• Dietmar Kreutzer

Krisenfall „Alpendollar“ - Österreichs Währung 1918–1938


Am 14. Mai 1919 traf Staatskanzler Karl Renner (rechts) zu Vertragsverhandlungen zur Zukunft

Österreichs in Saint-Germain ein. (Bildquelle: Wikimedia, Bibliothèque national de France)

Die Inflationszeit Herbst 1918. Österreich-Ungarn war am Ende. Hunger breitete sich aus, die spanische Grippe grassierte, ganze Truppenteile desertierten. Anfang November 1918 begannen Friedensverhandlungen mit Italien. Noch vor dem Waffenstillstand konstituierte sich im niederösterreichischen Landhaus in Wien eine Provisorische Nationalversammlung. Deren Vollzugsausschuss informierte den amerikanischen Präsidenten Wilson über die Bildung eines Staates Deutschösterreich: „Der neue Staat beansprucht die Gebietshoheit über alle jene Gebiete des bisherigen Österreich, in denen die Deutschen die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Er nimmt das Recht auf völkerrechtliche Persönlichkeit in Anspruch, anerkennt den anderen Nationen der Monarchie das uneingeschränkte Recht zu, ihre Stellung innerhalb der Gesellschaft der Nationen in voller Freiheit zu bestimmen, und fordert dasselbe auch für die deutsche Nation.“(1) Nachdem Kaiser Karl I. auf die Ausübung der Regierungsgeschäfte verzichtet hatte, proklamierte die Provisorische Nationalversammlung am 12. November 1918 die Republik Deutsch­österreich.

In der Kampagne zu den Nationalratswahlen wies die Christlichsoziale Partei den Juden die

Schuld an der wirtschaftlichen Misere zu. (Bildquelle: Wikimedia, Steiner)

Das seiner Rohstoffquellen und Absatzmärkte beraubte Rumpfland Österreich ­litt schon bald unter Arbeitslosigkeit, Inflation und den exorbitanten Entschädigungsforderungen der Alliierten. Hinzu kamen die Kosten der Währungstrennung von den Nachfolgestaaten der Donaumo­narchie: „Man hatte von bestimmten Zeitpunkten an nur noch die durch einen Stempel gekennzeichneten als im verkleinerten Inland gültig betrachtet und wollte damit diejenigen Noten als ausländische ausschließen, die im Zeitpunkt der Abstempelungsaktion sich auf dem neuen Staatsgebiet nicht befanden.“(2) Die entwertete österreichische Krone blieb zunächst bestehen. In Ungarn wurde der Pengö, im späteren Jugoslawien der Dinar und in der Tschechoslowakei eine eigene Kronenwährung eingeführt. Eine Unterstützung des Not leidenden Landes durch die Siegermächte war anfangs nicht vorgesehen. Wien drohte im Dezember 1919 jedoch eine Hungersnot. Staatskanzler Renner prophezeite, dass die Stadt binnen drei Wochen ohne Brot sein werde. Sein Appell, ein „Massensterben ohne geschichtliches Beispiel“ zu vermeiden, wurde gehört: Von insgesamt neun Ländern kreditierte Lebensmittellieferungen setzten ein.

Während eine Koalitionsregierung unter Führung der Sozialdemokraten die Sozialgesetze reformierte, strebte die Inflation immer neuen Höchstständen zu. Eine panische Flucht in Sachwerte setzte ein. „Valutamädel“ aus dem verarmten Mittelstand boten Reisenden aus dem Ausland in großen Städten ihre Reize feil. Im September 1922 erreichte der Wertverfall mit 14.400 Papierkronen für eine Goldkrone seinen Höchststand. Der Disponent einer Wiener Metallwarenfabrik erklärte in der „Reichspost“, dass er das Geld zur Lohnauszahlung in Rucksäcken von der Österreichisch-Ungarischen Bank herbeischleppen ließ: „Da ich noch einen größeren Bestand Fünfzigtausender in der Kassa hatte, konnte ich trotz der Hunderterstöße verhindern, dass die Gehälter ein gar zu großes Gewicht erhalten. Sie wiegen ½ bis 2,05 Kilogramm; die Stöße sind sechs bis zwölf Zentimeter hoch; sie enthalten 1.400 bis 2.500 Stück Banknoten. Ich habe verlautbaren lassen, jeder Angestellte möge morgen zur Auszahlung eine Tasche mitbringen.“ (3)

Nach der Sanierung des Finanz- und Wäh­rungs­systems wurde Bundeskanzler Ignaz Seipel

