Wer ist der bogenschießende Reiter?

Betrachtet man den abgebildeten Silberstater etwas eingehender, so erkennt man auf der Vorderseite den nach links gewandten Kopf des jungen Herakles im Skalp des Nemeischen Löwen und auf der Rückseite einen bogenschießenden Reiter, an dessen Seite ein Köcher und eine Bogentasche (griechisch Gorytos) hängen.

 

  Stater bzw. Didrachmon (um 350-339 v. Chr.), Silber, 6,93 g, Ø [Höhe, Vs.] 20 mm, Münzstätte Herakleia Ponitke / Kallatis. Bildquelle: A. Tkalec AG, Auktion (9. Mai 2005), Los 54.

 

Rechts im Feld hinter dem Reiter findet sich die Aufschrift, die im Nominativ steht, was die Vermutung nahelegt, dass sie den Reiter selbst meint. Aber wer ist denn Ataias? Nun, während die einen Ataias (um 360-339 v. Chr.) als skythischen Stammesfürsten bezeichnen, sehen andere, wie z. B. Oliver Hoover, in ihm einen der mächtigsten skythischen Könige des 4. Jahrhunderts v. Chr. Laut Hoover soll er die skythischen Stämme zwischen Donau und den Maiotischen Sümpfen in einem großen Schwarzmeer-Steppenimperium vereinigt haben. Ferner soll er in der Nähe der heutigen Stadt Kamianka-Dniprovska, in der Ukraine, eine Hauptstadt gegründet haben. Um 350 v. Chr. - vielleicht auch schon etwas früher - überquerte König Ataias mit seinen Kriegern die Donau und unterwarf die westpontischen Städte. Zwischen 350 und 340 v. Chr. soll er zudem an der Ostküste Thrakiens soweit nach Süden vorgedrungen sein, dass er Byzantion zweimal drohen konnte, es anzugreifen, falls die Stadt nicht aufhöre, seinen Schwarzmeer-Getreidehandel zu behindern. Als Philippos II. von Makedonien 340 v. Chr. allerdings seine eigene Belagerung Byzantions begann, weigerte sich Ataias, Philippos militärisch zu unterstützen und blieb der Belagerung fern. Als der Makedonenkönig etwas später bis zur Donaumündung vordrang, um dort angeblich eine Statue zu Ehren des Herakles zu errichten, stimmte Ataias diesem Vorhaben nicht zu, da er das besagte Land als das seine ansah. Daraufhin erklärte Philippos II. dem 90-jährigen Ataias den Krieg. In der großen Schlacht, die dann in der Küstenebene Nordostthrakiens ausgefochten wurde, fiel Ataias und Philippos wurde verwundet. Nun mag die Tatsache, dass der Makedonenkönig im Mündungsgebiet der Donau keine Herakles Skulptur aufstellen durfte, der Anlass für den erwähnten Krieg gewesen sein, die Ursache dafür war sie sicher nicht. Genau betrachtet, waren es nämlich die Expansionsgelüste der beiden Könige, die dasselbe geographische Gebiet betrafen, die letztlich zum Krieg führten. Da die Skythen nach der besagten Schlacht aber geflohen waren, blieb dem namenlosen Nachfolger des Ataias nichts anders übrig als den Frieden bei den Makedonen zu kaufen. Der Preis dafür: 20.000 skythische Frauen und ebenso viele Steppenstuten. Schon bald nach dem Tode des Ataias, so die Quellen, zerfiel sein Steppenimperium jedoch in mehrere kleinere Stammesfürstentümer.

Doch auch wenn die Münzaufschrift im Nominativ den Reiter meint, so war König Ataias trotzdem auch der Prägeherr dieser Silberstatere. Was deren Prägeort angeht, so sagt Hoover, dass es wohl ursprünglich Herakleia Pontike, die Mutterstadt von Kallatis, gewesen sei, oder diese zumindest die Stempel für die Stadt Kallatis hergestellt habe. „It has been suggested that the Bithynian city of Herakleia Pontike - the mother city of Kallatis - initially struck the Herakles series, or at least produced the dies, on behalf of Kallatis.“ (Oliver D. Hoover, The Handbook of Greek Coinage Series, Vol. 3., Lancaster, London 2017, S. 289.)

Was die Bildmotive dieser Statere angeht, so sind sie keine eigenständigen skythischen Schöpfungen, sondern die Vorderseite ist von den zeitgleichen Münzen von Herakleia Pontike und die Rückseite von den Tetradrachmen und Didrachmen Makedoniens mit dem reitenden König Philippos II. entlehnt. Ihr Münzfuß wiederum entspricht dem leichten thrako-makedonischen von 14,2 g/Tetradrachmon.

 

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