Das Ende des Silberdollars

02.12.2019

Seated Liberty Dollar, USA, 1871, 900er Silber, 26,7 g, 38 mm. Bildquelle: Wikimedia, Cointalk.

 

In einer seiner mexikanischen Geschichten weist B. Traven dem Silberdollar eine Hauptrolle zu. Ein betrogener Ehemann nimmt die Münze in die Hand, die seine Frau für einen Liebesdienst erhalten hatte. Er sah ihn an, als ob er eine solche Münze zum ersten Mal in seinem Leben sähe. Er wiegte den Dollar in seiner offenen Hand hin und her, biss auf ihn, ließ ihn zu Boden fallen, um seinen klingenden Ton zu hören, nahm ihn wieder vom Fußboden auf und sagte: „Es ist gutes Geld. Silber, ist rein und echt. Wird niemals rostig. Niemals betrügt es den Menschen, der sein Vertrauen in gutes Silber setzt. Es ist rein und für immer und für ewig bleibt es rein.“ (B. Traven, Der Silberdollar; in: Erzählungen, 2. Band, Berlin 1969, S. 149).

 

Als der Autor die Erzählung vor etwa 75 Jahren in seinem mexikanischen Exil schrieb, galt der Silberdollar sowohl in den USA als auch in Mexiko tatsächlich noch als ein unvergänglicher Wertspeicher. Der Niedergang des Silbers als werthaltiges Währungsmetall hatte jedoch bereits seit einiger Zeit eingesetzt. Vor etwa 200 Jahren entschied sich Großbritannien für eine Währung auf Goldbasis - mit weitreichenden Folgen. Der Übergang zum Goldstandard in den fortschrittlichen Ländern der Welt während des 19. Jahrhunderts ließ den Silberpreis unter Druck geraten: „Der Silberstrom hielt unvermindert an. Mexiko erzeugte jährlich 554, Peru 151, Potosi 96,5, Deutschland 20,9, Österreich-Ungarn 29,5 und Russland 20,2 Tonnen des weißen Währungsmetalls; insgesamt wird die durchschnittliche jährliche Weltsilberproduktion für den Zeitraum von 1801 bis 1810 mit der Rekordziffer von 894 Tonnen angegeben.“ (Günter Ludwig, Günter Wermusch, Silber, Berlin 1986, S. 289). Die Gründe für die hohen Fördermengen, die im Verlauf des Jahrhunderts sogar noch stiegen, waren vielfältig. Der Bergbau wurde industrialisiert, sodass eine preiswertere Förderung möglich war. Silber war nun auch ein Nebenprodukt der Buntmetallgewinnung.

 

 Morgan Dollar, USA, 1879, 900er Silber, 26,7 g, 38 mm. Bildquelle: Wikimedia, Bigheart.

 

Ab 1873 wurde in den USA der Dollar in Gold notiert, die freie Ausprägung von Silber eingestellt. Die Besitzer der heimischen Silberminen schafften es jedoch immer wieder, ihre wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen. Prägekontingente wurden ausgehandelt. So entstand der „Morgan-Dollar“ von 1878, benannt nach dem gleichnamigen Designer. Die Außerkurssetzung großer Mengen von Silbermünzen in vielen Staaten, ab 1935 sogar in China und Indien, ließ den Silberpreis aber immer weiter fallen. So verlor das Silber allmählich seinen Gebrauchswert und in der Folge seinen Ruf.

 

 Peace Dollar, USA, 1928, 900er Silber, 26,7 g, 38 mm. Bildquelle: The Spruce Crafts.

 

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sah es so aus, als ob das Silber als Währungsmetall eine Renaissance erleben würde. Der Rückgang der Silberförderung mit einem anschließend steigenden Bedarf an silbernen Scheidemünzen ließ den Preis des Metalls wieder steigen. Neben anderen Staaten orderte sogar das neu erstarkende Deutschland mexikanisches Silber, um große Mengen seiner „Heiermänner“ zu fünf Deutschen Mark aus 625er Silber herzustellen. Als sich herumsprach, dass die Förderung den Bedarf wohl nicht mehr decken würde, setzte ein Ansturm auf US-amerikanische Silbermünzen ein. Die Regierung erließ ein neues Münzgesetz: „Seit 1966 wurde der bisherige Feingehalt der Halbdollarmünze von 90 Prozent auf 40 Prozent verringert, und den 10- und 25-Cent-Münzen wurde das Silber gänzlich entzogen (Dollarmünzen waren seit 1934 nicht mehr geprägt worden). Damit sank der Silberverbrauch für US-amerikanische Münzen schlagartig von 320 Millionen auf 54 Millionen Unzen.“ (Ebenda, S. 300).

 

 Eisenhower Dollar, USA, 1964, Kupfer-Nickel, 22, 27 g, 38 mm. Bildquelle: Wikimedia, Bigheart. 

 

 

Mit einer geringen zeitlichen Verzögerung zog das benachbarte Mexiko nach. „Die Peso-Münzen konnten trotz ihres gering gewordenen Wertes ihre Herkunft aus einem Silberland bis 1967 nicht verhehlen: Im Gewicht von 13 bis 16 Gramm sanken sie bei wechselndem Münzbild von der Feinheit von 500/1000 auf 300/1000 (1950) und ab 1957 schließlich auf 100/1000. Seit 1970 ist der Peso eine 9 Gramm schwere Kupfernickelmünze.“ (Herbert Rittmann, Moderne Münzen, München 1974, S. 270). Innerhalb weniger Jahre demonetisierten alle übrigen Länder ihre Silbermünzen.

 

Silber schien als Wertaufbewahrungsmittel nun endgültig ausgedient zu haben. Dem entsprechend sank der Silberpreis im September 1971 bis auf 1,35 pro Unze. Im gleichen Jahr hob US-Präsident Nixon die Goldbindung des krisengeschüttelten Dollars auf. Ein Ansturm auf Sachwerte wie Immobilien, Gold und Edelsteine setzte ein. In dessen Windschatten erholte sich auch der Silberpreis. Der texanischen Ölmilliardär Nelson Bunker Hunt und sein Bruder William Herbert nutzten den Aufschwung, indem sie eine gigantische Spekulationswelle ins Rollen brachten. Bis zum Januar 1980 trieben sie den Wert einer Unze Silber durch massive Ankäufe auf gigantische 54 Dollar. Dann platzte die Blase.

Jahrzehntelang hat sich der Silberpreis nach diesem Schock nicht wieder erholen können. Seitdem wird Gold als einzig ernst zu nehmende Alternative für die durch Krisen, Inflation und Staatsverschuldung bedrohten Währungen angesehen. Insofern hat sich die Silberkrise des 19. Jahrhunderts vor nicht allzu langer Zeit wiederholt. Das damals aufkommende Papiergeld „konnte auf die Dauer nur auf ein allgemeines Äquivalent fixiert werden, und das war entweder Gold oder Silber. (…) Die entwickelten Industrieländer entschieden sich für das Gold.“ (Ebenda, S. 294).

 

 

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