(1873–1932) als „Retter Österreichs“ gefeiert. (Bildquelle: Wikimedia, Library of Congress)

Der „Alpendollar“ Staatskanzler Ignaz Seipel von der Christlichsozialen Partei trat die Flucht nach vorn an. Er reiste nach Deutschland, in die Tschechoslowakei und nach Italien, bot den Anschluss Österreichs an ein größeres Wirtschaftsgebiet an. Als er beim Völkerbund in Genf eintraf, einem Vorläufer der Vereinten Nationen, waren die bislang eher desinteressierten Großmächte alarmiert. Innerhalb kürzester Zeit wurde eine Anleihe über 650 Millionen Goldkronen aufgelegt, mit deren Hilfe die Staatsfinanzen saniert werden sollten. Erste Maßnahmen: Gründung einer Nationalbank und Währungsreform. Am 2. Januar 1923 nahm die Österreichische Nationalbank als Nachfolger der Österreichisch-Ungarischen Bank ihre Arbeit auf. Beabsichtigt war die Wiedereinführung des Goldstandards mit einer Dritteldeckung des Bargeldumlaufs. Zur Funktionsfähigkeit sollten schrittweise Edelmetallreserven angesammelt werden. Die Krone erschien wegen der langen Inflationsjahre für den Neubeginn wenig geeignet.

Die Abkehr von der Krone verlief jedoch schleppend. Durch Bundesgesetz vom 19. Juli 1923 wurde die Regierung zunächst ermächtigt, unedle Münzen im Wert von 100, 200 und 1.000 Papierkronen auszugeben. Mit dem Kleingeld sollten Banknoten geringen Wertes abgelöst werden. Bis Jahresende kam es jedoch lediglich zur Ausgabe einer Bronzemünze zu 100 Kronen. Parallel dazu wurden Goldmünzen zu 20 und 100 Kronen geprägt, die angesichts der geringen Stückzahl aber vor allem symbolische Bedeutung hatten. In Gewicht und Legierung entsprachen sie den Münzen des Kaiserreichs. Nur die Gestaltung war verändert worden. In einem weiteren Gesetz vom 21. Dezember 1923 tauchte erstmals der Begriff „Schilling“ auf, der anfangs nur als Nominal der Silbermünzen mit hohen Wertbezeichnungen gedacht war: Eine Münze im Nennwert von 5.000 Kronen mit Bezeichnung Halbschilling, eine Münze im Nennwert von 10.000 Kronen mit der Bezeichnung Schilling und eine Münze im Nennwert von 20.000 Kronen mit der Bezeichnung Doppelschilling. Als im Jahr 1924 diese und weitere Kleingeld-Münzen geprägt wurden, kommentierte die „Reichs­post“ begeistert: „Sehr hübsch sind die 1.000-Kronen-Nickelmünzen, einen schönen Dirndlkopf in Alpentracht vor einer fein angedeuteten Berglandschaft, auf der anderen Seite einen Kranz Edelweiß und Enzian in meisterhafter Medaillierung zeigend. Der Schilling (10.000 Kronen) ist ein wahres Prachtstück. Ein zarter Lorbeerzweig umgrünt das Wappenschild, die Rückseite zeigt das auch in einer der letzten Briefmarkenausgaben verwendete Wiener Parlamentsmotiv mit der Pallas Athene.“(4)

Die Ausgabe des „Doppelschillings“ erfolgte erst 1928 – als Gedenkmünze mit jährlich wechselnden Motiven. Mit Gesetz vom 20. Dezember 1924 wurde die Währungsreform dann konsequent zum Abschluss gebracht. Ab Neujahr 1925 war der Schilling zu 100 Groschen offizielles Zahlungsmittel. Das Wechselverhältnis zur Papierkrone wurde mit 1:10.000 festgelegt. Der Goldwert der neuen Währung entsprach dem Dollar-Stabilisierungskurs der Notenbank vom 18. Mai 1923. Für Scheidemünzen aus Silber und unedlem Metall galten staatliche Prägequoten und Annahmebeschränkungen. Aus dem Gesetzestext: „Die Bundesregierung wird Bundesgoldmünzen zu 100 und 25 Schillingen auf Rechnung des Bundes ausprägen. Hierbei entfallen auf einen Schilling 0,21172086 Gramm feinen Goldes. (…) Den Bundesgoldmünzen kommt unbeschränkte Zahlkraft für alle Zahlungen zu, die in Schillingen geleistet werden können.“ (5) Gegen Goldabgabe konnten die Münzen auch auf Privatrechnung geprägt werden. Zwischen 1926 und 1934 wurden so etwa 400.000 Münzen zu 100 Schilling und eine Million zu 25 Schilling geprägt. Der Begriff „Alpendollar“ entstand.

