• Michael Kurt Sonntag

Der erste eigenständige Münztyp der Satrapie Karien


Laut Herodot war das riesige Perserreich – übrigens das 1. Weltreich der Geschichte – in 20 Satrapien unterteilt, die von den Satrapen im Namen des Großkönigs verwaltet wurden. Nachdem Thissaphernes, der Satrap von Sardeis, 395 v. Chr. jedoch einer Palastintrige zum Opfer gefallen und hingerichtet worden war, trennte man Karien von Sardeis und erklärte es zu einer eigenständigen Satrapie. Dem antiken Historiker Diodor zufolge war Hekatomnos, der Dynast von Mylasa, von Artaxerxes II. aber erst 392/391 v. Chr. zum Satrapen über die neu gegründete Satrapie Karien bestellt worden. Die Frage, ob Hyssaldomos, der Vater des Hekatomnos, Karien bereits zwischen 395 und 392/391 v. Chr. als Satrap regierte, wie einige Historiker annehmen, muss offen bleiben – zumal die antiken literarischen Quellen keinen karischen Satrapen vor 392/391 v. Chr. erwähnen und die wenigen steinernen Inschriften keine eindeutige Interpretation zulassen. Wie Diodor berichtet, sollte Hekatomnos im Auftrag des persischen Großkönigs zusammen mit dem Satrapen Autophradates von Lydien Krieg gegen den abtrünnigen König Euagoras I. von Salamis auf Zypern (Kypros) führen. Doch der See-Krieg, der 391 v. Chr. anlief, blieb letztlich erfolglos, weil Hekatomnos, Euagoras heimlich mit Geld unterstützte – so Diodor. Diese Behauptung Diodors hält Stephen Ruzicka für nicht glaubwürdig, da Hekatomnos seiner Ansicht nach zum einen mit seiner Satrapen-Position, die er dem persischen Großkönig verdankte, zufrieden war und keinesfalls einen Abfall von der persischen Zentralgewalt und die Errichtung einer unabhängigen Hekatomniden-Monarchie plante und zum anderen wohl auch nicht bereit gewesen sein dürfte, für den abtrünnigen Euagoras Stellung und Leben aufs Spiel zu setzten. Ruzicka zufolge ist Diodor hier vermutlich ein Opfer der Desinformationspolitik des Euagoras geworden, der, um seine Position stärker und die der Perser in Kleinasien schwächer aussehen zu lassen, als sie tatsächlich war und um die Hauptfeinde der Perser – Ägypter und Athener – zu einer massiveren Unterstützung seiner Sache zu bewegen, solche Gerüchte gezielt gestreut haben könnte. Dass diese Gerüchte den Großkönig Artaxerxes II. aber entweder nie erreichten oder er ihnen keinen Glauben schenkte, beweist die Tatsache, dass Hekatomnos bis zu seinem Tode unbehelligt karischer Satrap blieb. Die Herrscher-Dynastie, die Hekatomnos begründete, war die Dynastie der Hekatomniden. Weil dieser karische Dynast und Satrap seine Herrschaft schon recht früh auch über Milet ausgedehnt hatte, prägte er seine Münzen nicht allein im karischen Mylasa – der Hauptstadt seiner Satrapie –, sondern ebenso in Milet. In Milet ahmte er allerdings die archaischen milesischen Münzbilder – Löwenprotome und milesische Rosette – direkt nach, während er in Mylasa neue eigene Münztypen emittierte.

Erster eigenständiger Münztyp der Satrapie Karien. Tetradrachmon des Hekatomnos (um 391-377 v. Chr.), Silber, 14,94 g, Ø 23 mm, Münzstätte Mylasa, Karien. Bildquelle: Gorny & Mosch, Auktion 244 (6. März 2017), Los 316.

Um die in Milet geprägten Münzen unmissverständlich als karisches Geld zu kennzeichnen, bzw. um die Oberhoheit der Hekatomniden über Milet zu demonstrieren, setzte Hekatomnos sein Namenskürzel EKA auf diese Münzen. Auf den in Mylasa neu geprägten eigenständigen Münztypen, findet sich hingegen der volle Name des Satrapen über dem zum Sprung ansetzenden Löwen der Münzrückseite.

Ruine der Terrassen von Labraunda, wo einst das Heiligtum des Zeus Labraundos stand. Bildquelle: Vadimph, Wikipedia.

Die Münzvorderseite ist dem Zeus Labraundos, dem Zeus mit der Doppelaxt (der labris) gewidmet und zeigt seine Kultstatue. „Der Kult dieser Erscheinungsform des Gottes, der besonders in Mylasa Verehrung genoss, ist kleinasiatischen Ursprungs. Nur durch die Familie des Hekatomnos ist dieser Kult zu größerer Bedeutung gekommen, wie ja auch die älteste inschriftliche Bezeugung darüber erst aus der Zeit des Maussollos stammt.“ (Peter Robert Franke, Max Hirmer, Die Griechische Münze, München 1964, S. 136) Nach dem Tode des Hekatomnos (377/376 v. Chr.) ging die Satrapengewalt in Karien auf seinen Sohn Maussollos über. Maussollos wiederum, der durch sein Mausoleum von Halikarnassos – eines der sieben Weltwunder – weltberühmt und unsterblich wurde, übernahm die Kultstatue des Zeus Labraundos von den Tetradrachmen seines Vaters, setzte sie auf seinen Münzen allerdings auf die Rückseite und überließ die Vorderseite dem göttlichen Apollon.