• Michael Kurt Sonntag

Milet: Apollon und der majestätische Löwe


Dass Milet (griechisch Miletos) nach dem Tode des Satrapen Maussollos (353 v. Chr.) nicht mehr zum Machtbereich der karischen Satrapen gehörte, sondern wieder verstärkt unter direkten persischen Einfluss geriet, war für sein Geldwesen von Vorteil, denn nun konnte die Stadt ihre autonome Münzprägung wieder aufnehmen. Für die Achaimenidenkönige und ihre hohen Beamten, unter deren direkter Oberhoheit Milet bis zur Eroberung durch Alexander den Großen 334 v. Chr. stand, waren diese milesischen Münzen nämlich städtisches Lokalgeld, welches sie anstandslos tolerierten, weil sie es als sinnvolle Ergänzung zum persischen Reichsgeld erachteten.

Als die Stadt ihre autonome Münzprägung ab 352 v. Chr. wieder aufnahm, wählte sie jedoch völlig neue Bildmotive dafür. So zeigen ihre silbernen Hemidrachmen, Drachmen und Tetradrachmen auf den Vorderseiten den nach links gewandten Kopf des Apollon mit Lorbeerkranz und auf den Rückseiten einen nach links stehenden Löwen mit zurückgewandtem Kopf.

Milet (Ionien). Tetradrachmon (um 352–340 v. Chr.), Silber, 14,91 g, Ø (Höhe) 23,45 mm, Münzstätte Milet. Quelle: Münzen & Medaillen AG Basel, Münzenbörse Basel (Februar 2003); Münzhandlung Basel, Auktion 4 (1935), Los 811

Nach Ansicht der Fachwelt ist der Apollonkopf dieser neuen milesischen Münzen allerdings von den Apollonköpfen der Tetradrachmen des Chalkidischen Bundes aus Olynthos entlehnt – was aber nur für die Gestaltung der Gesichtszüge und nicht für die der Haare gilt. Schließlich gehörten die Apollonprofile von Olynthos zu den ansprechendsten und feinsten spätklassischen Apollondarstellungen, die die griechische Münzkunst zu bieten hat. Aber warum musste es überhaupt Apollon sein? Nun, bedenkt man, dass Apollon Hauptgott in Milet war und dass zur selben Zeit unzählige andere griechische Städte eine Darstellung ihrer Hauptgottheit auf ihre Münzen setzten – meistens ein Kopfbild der verehrten Gottheit –, dann war die Einführung des Apollonprofils auf den milesischen Silbermünzen naheliegend.

Was nun den Löwen angeht, der die Rückseiten dieser neuen milesischen Silbermünzen schmückt, so ist er eine rein milesische Schöpfung. Zwar nicht völlig neu, was das Motiv als solches betrifft – gab es doch schon auf den ersten Elektronstateren Milets um 600–550 v. Chr. einen Löwen mit nach rückwärts gewandtem Kopf, allerdings lagerte jener, während dieser majestätisch nach links schreitet bzw. im Schreiten verharrt und seinen Kopf nach rückwärts wendet. Zudem weist der neue Löwe einen muskulösen Körper, kräftige Pranken, eine eindrucksvolle Mähne und einen „S“-förmigen Schwanz auf, was ihn insgesamt äußerst kraft- und würdevoll erscheinen lässt – vielleicht sogar ein wenig wild, zumindest aber Respekt einflößend. Über dem Löwen findet sich die milesische Rosette, vor ihm das Stadtmonogramm aus M und I und unter ihm der Name des Beamten QEOPROPOS (THEOPROPOS). Da dieser „Beamte“ nach Wolfgang Leschhorn zwischen 360 und 340 v. Chr. amtierte, (vgl. Wolfgang Leschhorn: Lexikon der Aufschriften auf griechischen Münzen, Bd. II. Ethnika und „Beamtennamen“. Wien 2009, S. 550) dürfte das abgebildete Tetradrachmon auch um 352–340 v. Chr. und nicht erst um 340–334 v. Chr. geprägt worden sein, wie Barbara Deppert-Lipitz 1984 annahm.

Warum dieser Löwe seinen Kopf allerdings nach rückwärts wendet, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Für die einen blickt der Löwe auf das „sonnenartige“ Gestirn über ihm – bloß dass der Stern über ihm eigentlich kein Gestirn ist, sondern die verkleinerte milesische Rosette, die zugegebenermaßen der Einfachheit halber auf den kleinen Nominalen auch als achtstrahliger Stern wiedergegeben wurde. Für die anderen ist die gesamte Rückseitendarstellung ein Hinweis auf das Sternbild des Löwen. Vergegenwärtigt man sich jedoch, dass sowohl die ersten milesischen Elektronstatere (600–550 v. Chr.) als auch die frühen 1/12 Silberstatere (510–494 v. Chr.) einen nach rückwärts gewandten, lagernden Löwen bzw. eine liegende und nach rückwärts blickende Löwenprotome zeigten, dann könnte der zurückblickende, gelagerte Löwe vielleicht einmal so etwas wie ein städtisches Wappentier gewesen sein, an das man mit der neuen autonomen Prägung in nostalgischer Erinnerung anknüpfen wollte, ohne das alte Vorbild allerdings 1:1 zu übernehmen.