• Dietmar Kreutzer

Arabische Währungsturbulenzen


Demonstranten in der Kairoer Innenstadt im Januar 2011. Quelle: Wikimedia, Raoof

Not, Flucht, Bürgerkrieg: Währungsturbulenzen nach dem Arabischen Frühling

Der UNHCR-Bericht zu Fluchtrouten nach Europa vom Frühjahr 2018 weist einen starken Rückgang der Überfahrten von Libyen nach Italien aus. Dagegen kamen mehr Menschen in Spanien und Griechenland an: „Marokkaner und Algerier bilden jetzt die beiden am stärksten vertretenen Nationalitäten, wobei bei den Ankünften auf dem Landweg weiterhin Menschen aus Syrien die größte Gruppe blieben.“ Die anhaltenden Fluchtbewegungen zu Wasser und zu Lande haben viel mit dem Scheitern des Arabischen Frühlings zu tun, der 2011 mit dem Sturz des tunesischen Staatspräsidenten Ben Ali begann. Die politischen Wirren und Bürgerkriege haben die Wirtschaft zahlreicher betroffener Staaten ruiniert. Die großformatigen, in diesem Artikel abgebildeten Kursmünzen sind zu Kleingeld verkommen.

Tunesien

5 Dinars (Tunesien, 2002, Bimetall). Quelle: Coin Brothers

Im Januar 2011 kam es zu Kundgebungen im ganzen Land gegen Korruption und Vetternwirtschaft. Fluchtartig verließ Staatspräsident Zine el-Abidine Ben Ali das Land. Eine Übergangsregierung kündigte Pressefreiheit und die Freilassung aller politischen Gefangenen an. Die Parlamentswahlen von 2011 entschied die islamische Ennahda-Bewegung für sich. Nach schweren Auseinandersetzungen über die künftige Politik des Landes gelang es dem „Tunesischen Quartett“, eine ungewöhnlich moderne Verfassung auf den Weg zu bringen. Die Initiatoren wurden 2015 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Die wirtschaftlichen Probleme konnten sie jedoch nicht lösen. Im März 2018 meldete die Maghreb-Post: „Die wirtschaftliche Lage in Tunesien verschärft sich weiter. Für den Februar 2018 wurde nun bekannt, dass die Inflation auf 7,1% gestiegen ist. Die durchschnittliche Inflationsrate für das gesamte Jahr 2017 lag bei ca. 5,3%.“ Seit 2010 übersteigt die Inflationsrate das Wirtschaftswachstum. Die Menschen verlieren zunehmend an Kaufkraft und Vermögen. Das Missverhältnis aus Preisentwicklung und Bruttoinlandsprodukt verstärkt die Armut weiter. Eine Besserung ist, trotz Beteuerungen der Regierung, nicht in Sicht.

Ägypten

1 Pfund (Ägypten, 2010, Bimetall). Quelle: Coin Community

Der Aufstand in Ägypten begann im Januar 2011. Einen Monat später trat Hosni Mubarak zurück, der langjährige Staatspräsident. Es folgte ein Intermezzo mit Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern als Staatspräsident. Ein Militärputsch jagte ihn aus dem Amt. Bei den Wahlen im Mai 2014 setzte sich Abd al-Fattah as-Sissi als neuer Präsident durch. Der frühere Militär versucht sich mithilfe eines Polizeistaates an der Macht zu halten. Eine Korrespondentin der ZEIT berichtete Anfang Juni 2018 aus Kairo: „Die Sicherheitslage ist katastrophal, die Wirtschaft marode, es herrscht eine enorme Inflation, die Menschen werden immer ärmer.“ Der geschwächte Sissi verliert in der Bevölkerung und im Militärapparat an Unterstützung. Seine Reaktion: Repression nach innen. „Sissi will mit aller Macht verhindern, dass es ihm so geht wie einst Mubarak. Noch einen Aufstand darf es in Ägypten nicht geben.“ Mit 23,5 Prozent erreichte die Inflation im Jahr 2017 einen Höhepunkt. Für 2018 wird mit einer Inflationsrate von 20,1 Prozent gerechnet.

