Ausstellung im Kunstzentrum Kindl in Berlin: Das Rätsel um die italienische Münze

03.02.2019

 Ausstellungsplakat am Kindl – Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Berlin-Neukölln

Foto: Autor

 

Im Zentrum für Zeitgenössische Kunst auf dem Gelände der früheren Kindl-Brauerei in Berlin wird bis zum 31. März 2019 die Ausstellung Unstable Fakers of Change in Self von Sofia Hultén gezeigt. Im Text zur Ausstellung heißt es: „Ausgangspunkt des zunächst eher kryptisch erscheinenden Ausstellungstitels ist Umberto Boccionis 1913 entstandene Bronzeplastik Unique Forms of Continuity in Space, die auf der italienischen 20-Cent-Münze zu sehen ist. Dieses zentrale Werk des Futurismus, dessen Nähe zum italienischen Faschismus unbestritten ist, steht exemplarisch für das künstlerische Anliegen Boccionis, die Bewegung eines Körpers und dessen Dynamik im Raum sichtbar zu machen.“ Aus den englischen Anfangsbuchstaben des offiziellen Werktitels formte sie also eine neue Bedeutung. Aus Unique Forms wurde: Instabile Fälscher der Veränderung in sich selbst.

Betritt man die Ausstellung im Erdgeschoss des Maschinenhauses, sieht man zunächst einige Baugerüste mit Holzplatten, Blecheimern, Netzen und Kabelbindern. Dann hört man es von überall klirren und scheppern. An den neun Stationen wird klar, woher die Geräusche kommen. Sie stammen unter anderem von den Münzen, die in die Blecheimer fallen. Bleibt der Betrachter an den Stationen stehen und begibt sich auf die Suche, so findet er die Münzen auf den Holzplatten, neben den blauen Baunetzen und auf dem Boden eines umgekippten Eimers. Die Botschaft der Künstlerin: Alles ist möglich. Kausale Zusammenhänge und die Struktur der Zeit können aufgebrochen werden!

 Unique Forms of Continuity in Space (Abguss im Metropolitan Museum of Art, New York)

Bildquelle: Wikimedia, MoMA

 

 

Italienische Kursmünze zu 20 Cent (2011, Aluminium-Bronze, 5,7 Gramm, 22 mm)

Bildquelle: Comptoir des Monnaies

 

Für den Münzsammler stellt sich zunächst eine ganz andere Frage, nämlich die nach dem Motiv der italienischen Münze. Was hat es mit dem italienischen 20-Cent-Stück mit der futuristischen Plastik auf sich? Und warum hat die in Stockholm geborene Künstlerin ausgerechnet auf diese Münze zurückgegriffen? Umberto Boccioni gilt tatsächlich als Wegbereiter der faschistischen Kunst in Italien. Sein brachial voranschreitender Mensch war dynamisch im Sinne des Totalitarismus. Boccioni befürwortete den Krieg als elementares Ereignis und bekämpfte das „Palaver der Demokraten“. Zugleich wird der Künstler aber bis heute als einer der bedeutendsten Vertreter des Futurismus gewürdigt. Die Abgüsse seiner Skulptur sind weltweit in führenden Museen vertreten. Sofia Hultén dürfte also das Spektrum politischer Möglichkeiten vor Augen gestanden haben.      

 

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