Ein antiker Silberstater war das Vorbild

Im Gedenken an den Vertrag über den Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft vom 28. Mai 1979 emittierte Griechenland 1979 eine 10.000-Drachmen-Goldmünze.

 

Griechenland, 10.000 Drachmen, Gold 900er, 20 g, 31.0 mm, Auflage: 10.000 Exemplare in PP, Münzstätte Athen. Bildquelle: Künker, Auktion 279 (23. Juni 2016), Los 3450.

 

Wie unschwer zu erkennen ist, zeigt diese auf ihrer Rückseite das Abbild des auf dem Omphalos sitzenden Gottes Apollon, der mit einem langen Chiton bekleidet ist, einen Lorbeerkranz im Haar trägt und sich mit seinem rechten Ellbogen auf eine große Konzert-Kithara stützt. An seiner linken Schulter lehnt zudem ein großer Lorbeerast. Vor ihm findet sich als Beizeichen seine heilige Gerätschaft, der brennende Dreifuß. Dass dies Bildmotiv nicht modern ist, sondern auf ein antikes Vorbild zurückgeht, belegt außer dem Dargestellten die Münzumschrift und damit die Delphische Amphiktyonie als Prägeherren ausweist. Die Amphiktyonie wiederum war ein Bund, der aus zwölf griechischen Stämmen bestand und sowohl über das Heiligtum der Demeter in Anthela als auch über das Heiligtum des Apollon von Delphi gebot. Und in der Tat ließ die besagte Amphiktyonie zwischen Herbst 336 und Frühjahr 334 v. Chr. Silberstatere prägen, die auf ihrer Vorderseite das nach links gewandte Porträt der Göttin Demeter trugen und auf ihrer Rückseite das bereits erwähnte Bildnis Apollons zeigten.

 

 Delphi (Delphische Amphiktyonie), Stater (um 336-335/34 v. Chr.), Silber, 11,99 g, 23 mm, Münzstätte Delphi. Bildquelle: Gorny & Mosch, Auktion 265 (14. Oktober 2019), Los 298.

 

Will man verstehen, warum die Amphiktyonie diese Silberstatere in dem genannten Zeitraum aber überhaupt prägen ließ, muss man sich ein paar Fakten der Geschichte Delphis in Erinnerung rufen. Um 373 v. Chr. verwüstete ein Bergsturz in Delphi den gesamten Nordwest-Teil des Apollon Heiligtums, einschließlich des um 500 v. Chr. fertiggestellten Apollon Tempels. Nun wollte der Rat der Delphischen Amphiktyonie diese Verwüstungen zwar sobald wie möglich beseitigen und den Apollon Tempel neu errichten, doch sollten noch Jahrzehnte vergehen, ehe eine einheitliche Finanzierung des Tempelneubaus in Angriff genommen wurde. Erst Jahre nach Beendigung der Heiligen Kriege (356-346 v. Chr. Dritter Heiliger Krieg und 340-338 v. Chr. Vierter Heiliger Krieg) entschlossen sich die für den Tempelbau Zuständigen dazu, vereinheitlichte finanzielle Mittel dafür bereitzustellen. Wie aus antiken Inschriften hervorgeht, veranlasste der Rat der Delphischen Amphiktyonie 336 v. Chr., dass die verschiedenen älteren Münzwährungen aus dem Schatz von Delphi eingeschmolzen und in neuen einheitlichen Münzen verausgabt werden sollten, um so häufig anfallende Geldwechseltransaktionen zu vermeiden. Zu diesen neuen Geprägen gehörten dann außer Drachmen und Hemidrachmen die erwähnten Statere im aiginetischen Münzfuß. Mit diesen Münzen sollte also der Neubau des Apollon Tempels bezahlt werden, der auf den verstärkten Fundamenten des 373 v. Chr. zerstörten alten Tempels wiedererrichtet wurde. Da die Ausprägung der Statere, Drachmen und Hemidrachmen nach anderthalb Jahren (Herbst 336 bis Frühling 334 v. Chr.) aber bereits wiedereingestellt wurde, dürfte der Tempel nicht alleine damit bezahlt worden sein. Dem Numismatiker Otto Mørkholm zufolge gestaltete sich die Münzproduktion wahrscheinlich komplizierter als ursprünglich angenommen, weshalb man die neue Münzemission seitens der Amphiktyonie bald aufgab und stattdessen die verschiedenen Münzwährungen zur Bezahlung des Tempelbaus heranzog, die dem delphischen Tempelschatz zuflossen.

Doch wenngleich diese silbernen Statere auch nur für kurze Zeit geprägt wurden, so war der stilistisch-künstlerische Eindruck, den sie bei der Nachwelt hinterließen, gewaltig. Schließlich gehören sie auf Grund ihrer überaus gelungenen Bildmotive zu den ästhetischsten Münzen der späten Klassik und zu den schönsten und imposantesten Geprägen, die die antike griechische Numismatik je hervorgebracht hat.

 

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