Ein königlicher Metzger

15.07.2019

„Die italienische Münzgeschichte ist außer der deutschen die vielseitigste und differenzierteste in Europa.“ (Hans Schlumberger, Goldmünzen Europas, München 1971, S. 196). In den Jahrzehnten vor der Vereinigung des Landes begegnen uns als Hauptmünzgebiete das Königreich beider Sizilien (Unteritalien und Sizilien), der Kirchenstaat (Zentralitalien), Toskana (Westitalien), Venedig (Nordostitalien) und Sardinien-Piemont (Nordwestitalien und Sardinien). Für das Währungssystem des Königreiches Piemont-Sardinien erwies sich Napoleon I. als Schrittmacher. Er hatte in dem von ihm gegründeten Königreich Italien (1805-1814) die Lira zu 20 Soldi und 100 Centisimi eingeführt. Der Wert der Lira entsprach dem eines französischen Franc. Nach dem Abzug der Franzosen wurde das sardische Münzsystem im Jahr 1816 endgültig auf jenes umgestellt, das die Franzosen eingeführt hatten. Unter König Viktor Emanuel I. (reg. 1802-1821) erschienen zunächst Goldmünzen zu 20 Lire im Wert eines Napoléon sowie Silbermünzen zu 5 Lire. Deren Wert entsprach einem 5-Francs-Stück, seinem französischen Pendant.

 

80 Lire, Sardinien-Piemont, Karl Felix, 1830, Gold. Bildquelle: Dorotheum, Auktion: 23.05.2019, Los 971.

 

Sein Bruder Karl Felix (reg. 1821-1831) vervollständigte die Nominalreihe mit Münzen von 80 Lire (Gold, höchster Wert) bis zum Centisimo (Kupfer, niedrigster Wert). König Karl Albert (reg. 1831-1849) komplettierte das Dezimalsystem. Anstelle der im Handel verwendeten Goldmünzen zu 80, 40 und 20 Lire wurde ab 1832 neue Nominale ausgeprägt: 100, 50, 20 und 10 Lire.

 

100 Lire, Sardinien-Piemont, Karl Albert, 1840, Gold. Bildquelle: Künker, Herbst Auktionen 2016, Los 5843.

 

Mit dieser Reihe erwies sich das Königreich Sardinien-Piemont als Pionier. Frankreich unter Napoleon III. übernahm die Nominalkette im Jahr 1855. Bis zur Einigung Italiens im Jahr 1861 tauchen vor allem die Porträts dreier Monarchen auf den Münzen des Königreiches auf. Mit ihrer Thronfolge hat es eine besondere Bewandtnis.

König Karl Felix gilt als rückschrittlich, sein Nachfolger Karl Albert als fortschrittlich. Doch so einfach ist die Konstellation nicht: „Es scheint nur so, als ob Karl Felix und Karl Albert zwei gegensätzliche Herrscher gewesen wären. Ersterer war ausgesprochen reaktionär und davon überzeugt, dass alle Neuerungen bald von der Erdoberfläche verschwinden würden. Er hielt alle Neuerungen, die von der französischen Revolution eingeführt und durch den Abenteurer Napoleon (…) in Europa verbreitet worden waren, für unheilvoll und frevelhaft.“ (Ugoberto Alfassio Grimaldi, Das Haus Savoyen, in: Die großen Dynastien, Erlangen 1996, S. 260). Karl Albert war dagegen der Liberale. Er stritt für die Befreiung der von den Österreichern besetzten Landesteile und die Einheit Italiens. Dennoch blieb er ein Vertreter des Despotismus, wenn auch eines aufgeklärten. Er wurde zum „italienischen Hamlet“, dessen Wankelmut sprichwörtlich war und dem letztlich der Erfolg versagt blieb. Nach zwei verlorenen Schlachten gegen die Österreicher dankte er 1849 zugunsten seines Sohnes ab.

 

König Viktor Emanuel II. von Sardinien-Piemont (1820-1878) im Jahr 1860. Bildquelle: Wikimedia, Bestighi.

 

Dieser „Sohn“, Viktor Emanuel II. (reg. 1849-1861), wurde auch zum ersten König des vereinten Italien. Um seine Abstammung gibt es bis heute Gerüchte. Ihren Anfang nahmen sie kurz nach dem Thronantritt von Karl Felix: „Im Spätsommer des Jahres 1822 hielt sich Karl Albert, Prinz von Savoyen-Carignano, zusammen mit seiner Familie in der Villa del Poggio Imperiale vor den Toren von Florenz auf. Am Abend des 16. September begab sich die Amme Teresa Zanotti Racca mit einer Kerze in das Zimmer des zweijährigen Prinzen Viktor Emanuel, um die lästigen Schnaken zu verscheuchen. Dabei fing der Spitzentüll der Wiege Feuer und brannte sofort lichterloh. Bei dem Versuch, Viktor Emanuel aus den Flammen zu retten, trug die Amme so schwere Verletzungen davon, dass sie wenige Wochen später daran starb.“ (Andreas Bomba, Wie geschah es wirklich, Den Geheimnissen der Weltgeschichte auf der Spur, Stuttgart 1990, S. 378). Das Kind konnte angeblich gerettet werden. Gewöhnlich gut informierte Florentiner behaupteten jedoch, dass Viktor Emanuel in jener Nacht ums Leben kam. Das tote Kind sei gegen einen unehelichen Sohn des Metzgers Gaetano Tiburzi ausgetauscht worden, der wenig später durch plötzlichen Reichtum auffiel. Ein Motiv für den heimlichen Austausch des Kindes gab es: „König Karl Felix, der keine Kinder hatte, war der letzte Spross der direkten Linie des Hauses Savoyen. Über die Erb- und Nachfolgeansprüche sollte daher ein Kongress in Verona entscheiden, an dem die wichtigsten weltlichen und kirchlichen Würdenträger Italiens teilnehmen würden. Es gab mehrere Anwärter, die sich berechtigte Hoffnungen machten, die Königswürde in absehbarer Zeit zu übernehmen. Auch Karl Albert als Abkömmling der Nebenlinie Savoyen-Carignano erhob Anspruch auf die begehrte Krone. Er konnte sogar einen Stammhalter vorweisen, so dass die Nachfolge damit gesichert wäre.“ (Ebenda, S. 379). Nach dem Feuertod des Sohnes wären die Ambitionen allerdings eher aussichtslos gewesen.

 

 5 Lire, Sardinien-Piemont, Viktor Emanuel II., 1850, Silber. Bildquelle: Heidelberger Münzhandlung, Auktion 76, Los 658.          

 

Wie sehr Viktor Emanuel II. aus der Art schlug, räumte sogar seine Mutter ein. Das grobschlächtige Kind habe nicht die geringste Ähnlichkeit mit einem anderen Familienmitglied, schrieb sie in einem Brief. Der sardische Ministerpräsident Massimo d’Azeglio (1798-1866) bestätigte die Gerüchte kurz vor seinem Tode. Belege für die Behauptung brachte er allerdings nicht bei. Die Regentschaft des mutmaßlichen Metzgersohnes über Italien wurde eine Erfolgsgeschichte. Italienische Geschichtsbücher nennen ihn den „Vater des Vaterlandes“.

 

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