 sind Silbermünzen zu 10 und 20 Francs von der Dritten Republik ausgemünzt worden. Diese Wertstufen waren einst aus Gold. Für die Vorderseite wurde auch hierbei als Symbol der Republik eine weibliche Büste verwendet, bekrönt von einem Lorbeerkranz. Die Rückseite zeigt, ebenso wie bei den niedrigeren Wertstufen, die Wertangabe und das Motto, ergänzt um zwei große senkrecht angeordnete Weizenähren. Das stromlinienförmige, symmetrisch aufgebaute Design griff Stilelemente des Art Deco aus jener Zeit auf.“ (Ebenda).

100 Francs (1929, 900er Gold, 6,55 Gramm). Bildquelle: Numismatic Guaranty Corp.

Von den zwischen 1929 und 1936 in einer Auflage von knapp 14 Millionen Exemplaren hergestellten Goldmünzen zu 100 Francs gelangten allerdings nur noch wenige Exemplare in den Umlauf. Ursache war der Zerfall des „Goldblockes“, dem sechs Länder angehörten, infolge der Weltwirtschaftskrise. In Frankreich kamen die Sozialisten an die Macht.

Im Roman von Eric Ambler führt immer wieder ein selbst ernannter Geschäftsmann das Wort, der Hochstapler Duclos. Sein bevorzugtes Katastrophenszenarium basiert auf der Abwertung des Franc nach dem Ende des Goldstandards. Die Feinde der Franzosen seien nicht an deren Ostgrenze zu suchen, sondern im Inneren. „Wenn die französische Industrie in der Gewalt dieser Sansculotten sein soll, die heute in den Ministerien sitzen, dann wird das ganze Finanzsystem Frankreichs, das unser Kaiser aufgebaut hat, zusammenkrachen, und zwar mit einem Donnerschlag, dass Europa in Trümmer sinkt.“ Seine schweizerischen Zuhörer konnten da nur zustimmen: „Die Gefahr liegt, wie Monsieur sagt, im Inneren. Die verantwortungslosen Experimente der Sozialisten haben schon die Stabilität des Franc gefährdet. Uns in der Schweiz liegt die Sicherheit des französischen Franc sehr am Herzen.“ (Ambler, S. 207f.). Weder Duclos noch die Schweizer sollten Recht behalten. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung des Romans marschierte Hitler in Paris ein.