Sandon – Wer ist das?

Für Antikensammler ist ziemlich klar: die Rückseiten der meisten seleukidischen Silbermünzen zeigen immer wieder die gleichen griechischen Götter, allen voran Apollon und Zeus. Die große Ausnahme stellen jedoch die seleukidischen Silbermünzen aus der Münzstätte Tarsos in Kilikien dar. Auf deren Rückseiten findet sich nämlich an Stelle der griechischen Götter eine bärtige männliche Gestalt auf einem gehörnten Löwengreif stehend mit hoher Kopfbedeckung, geschultertem Bogen und Köcher, einer Doppelaxt (griechisch: labris) in der Linken und einer Blume (Lotusblume?) in der Rechten.  

 

 Antiochos VII. Euergets, Drachme (um 138–129 v. Chr.), Silber, 4,13 g, Ø 17 mm. Münzstätte Tarsos

Quelle: Münzen & Medaillen Deutschland GmbH, Auktion 46 (15. Februar 2018), Los 46

 

Während die Münzlegende den Prägeherrn dieser Drachme als 𝛣𝛢𝛴𝛪𝛬𝛦𝛺𝛴 𝛢𝛮𝛵𝛪𝛰𝛸𝛰𝛶/𝛦𝛶𝛦𝛲𝛤𝛦𝛵𝛰𝛶 (BASILIEOS ANTIOCHOU / EUERGETOU, zu deutsch: [Münze] des Königs Antiochos des Wohltäters) ausweist, beschreiben die Münzkataloge die rückseitige Gestalt zumeist mit ihrem lateinischen Namen Sandan. Im Griechischen wird Sandan jedoch als Sandon oder Sandas oder Sandes bezeichnet. Aber wer war dieser Sandon bzw. Sandan?

Ursprünglich war Sandon wohl ein luwischer Wetter- und Vegetationsgott, der allerdings eher kriegerische denn „solare“ Züge aufwies. Die Göttin Kubala (Kybele) wird schon in hethitisch-luwischen Zeugnissen als seine Gefährtin erwähnt. „In griechischer, vor allem hellenistischer Zeit wird Sandon, dessen Verehrung sich im Westen Kleinasiens bis Lydien ausbreitet, zum Stadtgott von Tarsos.“ (Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 11, Sp. 37) In Tarsos wurde er aber auch als „Baal von Tarsos“ oder „Zeus Tarsios“ interpretiert. Sandon war somit offenbar ein Gott, mit dem alle Beteiligten – Griechen wie Nichtgriechen – gut leben konnten. Interessant ist übrigens, dass man Sandon auf tarsischen Münzen nicht nur in dieser Form findet, sondern ihn auch im Inneren eines heiligen Altars sieht.

 

 Antiochos IX. Philopator, genannt Kyzikenos (114–95 v. Chr.), Tetradrachmon (um 114/13–112 v.  Chr.), Silber, 16,79 g, Ø 28 mm. Münzstätte Tarsos

Quelle: Dorotheum, Auktion (vom 20. November 2013), Los 72

 

 

 Bronzeprägung (um 164–27 v. Chr.), 18,37 g, Ø 26 mm. Münzstätte: Tarsos

Quelle: Numismatik Naumann, Auktion 44 (7. Juni 2016), Los 485

 

Auf den Rückseiten des silbernen Tetradrachmons Abb. 2, aber auch der  Bronzeprägung Abb. 3 aus Tarsos sehen wir einen mit Girlanden geschmückten Altar, der mit einem Baldachin überdacht ist, in dessen Innerem sich die Kultstatue des tarsischen Stadtgottes Sandon befindet. Ein Vergleich der beiden Silbermünzen mit der Bronzemünze zeigt sehr deutlich, dass die Bronzemünze im Gegensatz zu den Silberstücken eine reine Stadtprägung ist. Ihr Emittent ist nämlich die Stadt Tarsos und nicht ein seleukidischer König. Deshalb zeigt sie auf ihrer Vorderseite auch die verschleierte Büste der Tyche mit Mauerkrone (der weiblichen Allegorie bzw. Stadtgöttin von Tarsos) und nennt als Emittenten auf der Rückseite 𝛵𝛢𝛲𝛴𝛦𝛺𝛮 (TARSEON, [Münze] der Tarser). Es existieren jedoch auch Bronzemünzen von Tarsos, die Sandon ohne Altar und Baldachin, d.h. genauso wie in Abb. 1 zeigen. Doch tragen auch diese auf ihren Vorderseiten die Tyche mit Mauerkrone und nennen die Legende 𝛵𝛢𝛲𝛴𝛦𝛺𝛮 (TARSEON, [Münze] der Tarser).

 

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