• Dietmar Kreutzer

Die ägäischen Kupferbarren: Vorstufe des Münzwesens auf Kreta?


Der Autor vor Fresken im Palast von Knossos. Foto: Autor

Über Aufbau und die Funktionsweise der minoischen Gesellschaft wird noch immer gerätselt. Die erste europäische Hochkultur entstand um 3000 v. Chr. auf Kreta. Ihre Blüte erlebte sie ein Jahrtausend später. Um 1450 v. Chr. ging sie unter, möglicherweise nach einem Vulkanausbruch auf der Insel Santorin, der einen Tsunami auslöste und die umliegenden Mittelmeer-Inseln mit Asche übersäte. Die kriegerischen Mykener vom griechischen Festland scheinen dann ein leichtes Spiel mit den überlebenden Kretern gehabt zu haben.

Die bildhafte Schriftsprache der Mykener ist trotz zahlreicher wissenschaftlicher Versuche nicht zu entziffern. Auch die Mythen der griechischen Invasoren um König Minos und den menschenähnlichen Stier Minotauros sind nicht als historische Quellen auswertbar. Die Historiker können sich daher nur anhand der Ausgrabungen in den Machtzentren des hochentwickelten Volkes orientieren, beispielsweise den Fresken im Palast von Knossos, dem mit 1.200 Räumen größten bronzezeitlichen Bauwerk auf Kreta, in dem einst bis zu 10.000 Menschen gearbeitet haben dürften.

Siegelstein aus dem Palast von Malia. Foto: Autor

Die neuesten Thesen besagen, dass Kreta zu dieser Zeit nicht von einem König beherrscht wurde, sondern von einer Priesterkaste. In den Speichern und Archiven der Paläste finden sich Siegelsteine und Plomben aus Ton, mit denen Nahrungsmittelreserven und wichtige Dokumente gesichert wurden. Die im Archäologischen Museum der Hauptstadt Iraklio ausgestellten Goldringe dienten nämlich nicht nur als Schmuckstücke: „Die ‚Herren der Ringe‘ waren allem Anschein nach knossische hohe Beamte, die durch den Abdruck ihres Goldringes auf den Tonplomben für die Unversehrtheit der versiegelten Pergament- oder Papyrusrollen bürgten.“ (Diamantis Panagiotopoulos und Yuval Goren: Die Herren der Ringe – Was gesiegelte Tonplomben über das Herrschaftssystem des minoischen Kreta verraten; veröffentlicht auf www.uni-heidelberg.de)

Gräberfund mit Goldnuggets und Barren. Foto: Autor

Genauere Vorstellungen gibt es über den Warenaustausch. Die Minoer, die über eine Handelsflotte verfügten, exportierten landwirtschaftliche Erzeugnisse. Hochwertiges Olivenöl wurde in voluminöse Tongefäße abgefüllt und exportiert. Wichtigste Importgüter auf der rohstoffarmen Insel waren Metalle, insbesondere Kupfer und Zinn zur Gewinnung von Bronze für den Alltag. Aber auch Gold, Silber und Edelsteine zur Herstellung von Schmuck und Zierrat wurden eingetauscht. Natural- bzw. Warengeld diente für die Geschäfte als Mittler: „Man zahlte mit Metallbarren oder Stücken von solchen, das heißt mit Klötzen, Stäben, Drahtspiralen und ähnlichem aus Gold, Silber, Kupfer oder Bronze.“ (Hans-Günter Buchholz: Talanta – Neues über Metallbarren der ostmediterranen Spätbronzezeit. In: Schweizer Münzblätter, Heft 62, S. 59) Bildliche Darstellungen in Knossos dokumentieren die Funktion der gestempelten Kupfer- und Bronzebarren als Wertmesser: „Durch Spektralanalysen und die Auswertung jener schriftähnlichen Marken, die sich auf zahlreichen Barren finden, suchte ich die These zu erhärten, dass die Zeichen den kretisch-mykenischen Kulturkreis von Zypern aus erreicht haben. Demnach stammte nicht nur das Erz als Rohstoff von dorther, sondern auch der Geldcharakter der Stücke und die durch abgewogenes Metall als Wertmesser gekennzeichnete Wirtschaftsform insgesamt.“ (Ebenda, S. 71)

Kupferbarren aus der Zeit um 1500 v. Chr. Foto: Autor

Die Wissenschaftler am Archäologischen Museum von Iraklio stützen diese bereits vor Jahrzehnten entwickelte These. Über die im Museum ausgestellten Kupferbarren in Form von gespannten Ochsenhäuten heißt es daher: „Metall war überall teuer im Handel und Austausch, insbesondere Kupfer, das in Form von standardisierten Barren mit konstantem Gewicht importiert wurde.“ Das Rohmaterial hatte einen hohen Gebrauchswert, beispielsweise zur Herstellung von Haushalts- und Kunstgegenständen. Im Großhandel der Priesterkönige dürften sie so zu einem Wertmesser mit Geldfunktion geworden sein. Noch einmal die Experten des Archäologischen Museums von Iraklio: „Die rohen Barren aus gegossenem Kupfer wurden wahrscheinlich als Einheit im Warenhandel genutzt. Um sie leichter transportieren zu können, sind sie mit einem Standardgewicht von etwa 30 Kilogramm versehen und in X-Form gegossen worden. Einige tragen Stempel in zypriotischer oder minoischer Zeichenschrift, mit welchen die Transaktionen beglaubigt wurden.“