Ein gehörnter Pferdekopf als Münzmotiv

Als der Seleukide Antiochos I. Soter (294/93-281-261 v. Chr.) nach dem Tode seines Vaters Seleukos I. Nikator (281 v. Chr.) die Alleinherrschaft im Seleukidenreich antrat, ließ er in Baktrien ab 281/80 v. Chr. Münzen prägen, die auf der Rückseite einen gehörnten Pferdekopf zeigen.

 

 Tetradrachmon Antiochos´ I. (um 281/80–268 v. Chr.), 15,60 g, (Höhe Vs.) 25 mm, Münzstätte Ai Khanoum oder Baktra. Bildquelle: H. D. Rauch, Auktion 96 (Dezember 2014), Los 118.

 

Während die Vorderseite ein Porträt Antichos´ I. trägt und die Rückseite seine Königstitutlatur nennt – [Münze] des Königs Antiochos –, nimmt der gehörnte Pferdekopf Bezug auf seinen Vater Seleukos I. Nikator. Beim gehörnten Pferdekopf auf der Münzrückseite handelt es sich nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Wiedergabe des vergoldeten Pferdekopfdenkmals in Antiocheia am Orontes, das Seleukos I. zu Ehren seines verstorbenen und vergöttlichten Leibpferdes hatte errichten lassen. Der altorientalischen Mythologie zufolge waren Stierhörner ein Attribut der Götter. Ikonografisch betrachtet, wurde der Pferdekopf mit diesen Stierhörnern zum Zeichen seiner Apotheose (Vergöttlichung) ausgestattet. Aber warum so große Ehren für ein totes Pferd? Nun, um eine Antwort auf diese Frage zu finden, müssen wir uns die historischen Ereignisse der Jahre 320-315 v. Chr. noch einmal kurz in Erinnerung rufen. 320 v. Chr. beteiligte sich Seleukos zusammen mit anderen hohen Offizieren an der Ermordung des Reichsverwesers Perdikkas, nachdem dieser versucht hatte, den ägyptischen Satrapen Ptolemaios aus der Macht zu drängen und damit kläglich gescheitert war – Perdikkas hatte bei diesem militärischen Abenteuer 2000 Mann verloren. Die Konsequenz: Als die Positionen im Reich einige Monate später im Vertrag von Triparadeisos (320 v. Chr.) neu geregelt wurden, erhielt nun auch Seleukos mit Babylonien eine eigene Satrapie. Seleukos blieb allerdings nur wenig Zeit, um seine Herrschaft in Babylonien zu konsolidieren, denn bereits 317 v. Chr. griffen die kriegerischen Auseinandersetzungen der Diadochen auf seine Satrapie über. So hatte der mächtige Satrap Großphrygiens, Pisidiens, Lykiens und Pamphyliens, Antiognos Monophthalmos – sein Beiname bedeutet „der Einäugige“ –, der mit der Vernichtung noch existierender Perdikkas-Anhänger beauftragt worden war, den Eumenes von Kardia, von Kleinasien nach Osten abgedrängt, woraufhin jener in Babylonien einmarschierte und sich dort festsetzte (317/16 v. Chr.). Seleukos wehrte sich zwar dagegen, konnte letztlich aber weder mit Dammdurchstichen noch mit Kanalableitungen etwas gegen Eumenes ausrichten. Erst als Antigonos auf Babylonien vorrückte, floh Eumenes noch weiter nach Osten. Seleukos verbündete sich daraufhin mit Antigonos, stellte ihm Truppen und handelte sogar in dessen Auftrag. Die Folge, Eumenes wurde im Kampf besiegt und Antigonos war nun der einzige Vertreter der Zentralgewalt in den asiatischen Satrapien. Diese Position nutzend, ging er sofort radikal gegen seine Gegner vor, setzte sie ab, bzw. entmachtete sie und ließ sie hinrichten. Als er dann zurück in Babylon auch von Seleukos plötzlich Rechenschaft über die fiskalische Verwaltung der Satrapie Babylonien forderte, „verschloss sich dieser dem Ansinnen mit der Begründung, dass er nicht Antigonos´ Untergebener, sondern mit ihm gleichrangig sei, und floh, für sein Leben fürchtend, zu Ptolemaios nach Ägypten (315 v. Chr.).“ (Andreas Mehl, Seleukos I., in: Kai Brodersen [Hrsg.], Große Gestalten der griechischen Antike, 58 historische Porträts von Homer bis Kleopatra, München 1999, S. 453.) Da die Flucht, die Seleukos im Jahre 315 v. Chr. in Babylon antrat, eine überstürzte war, griff er kurzerhand auf sein Leibpferd als „Fluchthilfe“ zurück und hatte damit großen Erfolg, denn dies erwies sich als ungeheuer kräftig und ausdauernd und rette ihm so das Leben. Dass er dieses Pferd am Ende vergöttlichte und ihm ein prächtiges Denkmal errichtete, war folglich keine königliche Marotte, sondern Ausdruck tiefer Dankbarkeit. Leider hat sich das vergoldete Pferdekopfdenkmal, das Seleukos in Antiocheia errichten ließ, weder im Original noch in einer Kopie erhalten. Die Münzen mit dem gehörnten Pferdekopf sind somit die einzigen Artefakte, die uns einen Eindruck davon vermitteln, wie dieses Denkmal einst ausgesehen haben könnte.

 

 Detail der Bildnisbüste Seleukos´ I. Nikator, Vater des Antiochos I. Soter. Bronzenachguss eines hellenistischen Originals. Aus der Villa der Pisonen bei Herculaneum. Vorbild um 305 v. Chr. Standort: Archäologisches Nationalmuseum, Neapel. Bildquelle: Massimo Finizio, Wikimedia Commons.

 

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