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20 Jahre Gemeinschaftswährung: Erinnerungen europäischer Schriftsteller

Bei einem Gipfeltreffen in Madrid im Jahr 1995 war der Name der neuen europäischen Gemeinschaftswährung festgelegt worden. Ein Jahr später ist in Dublin der Stabilitäts- und Währungspakt angenommen worden. Im Jahr 1998 wurde die Europäische Zentralbank gegründet. Im Mai des Jahres fiel die Entscheidung, dass elf Staaten die Kriterien für die Teilnahme erfüllten. Später kam Griechenland zu den Teilnehmerländern hinzu. Im Januar 1999 wurde dann der Wert des Euro im Verhältnis zu den Währungen der Teilnehmerländer festgelegt. Am 1. Januar 2002 sind schließlich die neuen Geldscheine und Münzen in Umlauf gebracht worden. Anlässlich des Ereignisses blickten europäische Schriftsteller auf Erlebnisse im Vorfeld dieses Ereignisses zurück: „An dem Gulden, den Leon de Winter noch in der Hand des Kindes spürt, das er einmal gewesen ist, an dem Franc und dem Sou, deren Spuren Michel Tournier durch die französische Sprache und Kultur folgt, an der Drachme und der Finnmark, denen Petros Makaris und M. A. Numminen eher verhaltene Nachrufe widmen, an dem irischen Pfund, dessen Geheimnisse John Banville trotz aller Bemühungen nicht einmal der eigenen amerikanischen Frau nahebringen konnte, an dem Schilling, dessen Josef Haslinger mit Nachsicht gedenkt, und an dem Escudo, der für Mário de Carvalho nur ein Jungspund in der uralten portugiesischen Geschichte ist, an all diesen Münzen und Scheinen hängt eben immer auch ein Stück Erinnerung an das eigene Leben.“ (Ade ihr schönen Scheine, München 2001, S. 99f.). Vier Episoden sollen als Beispiele für die Wehmut anlässlich des Verlustes der alten Währungen und des Aufbruchs in eine Gemeinschaftswährung stehen.

Euro-Bargeld. [Bildquelle: Wikimedia, Anja Suess].

Der Schriftsteller Leon de Winter (geboren 1954) berichtete, dass er mit sieben Jahren seiner Mutter einen Gulden aus dem Portemonnaie stahl: „Ich ging in einen verschwiegenen Winkel des Gartens, unter eine der Zierkirschen, und betrachtete den Gulden andächtig. Der niederländische Gulden wurde damals aus einer Legierung mit Silber gemacht und glänzte nicht, sondern war eher matt. Er sah aus und fühlte sich an wie echtes Silber. Und auf ihm prangte das Konterfei von Königin Juliana, was seinen Wert in meinen Augen noch erhöhte.“ (Ebenda, S. 16). Im neu eröffneten Einkaufszentrum seiner Heimatstadt kaufte er sich für die Münze fünf Roombroodjes – mit Puddingsahne gefüllte und mit Puderzucker bestäubte Gebäckstücke. Doch das schlechte Gewissen quälte ihn. Als der Junge kurz darauf in einem Preisausschreiben einen Hubschrauberflug gewann, drückte ihm der Pilot zum Abschied einen Gulden in die Hand. In aller Stille legte er ihn zurück in die Geldbörse der Mutter. Noch heute erinnert er sich an diese Zeit: „Wenn ich die Augen schließe, ist es Sommer, und ich habe einen Gulden in der warmen Faust.“ (Ebenda, S. 21).

Gulden (Niederlande, 1958, 720er Silber, 6,5 Gramm, 25 mm). [Bildquelle: NumisCorner].