Als der Schilling im Zuge der Weltwirtschaftskrise abgewertet wurde, verloren die Münzen jedoch jede Bedeutung als Zahlungsmittel. Sie wurden zu Sammlerobjekten. Parallel dazu sind Dukaten nachgeprägt worden. Zwischen 1920 und 1936 wurden etwa eine Million einfache Dukaten und 500.000 Vierfach-Dukaten hergestellt. Schon damals erschien die Jahreszahl 1915 auf den Nachprägungen: das letzte Herstellungsdatum während der Kaiserzeit. Die alten Handelsgoldmünzen hatten ihren Charakter als Zahlungsmittel zwar längst verloren, waren aber als Wertanlage und Brautschmuck gesucht: „Die in Dukaten verprägten Goldmengen waren jedoch naturgemäß weitaus geringer als in der Kaiserzeit. Die in den 17 Prägezahlen von 1920 bis 1936 verwendete Goldmenge von 11,31 Tonnen ist weniger als die der vier unmittelbaren Vorkriegsjahrgänge 1911–1914 (zusammen 13,22 Tonnen). Es gab nun Konkurrenz durch eigenständige tschechische (ab 1923, von Petrovits initiiert), jugoslawische (1931–1934) und bulgarische Dukaten-Prägungen.“ (6) Dennoch wurden österreichische Dukaten mit dem Porträt des früheren Kaisers in die Balkanländer exportiert. Von späteren Nachprägungen klar unterscheidbar sind nur die mit jugoslawischen Punzen versehenen Dukaten.

Die Wirtschaftskrise

Auf welch tönernen Füßen die österreichische Wirtschaft stand, zeigte sich bereits beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Im Herbst 1929 stand die österreichische Bodencreditanstalt vor dem Zusammenbruch. Eine Fusion mit der Creditanstalt für Handel und Gewerbe, der größten Bank in Österreich, schien die Lösung: „Und so schickte man nach dem Präsidenten der Creditanstalt, nach dem Herrn Rothschild, um seine Entscheidung einzuholen. Rothschild befand sich in diesem kritischen Augenblick auf der Jagd, und man ließ ihn also suchen, man mobilisierte zu diesem Zweck die Gendarmerie in ein paar Gerichtsbezirken, und es hing nun nicht viel weniger als das Schicksal der österreichischen Volkswirtschaft (…) davon ab, ob man den Herrn Rothschild bei der Jagd rechtzeitig findet oder nicht, und davon, ob er nicht etwa, durch die Störung der Jagd verstimmt, seine Zustimmung verweigern würde.“ (7)

Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (links) und Heimwehrführer Ernst Starhemberg führten 1934 eine autoritäre „Kanzlerdiktatur“ ein. Bildquelle: Der Standard

Louis Rothschild stimmte zu. Nicht einmal zwei Jahre später stand sein eigenes Bankhaus vor dem Zusammenbruch. Die Krise eskalierte: Innerhalb von drei Jahren sank das Bruttosozialprodukt um 23 Prozent. Die offizielle Arbeitslosenquote stieg auf 26 Prozent, die inoffizielle auf astronomische 36 Prozent!Eine Flucht aus dem Schilling setzte ein, was einen faktischen Wertverfall zur Folge hatte. Im Oktober 1931 wurde eine erste Devisenverordnung erlassen: „Aus dem Verkaufspreis für Gold lässt sich ein Bild vom Ausmaß der Abwertung gewinnen. 100 Goldschillinge kosteten demnach schon zum Zeitpunkt der Einführung der Devisenbewirtschaftung ca. 111 Schilling. In der zweiten Novemberhälfte stieg das Agio des Goldes auf über 34 Prozent, was als eine Folge der durch die dritte Devisenverordnung ermöglichten Kapitalflucht angesehen werden kann.“ (8) Innerhalb weniger Monate verlor die Nationalbank nahezu ihre gesamten Devisenreserven. Im Jahr 1932 erreichte die Krise ihren Höhepunkt: „Ende März 1932 war der Bestand der Nationalbank an Gold und Golddevisen so zusammengeschmolzen, dass die statutarische Mindestreserve von 24 Prozent nicht mehr gegeben war, was automatisch die Verpflichtung zur Entrichtung einer Notensteuer nach sich zog.“ (9) Der neu ernannte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß stoppte daraufhin die Bedienung der auf 4,3 Mrd. Schilling angeschwollenen Auslandsschulden. Nach einer Abstimmungspanne im Nationalrat verhinderte der Bundeskanzler ein erneutes Zusammentreten des Hohen Hauses.