Jemen

20 Rials (Jemen, 2004, Edelstahl). Quelle: Bukalapak

In Jemen begannen die Proteste Ende Januar 2011 mit einer Demonstration gegen Präsident Ali Abdulla Salih. Im November 2011 kündigte Salih seinen Rücktritt an. Sein Nachfolger Mansur Hadi verlor jedoch bald die Kontrolle über das Land. Nordjemenitische Huthi-Rebellen besetzten die Hauptstadt Sanaa. Mit Al-Qaida verbündete Sunniten stellten sich ihnen entgegen. Im März 2015 intervenierte Saudi-Arabien mit Unterstützung benachbarter Länder zugunsten der Zentralregierung. Die anhaltende Notlage ließ zeitweise die Nahrungsmittel knapp werden. Der Norden des Landes ist bis heute umkämpft. Im Süden, wohin sich Präsident Hadi zurückzog, herrscht ein Scheinfrieden. Die Wirtschaft liegt am Boden. Ein Händler in Aden: „Die Leute haben kein Geld mehr. Der Staat zahlt seine Gehälter, wenn überhaupt, verspätet. Und die Preise steigen. In den letzten drei Jahren haben sich die Preise verdoppelt. Die Kiste Guavas hier kostete mal 6.000 Rial, heute 10.000.“ Das sind umgerechnet 20 Euro. In einem Land, in dem der Normalbürger zwei bis drei Euro am Tag verdient, ist das viel Geld. Im Jahr 2015 stieg die Inflationsrate sprunghaft auf 61,4 Prozent. Nach einer kurzen Phase der Erholung wird 2018 ein Preisauftrieb von 23 Prozent erwartet.

Libyen

½ Dinar (Libyen, 2004, Bimetall). Quelle: Currency Wiki

Im Februar 2011 kam es zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. Das militärische Eingreifen der NATO und einiger arabischer Staaten führte zum Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi. Doch der Bürgerkrieg endete nicht mit der Intervention. Er begann erst richtig. Anfang Juni 2018 hieß es rückblickend in einer Berliner Tageszeitung: „Der Angriff der USA, Großbritanniens und Frankreichs auf Libyen im Jahr 2011 hatte schlimme Folgen. Islamistische Milizen und Warlords bekriegen einander. Ein staatliches Gewaltmonopol existiert nicht.“ In dem dünn besiedelten Land mit 6,5 Millionen Einwohnern gibt es 140 Stämme und Großfamilien, die um die Vorherrschaft streiten. Bis heute kämpfen eine Regierung in Tripolis und eine zweite in Bengasi um die Kontrolle über den Staat. Der Süden wird dagegen von diversen Milizen kontrolliert. Mangels eines Gewaltmonopols wurde Libyen zum Transitland für Flüchtlinge aus ganz Nordafrika. Mit 28 Prozent erreichte die Inflation im Jahr 2015 ihren Höhepunkt. Für 2018 wird mit einer Inflationsrate von 24,3 Prozent gerechnet. Ob die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im Dezember 2018 für mehr Stabilität sorgen, steht in den Sternen.

Syrien

25 Lira (Syrien, 2003, Bimetall). Quelle: Royal Free Stock

Im Frühjahr 2011 gab es erste Demonstrationen in Syrien. Der Bürgerkrieg, der sich daraus entwickelte, dauert bis heute an. Etwa 500.000 Todesopfer forderte der Konflikt bisher. Über fünf Millionen Menschen verließen das Land. Im Herbst 2015 meldeten die Nachrichtenagenturen, dass die Kaufkraft der Menschen infolge des Krieges um etwa 80 Prozent gesunken war. Und mit jedem Jahr wurde es schlimmer: Mussten zu Beginn des Konflikts etwa 47 syrische Pfund für einen Dollar gezahlt werden, waren es 2017 schon 517 Pfund. Dschamal al-Satal, Chef der syrischen Verbraucherschutzgesellschaft, schimpft auf „korrupte Geschäftsleute“. Sie heizten die Preisspirale zusätzlich an. Die Verbraucher könnten sich viele Produkte längst nicht mehr leisten. Die Führung in Damaskus versucht das Problem auf ihre Art zu bewältigen: Im Frühjahr 2017 brachte sie eine neue 2.000-Pfund-Note im Gegenwert von vier Euro heraus. Statt Darstellungen der antiken Stätten des Landes trug sie erstmals ein Porträt von Staatspräsident Baschar al-Assad. Mit 47,7 Prozent erreichte die Inflation im Jahr 2016 ihren Höhepunkt. Im Frühjahr 2017 lag sie bei knapp 30 Prozent. Vielerorts werden türkische Lira oder US-Dollar als Parallelwährung genutzt.