Wer sind die weiblichen Gestalten?

Am 2. Dezember 1908 feierte man in Österreich das 60jährige Regierungsjubiläum Kaiser Franz Josephs I. Aus diesem Anlass hatte das Kaiserreich gleich fünf Gedenkmünzen emittiert: 1 und 5 Kronen in 900er Silber sowie 10, 20 und 100 Kronen in 900er Gold. Die Nominalangabe auf diesen Münzen lautete entweder auf COR•, Abkürzung für das lateinische Corona (Singular) bzw. Coronae (Plural), oder auf CORONAE. Nun trugen alle Münzen auf ihren Vorderseiten das von Rudolph Marschall neu geschaffene, kranzlose Kaiserporträt mit langer Halspartie und nannten auf ihren Rückseiten das Jubiläumsdatum 1848 – 1908 und die Gedenkumschrift DVODECIM LVSTRIS GLORIOSE PERACTIS („Zwölf ruhmvoll verbrachte Jahrfünfte“ bzw. „Nach sechzigjähriger ruhmvoller Regierungszeit“), doch zeigten nur zwei von ihnen eine weibliche Gestalt – das silberne 5-Kronen-Stück und die goldene 100-Kronen-Münze.

 

5 Kronen 1908. 900er Silber, 24 g, Ø 36 mm, Auflagenhöhe: 3.941.600 Exemplare. Bildquelle: MA-Shops, Briefmarken Strasser GmbH (A).

 

 100 Kronen 1908. 900er Gold, 33,875 g, Ø 37 mm, Auflagenhöhe: 16.026 Exemplare. Bildquelle: Künker, Auktion 279 (23. Juni 2016), Los 3346.

 

Betrachtet man die Rückseiten der beiden Münzen, so erkennt man, dass die weibliche Gestalt auf der Silbermünze mit einem Lorbeerzweig in ihrer Rechten nach links eilt, während die Frauengestalt auf der Goldmünze mit einem Lorbeerkranz in der rechten Hand auf einen kaiserlich-österreichischen Wappenschild gestützt, auf einer Wolke nach links lagert. Um wen es sich bei den beiden weiblichen Wesen handelt, erschließt sich einem nicht sofort, wenngleich angesichsts fehlender Aufschriften und fehlender Ähnlichkeiten mit bekannten Personen schnell klar wird, real existierende Frauen können damit nicht gemeint sein. Die weiblichen Gestalten müssen folglich Allegorien bzw. Symbolfiguren sein. Und in der Tat, weisen sowohl Lorbeerzweig und Lorbeerkranz als auch die Tatsache, dass die eine Frau über den Globus zu laufen scheint – der Boden unter ihr ist nämlich gekrümmt – und die andere hoch in den Wolken lagert, daraufhin, dass sie nicht nur etwas ungemein wichtiges verkünden, sondern dies Wichtige auch der ganzen Welt kundtun möchten. Was so bedeutend ist, dass die gesamte Welt davon erfahren soll, macht letztlich die Gedenkumschrift klar, die von einer sechzigjährigen ruhmvollen Regierungszeit spricht. Die Eilende und die Lagernde sind folglich nichts anderes als Allegorien des Ruhmes, Ruhmesgestalten also, die die Nachricht von der ruhmvollen 60jährigen Regierungszeit Kaiser Franz Josephs I. in die weite Welt tragen.

 

 Kaiserkrone Österreichs seit 1804. Gold, teilweise emailliert und mit Edelsteinen und Perlen besetzt. Standort: Kunsthistorisches Museum Wien. Weltliche Schatzkammer. Bildquelle: Michael Kurt Sonntag.

 

Bei der kleinen Krone über der Nominalangabe der Silbermünze handelt es sich um die imposante Kaiserkrone Österreichs, die ursprünglich „Rudolphinische Hauskrone“ genannt wurde, da Kaiser Rudolph II. (1552-1612) sich diese 1602 in Prag vom antwerpener Goldschmied Jan Vermeyen als Privatkrone hatte anfertigen lassen.

 

 

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