Buchvorstellung: Zwanzig Säcke Muschelgeld: Der schwere Weg der Nigerianer in die Neuzeit

29.04.2019

 

Der Roman The Joys of Motherhood (dt. Zwanzig Säcke Muschelgeld, Zürich 1991) von Buchi Emecheta erzählt das Leben von Nnu Ego, einer Frau in der britischen Kronkolonie Nigeria. Vater Agbadi, ein Chief bei Volk der Ibu, und Mutter Ona waren nicht verheiratet. Das Dorf, in dem Nnu zur Welt kam, war noch eng mit der Kultur und den Traditionen ihres Volkes verbunden. Nach der Geburt beugte sich Agbadi über den soeben geborenen Säugling, der eingewickelt und warm am Feuer lag: „Dieses Kind ist unbezahlbar. Es ist mehr wert als zwanzig Säcke Muschelgeld. Ja, ich finde, dieser Name passt zu ihr, denn sie ist schön und gehört mir. Ja, Nnu Ego: zwanzig Säcke Muschelgeld.“ (S. 27)

 

 Früheres afrikanisches Muschelgeld (Kaurischnecken, Monetaria annulus) – Bildquelle: Wikimedia, Garten

 

Als Nnu Ego zum ersten Mal heiratete, gab ihr der Vater einen fürstlichen Brautpreis mit auf den Weg. Sieben kräftige Männer und sieben Mädchen waren nötig, ihn zu tragen: „Dazu gehörten sieben Ziegen, Mengen von Körben mit Yamswurzeln, meterweise Stoff aus Europa, vierundzwanzig handgewebte lappas, Berge von Hausaschmuck und Korallenketten. Die mit Ornamenten verzierten Kochtöpfe und farbenfrohen Kalebassen waren kunstvoll um Packkörbe mit reinsten Ölen drapiert. Man hatte ein neues und noch schöneres Bild ihrer chi, der Sklavin, schnitzen lassen und zum Schutz gegen den bösen Blick von oben auf Nnu Egos Besitz gestellt.“ (S. 32f.) Die Familie des Bräutigams dankte mit sechs Fässern Palmwein. Vater Agbadi lud alle zum Trinken ein. Die Besucher staunten, dass die Fässer randvoll waren – ein Zeichen, dass die Braut unberührt in die Ehe ging.  

 

 Shilling (British Westafrika, 1949, Nickelmessing) – Bildquelle: Numismatic Guaranty Corp.

 

Ihre erste Ehe war nicht von Kindern gesegnet. Nnu kehrte zu ihrem Vater zurück, der den Brautpreis zurückerstattete. Nun wurde sie an einen unbekannten Mann verheiratet. Während dessen Familie im Dorf lebte, war der Ehemann Naife in die Hauptstadt gegangen - nach Lagos. Nnu folgte ihm alsbald. Naife arbeitete dort als Wäscher bei einer Familie der britischen Kolonialherren. Als in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach, verließen die britischen Arbeitgeber jedoch das Land. Vater Naife, Mutter Nnu und Sohn Oshia mussten allein für sich sorgen: „Die anderen Frauen brachten ihr bei, wie sie im Geschäftsleben Fuß fassen konnte, um sich mehr als eine einzige Ausstattung zum Anziehen kaufen zu können. Sie liehen ihr fünf Shillinge aus der Frauenkasse und rieten ihr Zigaretten in Dosen und Streichholzschachteln zu kaufen. Eine Zigarettendose kostete zwei Shilling und sie verkaufte dann die Zigaretten für einen Penny das Stück. Da sechsunddreißig Zigaretten in jeder Dose waren, erzielte sie einen Gewinn von einem Shilling pro Dose. Genauso hielt sie es mit den Streichholzschachteln. Sie erstand einen Karton mit zwölf Schachteln für einen Shilling Sixpence und verkaufte jede Schachtel für zwei Pence, das bedeutete einen Gewinn von einem Sixpence pro Karton.“ (S. 58) Bald konnte Nnu das geliehene Geld zurückzahlen und sich eine Garnitur zum Anziehen kaufen, bald sogar mit einem passendem Kopfschal.

Das Schicksal nahm eine unerwartete Wendung, als der polygam lebende Naife eine Zweitfrau aufnahm. Als sich ihr älterer Sohn Oshia ängstigte, die zweite Mutter könne ihm ein Leid antun, ging Nnu mit dem Achtjährigen zum Medizinmann. Der sagte nicht, dass sich der Junge das Ganze nur einbilde oder lüge. Schließlich musste auch ein Medizinmann leben! Stattdessen tanzte er dibia, wand sich in Krämpfen und verkündete schließlich: „Das Kind hat recht. Du musst deine Söhne vor der Missgunst der jüngeren Frau in Schutz nehmen. Für zwei Hühner und ein yard weißes Tuch werde ich für deine Söhne ein Amulett machen. Tragen sie es, wird ihnen keine Missgunst mehr etwas anhaben können.“ (S. 145) Als Nnu eines Abends ihre Pennies zählte, warnte die Zweitfrau sie vor einem bösen Geist, der das Haus bedrohe. Nnu wehrte sich und beendete rasch das Zählen ihrer Einnahmen – Gott werde nicht zulassen, dass ein Unglück geschehe: „Sie stapelte die Münzen, die sie gezählt hatte und steckte sie dann ordentlich in ihren Geldgürtel.“ (S. 146)

 

Das Unglück kam, allerdings auf eine andere Art als die befürchtete. Ehemann Naife begann zu trinken. Bald reichte das Geld kaum noch zum Essen für die Familie. Oshia, der älteste Sohn, war entsetzt: „Warum hast du nicht für Vater gekocht? Warum hast du mit dem Geld nicht eingekauft? Es ist doch nur Papier. Wenn es nicht reicht, kannst du es doch durchreißen, dann haben wir mehr Geld.“ (S. 152) Nnu versuchte dem Jungen zu erklären, dass man Scheine nicht einfach durchreißen könne. Vater müsse mehr Geld mitbringen. Doch Oshia verstand nicht. Nachts schlich er sich zu einer Schüssel, in der drei Pfundnoten lagen, das Essensgeld für den Monat. Er hockte sich davor und zerriss im Dunkeln die Scheine sorgfältig in kleine Fetzen. Als ihn die Eltern überraschten, rechtfertigte er sich: „Ich wollte nur mehr Geld machen. Jetzt haben wir so viel, dass ihr euch nicht mehr streiten müsst.“ (S. 153) Bisher hatte der kleine Oshia nur Münzen in der Hand gehabt. Er wusste, dass ein Penny länger reichte, wenn man ihn in vier Viertelpennies tauschte.

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