Auf der Grundlage eines kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes von 1917 wurde der Übergang zur Diktatur vollzogen. Die Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten und Konservativen gipfelten in Straßenschlachten paramilitärischer Einheiten. Ein Aufstand des links orientierten Schutzbundes im Februar 1934 endete in einer Katastrophe: „Der Aufstand, der sich auf Wien, Linz, Steyr und das obersteirische Industrierevier konzentriert, wird vom Militär und den Heimwehrverbänden blutig niedergeschlagen. Insgesamt gibt es 311 Tote und 802 Verwundete. Neun Aufständische werden standrechtlich zum Tode verurteilt und hingerichtet, einer von ihnen schwer verwundet auf der Bahre zum Galgen geschleppt.“ (10) Der autoritäre Ständestaat entstand. Die neue Bezeichnung „Bundesstaat Österreich“ und das veränderte Wappen erforderten die Ausgabe neuer Münzen. Dabei wurde der größte Teil des Silbergeldes demonetisiert. Der Metallwert der alten Münzen überstieg den Nennwert: „Durch eine Verordnung vom 28. Februar 1934 [wurde] die Einführung neuer Scheidemünzen in Österreich verfügt. Die bisher ausgeprägten Silbermünzen im Nennwert von einem halben Schilling und 1 Schilling sowie die von der Oesterreichischen Nationalbank ausgegebenen Bank­noten zu 5 Schilling wurden eingezogen. Die 50-Groschen- und 1-Schilling-Stücke wurden durch Nickelmünzen ersetzt, die 5-Schilling-Note durch eine Silbermünze gleichen Werts.“ (11) Diese Silbermünze mit dem Bildnis der Gnadenmutter von Mariazell (Steiermark) erlangte große Popularität. Die Motivwahl zeigt den Politikwechsel an. Politische und religiöse Beweggründe rücken bei der Motivwahl in den Vordergrund.

Die jährlich als Gedenkmünzen erscheinenden Doppelschillinge würdigten nun nicht mehr Jubiläen längst verstorbener Musiker oder Wissenschaftler. Mit Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß oder Karl Lueger wurden meist konservative Politiker der jüngsten Vergangenheit porträtiert. Zur Machtübernahme der Nationalsozialisten war es da nur noch ein kleiner Schritt. Im Morgengrauen des 12. März 1938 rückten deutsche Truppen in Österreich ein, wo sie von der Bevölkerung stürmisch begrüßt wurden. Der Anschluss ans Reich wurde einen Tag später vollzogen. Der Übergang zur Reichsmark erfolgte stufenweise. Durch Verordnung vom 25. Mai 1938 wurden die Gold- und Silbermünzen für ungültig erklärt. Sie konnten in allen Bankfilialen zum festgelegten Wechselkurs eingetauscht werden. Mit Wirkung vom 1. Oktober 1939 wurden auch die Scheidemünzen zu 10 und 50 Groschen sowie 1 Schilling ungültig.

Am 15. März 1938 verkündete Adolf Hitler auf dem Wiener Heldenplatz den Anschluss Österreichs an Deutschland. Bildquelle: Wikimedia, National Archive (USA)

Quellenangaben: 1 Heinz Siegert: Hausbuch der österreichischen Geschichte. Wien 1976, S. 162. 2 Herbert Rittmann: Moderne Münzen. München 1974, S. 172. 3 Karl Bachinger u.a.: Abschied vom Schilling - Eine österreichische Wirtschaftsgeschichte. Graz 2001, S. 40. 4 Bachinger, S. 66. 5 Schillingrechnungsgesetz, BGBl. Nr. 461/1924, www.ris.bka.gv.at 6 Wolfgang Hahn: Die Österreichischen Dukaten als Handelsgoldmünzen. In: Money Trend, Heft 9/2001, S. 57. 7 Protokoll einer Parlamentsrede von Otto Bauer, zitiert nach: Währungspolitik in der Zwischenkriegszeit. Wien 1991, S. 255. 8 Währungspolitik in der Zwischenkriegszeit, S. 327. 9 Eduard März: Die große Depression in Österreich 1930–1933. In: Wirtschaft und Gesellschaft, Heft 3/1990, S. 426. 10 Siegert, S. 169. 11 Bachinger, S. 129

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