Der Portugiese Mário de Carvalho (geboren 1944) stöberte als Kind im Haus seiner Großeltern herum. In einer Schublade fand er alte Münzen: „Es waren vergessene Überbleibsel der Vergangenheit. Sie rollten schön über den abgewetzten Terrakottafliesenboden und waren für unsere Kinderspiele gut zu gebrauchen.“ (Ebenda, S. 31). Später spielte er mit einem Escudo-Stück: „In der Schule vertrieben wir uns in den schläfrigsten, finstersten Unterrichtsstunden die Zeit damit, ihn als Negativ auf ein Blatt Papier zu kopieren, indem wir kräftig mit einer Bleistiftspitze darauf rubbelten. Je mehr Geduld man aufbrachte, desto besser wurde der schwarze Abdruck auf dem Blatt.“ (Ebenda, S. 33). Doch dann kam die Inflation. Innerhalb weniger Jahrzehnte war aus einer großen Silbermünze ein kupfernes Nichts geworden, groß wie ein Knopf und leicht wie eine Tablette. Am liebsten hatte Carvalho das Zweieinhalb-Escudo Stück: „Auf der Rückseite beschwor auf silbrigem Grund eine schön gezeichnete Karavelle Erinnerungen an Reisen, das Meer, ferne Länder herauf.“ (Ebenda, S. 35). Doch auch diese kleinen Silbermünzen wurden im Zuge der Geldentwertung eingezogen. Der Übergang zum Euro fiel dem Schriftsteller so nicht schwer.

2,5 Escudos (Portugal, 1951, 650er Silber, 3,5 Gramm, 20,5 mm). [Bildquelle: Numismatic Guaranty Corp.].

Josef Haslinger (geboren 1955) aus Österreich hat angenehmere Erinnerungen an seine verflossene Währung: „In meiner Geldbörse befindet sich eine Schilling-Münze aus dem Jahre 1962. Da war ich sieben Jahre alt. Es war die Zeit, in der ich solche Münzen erstmals in die Hand bekam, von Verwandten meist. Ich habe sie, im Sinne der Wohltäter, unzweckmäßig verwendet. Ich habe damit nämlich Kaugummis gekauft und im Laufe der Zeit die Kunst gelernt, damit laute Schnalzgeräusche zu erzeugen und sie zu großen Ballons aufzublasen, so groß, dass sie beim Zerplatzen auch noch die Nase einhüllten.“ (Ebenda, S. 71) Später lernte Haslinger auf Reisen den beachtlichen Wert des Schillings kennen. Als er mit elf Jahren das erste Mal nach Italien fuhr, bekam er für eine Hundert-Lire-Münze vier Schilling. Einige Zeit später kostete das Stück weniger als einen Schilling. Ein wunderbarer Wertzuwachs des Schilling schien eingetreten zu sein. Doch der Preisanstieg im Gastland hatte die Münze entwertet, die er beim Umtausch bekam. Eine weitere Erfahrung ließ Haslinger auf die Einführung der Gemeinschaftswährung von 2002 hoffen. Der Autor freute sich, dass ihn die Geldwechsler von Barcelona nicht mehr übers Ohr hauen konnten!

Schilling (Österreich, 1965, Aluminium-Bronze, 4,2 Gramm, 22,5 mm). [Bildquelle: Numismatic Guaranty Corp.].

Der finnische Autor M. A. Numminen (geb. 1940) erzählt über die Geschichte der Familie Häädelmä, die schon im Dreißigjährigen Krieg für König Gustav II. Adolf von Schweden und Finnland gekämpft hat. Im 19. Jahrhundert legte sich ein Urahn der Familie eine Münzsammlung zu. Zu dieser Zeit gehörte Finnland zum Zarenreich. Man zahlte also mit russischen Rubeln: „Eine überraschende Wende trat ein, als Zar Alexander II. den finnischen Senat aufforderte, Vorschläge für eine eigene Währung auszuarbeiten, woraufhin Finnland 1860 die Mark (markkaa) einführte.“ (Ebenda, S. 79). Erste finnische Gold- und Silbermünzen kamen in Umlauf. Der Pianist Jousia Häädelmä konnte seine Sammlung nun mit modernen Stücken ergänzen. Sein liebstes Stück waren aber zwei Markkaa von 1682, aus der Zeit von Schwedens König Karl XI. Niemand bekam die Rarität zu Gesicht, nicht einmal sein Sohn Mainio. Jener musste den inflationsbedingten Niedergang der Mark miterleben: „Anfang 1963 trat ein Gesetz in Kraft, infolgedessen sich der Wert einer Geldeinheit verhundertfachte. Die überkommene Bezeichnung wurde beibehalten, doch entsprachen hundert alte einer neuen Mark.“ (Ebenda, S. 85). So freute sich Mainio als Rentner über ein neues Sammelgebiet und klärte seine Frau über das dreizehnte Gebot auf: Du sollst den Euro lieben wie dich selbst!

Markkaa (Finnland, 1922, Kupfer-Nickel, 5,1 Gramm, 24 mm). [Bildquelle: MA-Shops, Wallin Mynthandel].

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