• Dietmar Kreutzer

Griechische Volkstrachten: Wie Münzen zu Schmuck wurden


Die Verarbeitung von Münzgeld zu Schmuck reicht weit in die Geschichte des griechischen Kulturkreises zurück. Die im 7. Jahrhundert vor Christus in Lydien erstmals auftauchende Münze wurde nämlich nicht mit einem Nennwert versehen: „Dass sie nicht einfach mit Zahlen oder Symbolen verziert ist, verdankt sie dem Kunstsinn, mit dem die Griechen alle ihre Gebrauchsgegenstände veredelten. Es ist nicht verwunderlich, wenn diese vom Staat gelieferten kleinen Kunstwerke auch als Schmuck verwendet wurden. Allerdings war es nicht ausschließlich ein ästhetisches Gefühl, das die Griechen und die anderen Völker der Antike dazu veranlassten, die kleinen Reliefs gelocht an Ketten oder Schnüren zu tragen. Die Götterbilder und geheiligten Symbole verliehen den Münzen und dem aus ihnen gefertigten Schmuck Amulettcharakter. Es finden sich sehr viele griechische Münzen – für den Münzsammler entwertet, für den Kulturhistoriker interessant – die gelocht sind, und vor allem Schutzgottheiten, wie Zeus Hermes und Herakles, darstellen.“ (Was aus Münzen werden kann – Schmuck, Amulett und Talisman; „Das Fenster“ in der Halle der Kreissparkasse Köln, Thema 117, September 1983, S. 2f.) Von Griechenland aus verbreitete sich die Tradition der Verarbeitung von Münzen zu Schmuck über den gesamten Raum des Mittelmeeres, später nach Afrika, Asien und zu den Indios in Südamerika.

Griechische Hochzeit auf Karpathos. Bildquelle: Pinterest, Mandilara

Einen Eindruck zur Vielfalt der neuzeitlichen griechischen Trachten mit Münzschmuck vermittelt die Literatur zur Völkerkunde. Über den Kopfschmuck einer Griechin anlässlich ihrer Hochzeit heißt es da: „Oben zieren ihn metallene Federbüsche und Rosensträuche, unten Netze von echten Perlen mit herabhängenden Goldmünzen; ferner schlingen sich eben solche Netze, wie Festons, zu den beiden Enden des Aufsatzes hin; von diesen fallen lange Fäden Goldlahn über die Schulter, und zwei hinter den Ohren befestigte Reihen Goldmünzen über die Brust hinunter.“ (O. M. Baron von Stackelberg: Trachten und Gebräuche der Neugriechen. Berlin 1831, S. 18) Eine einfache Hirtin aus der Provinz Arkadien kleidete sich an Festtagen dagegen wesentlich bescheidener: „Ein schwarzes Band, an welchem Silbermünzen herabhängen, umgibt das Oval des Gesichts; aus Münzen besteht größtenteils auch der silberne Halsschmuck und die in antiker Form gearbeiteten Ohrgehänge sind ebenfalls silbern.“ (ebenda, S. 21) Über die Tracht der Gattin eines hohen Beamten heißt es schließlich: „Schräg aufgesetztes Käppchen, oder Phäsi, nach Frauensitte von weißer Farbe, mit echten Perlen und Edelsteinen gestickt und mit Goldmünzen umgeben, die bei Bewegungen, besonders beim Tanze, erklingen.“ (ebenda, S. 27) Um den Hals trug eine derart hoch gestellte Persönlichkeit ein Perlennetz mit daran befestigten Goldmünzen.

Halskette einer Frau mit Münz-Imitaten (Kreta, 19. Jh.). Foto: Autor

Auf der Insel Kreta gaben sich die Besatzer über Jahrtausende hinweg die Klinke in die Hand. Im Istoriko Mouseio Kritis, dem Historischen Museum von Kreta, lässt sich nachvollziehen, welch kulturelle Vielfalt aus den verschiedenartigen Einflüssen resultiert. Eine Kollektion aus verschiedenen Trachten im Obergeschoss des Museums zeigt, was für einen Prunk vor allem die Frauen mithilfe ihrer Kleidung entfalten: „Zu Feiertagen legen die Menschen ihre beste Festtagstracht an. Am Ostersonntag werden die traditionellen Gewänder mit Schmuck-Applikationen gewöhnlich erstmals vorgeführt. Einige Schmuckstücke sind Überbleibsel aus dem Mittelalter. Die Ohrringe und Ringe stammen aus der byzantinischen Zeit, die Halsketten aus der Renaissance. Andere Accessoires, insbesondere die Münz-Halsketten, greifen auf uralte Traditionen der Ägäis zurück. Auch jüngere Trends aus deutschsprachigen Ländern spiegeln sich wider – in Armbändern, dekoriert mit Goldanhängern.“ Männer führen anlässlich hoher Festtage gern ihre Nationaltracht aus der Zeit der Unabhängigkeitsbewegung vor. Dazu gehört ein umgehängter Talisman mit Münzapplikationen und ein silbern verzierter Dolch beziehungsweise die Feuerwaffe in der Schärpe.

Religiöser Schmuck mit Kreuz und Münzen (Kreta, 19. Jh.). Foto: Autor

Taschenuhr eines Mannes mit Münz-Anhänger (Kreta, 19. Jh.). Foto: Autor