• Jürgen Lorenz

Seianus – ein Fall von damnatio memoriae auf römischen Münzen


Wenn in Rom ein Kaiser oder Personen, die in seinem Umfeld waren, in Ungnade gefallen sind, so kam es vor, dass ihr Andenken in der Öffentlichkeit ausgelöscht werden sollte. Diesen Vorgang nennt man "damnatio memoriae". Bei Kaisern wie Domitian oder Severus Alexander ist dies geschehen. Marmorbildnisse des Domitian wurden nach dessen Tod in Porträts seines Nachfolgers Nerva umgearbeitet. Spezialisten können heute noch diese Umarbeitungsspuren nachvollziehen. Oftmals wurden auch die Namen der Person, dessen Andenken ausgelöscht werden sollte, aus offiziellen Inschriften, etwa auf Triumph-Bögen, eradiert und durch andere Titel oder Personen ersetzt. In der Münchner Glyptothek ist eine Marmor-Büste des Severus Alexander ausgestellt, die mutwillig zerschlagen wurde. Die Damnatio Memoriae ist ein spannendes kulturhistorisches Phänomen, zeigt sie doch einerseits die heftige negative Reaktion auf einen unbeliebten Herrscher bzw. dessen Umfeld und andererseits lässt sie auch in die römische Seele blicken. Denn für die Römer war es von allergrößter Bedeutung, dass man das Andenken an die Verstorbenen ehrt und wie man selbst von der Nachwelt gesehen wird. Daher war die Zerstörung des Andenkens in der Öffentlichkeit eine sehr schlimme Sache für die römische Gesellschaft. Gelegentlich kann man das Phänomen der Damnatio Memoriae auch auf römischen Münzen beobachten. Ein Beispiel aus dem frühen Prinzipat soll in diesem Beitrag vorgestellt werden.

Bei der Münze handelt es sich um ein As der Regierungszeit des Tiberius (14–37). Die Bronzemünze wurde im Jahre 31 geprägt, als Seianus Consul und damit auf dem Höhepunkt seiner Macht war. Zur Person des Seianus ist zu sagen, dass er Prätorianer-Präfekt war und eine gewisse Zeit zu den einflussreichsten Personen des Imperium Romanum zählte. Er soll laut Tacitus ein Freund des Gaius Caesar, Enkel und potentieller Thronfolger des Augustus, gewesen sein und bekleidete beim Herrschaftsantritt des Tiberius im Jahre 14 gemeinsam mit seinem Vater das Amt des Prätorianer-Präfekten. Da im selben Jahr sein Vater praefectus Aegypti (Statthalter von Ägypten) wurde, war Seianus alleiniger Kommandant der Prätorianergarde, die er nun als Basis für die Steigerung seiner Macht benutzte, unter anderem dadurch, dass er sie in den Castra praetoria, einem einzigen Lager auf dem Viminal außerhalb Roms, zusammenzog. Im Laufe der folgenden Jahre wurde er zu einem wichtigen Ratgeber des Kaisers, der ihn mit Ehrungen überhäufte und unter anderem Claudius’ Sohn Claudius Drusus 20 mit Seianus’ vierjähriger Tochter verlobte. Claudius Drusus starb jedoch wenig später. Auch einige Verwandte des Seianus wie sein Onkel Blaesus und sein Bruder Lucius Seius Tubero profitierten von Seianus’ Stellung beim Kaiser. Seine Adoptivschwester Aelia Paetina heiratete sogar im Jahr 28 ins Kaiserhaus ein. Die spätere Überlieferung unterstellte Seianus Pläne, sich selbst an die Spitze des Staates zu stellen. Im Jahr 31 wurde Seianus Konsul und erhielt anschließend prokonsularisches imperium, womit seine Position unangreifbar schien. Gleichzeitig mit ihm und seinem ältesten Sohn Strabo erhielt auch der letzte überlebende Sohn des Germanicus, Gaius (Caligula), ein Priesteramt. Seianus wurde unterdessen mit Livilla verlobt und stand damit im Begriff, in die Kaiserfamilie einzuheiraten. Tiberius ließ Seianus durch Naevius Sutorius Macro, den Präfekten der Vigiles, verhaften, dem er Sondervollmachten übertragen hatte, weil er sich nicht sicher war, wem die Loyalität der Prätorianer galt. Seianus wurde vom Senat zum Tod verurteilt und mitsamt seinen Kindern im Tullianum hingerichtet und auf der Gemonischen Treppe ausgestellt. Seine Tochter, die noch Jungfrau war, wurde zuvor vergewaltigt, da es als Frevel galt, Jungfrauen hinzurichten. Macro folgte ihm als Kommandeur der Prätorianergarde nach.

Seianus fiel der Damnatio memoriae anheim. Seine Statuen wurden zerschlagen. Seine Adoptivschwester wurde von Claudius geschieden. Die verstoßene Ehefrau Apicata gestand im Zuge des Prozesses aus Rache an Livilla ihre Mitwissenschaft an Seianus’ und Livillas Mord an Drusus. Anschließend beging sie Selbstmord. Livilla und weitere angebliche Mitwisser wurden hingerichtet. In den folgenden Jahren wurden zahlreiche Senatoren und Ritter unter dem Verdacht, die Pläne des Seianus unterstützt zu haben, hingerichtet oder zum Selbstmord gezwungen. Auf der dargestellten Münze wurde der Name des Seianus mutwillig ausgelöscht. Es ist somit ein seltenes Zeugnis für die Damnatio Memoriae in der frühen römischen Kaiserzeit.