70 Jahre Währungsreform

20.06.2018

Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 ist heute vielfach schon Legende, Realität und Erfindung mischen sich. Aber das Ereignis war wohl so bedeutend und andererseits in seiner Substanz so außerhalb des täglichen Erfahrungsschatzes, dass die Zeitgenossen selbst schon mit der Legendenbildung begannen. Es wird hier der Versuch unternommen, sowohl einen Blick auf das tägliche Leben im Sommer 1948 (hauptsächlich in Speyer und der Pfalz) als auch auf die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe der Währungsreform und ihrer Auswirkungen zu werfen.

 

Wie war das nun, im Sommer 1948, speziell am 20. Juni 1948?

Es gab schlechtes Wetter. Am Samstag, dem 19. Juni 1948 war es in Deutschland noch drückend heiß, am Abend gab es dann zahlreiche Gewitter, denen ein empfindlicher Temperatursturz folgte. Der Tag der Währungsreform war ein kalter, nasser Sonntag mit Temperaturen um 10 Grad. Soweit Brennstoff zur Verfügung stand, wurde das Feuer, das man zum Kaffeekochen angezündet hatte, etwas länger mit Baumrinden, Sägemehl, Tannenzapfen oder auch mal Kohlen unterhalten.

Die Not war groß, Lebensmittel und vieles andere rationiert. Im Mai 1948 gab es für den Normalverbraucher eine Fleischration von 100 Gramm, im Monat wohlgemerkt. Deshalb ist das folgende vielleicht auch keine Legende: Ein amerikanischer Soldat kommt nach längerer Abkommandierung nach Deutschland zurück, seine Braut empfängt ihn mit einer kleinen Tochter. Der Soldat, vorher von den Vaterfreuden unterrichtet, bringt einen Wäschekorb voll Fresspaketen mit und erfährt erst später, dass das Baby nur zu diesem Zweck ausgeliehen war.

Die Kinos waren an diesem Wochenende überfüllt, hier konnte man sich für das alte Geld noch einmal etwas leisten und sich gleichzeitig den Traum vorführen lassen, wie es mal wieder werden könnte. Die Stars der Zeit waren Franziska Kinz, Magda Schneider und Luise Ullrich; Hans Albers, Willy Birgel und Theo Lingen; von dem Gespann Paul Hörbiger und Hans Moser gab es im Sommer 1948 allein sechs Filme zu sehen.

Im Theater spielte man Carl Zuckmayers „Des Teufels General“, in dieser Spielzeit insgesamt 2069 mal, Eugene O'Neills „Trauer muß Elektra tragen“ brachte es auf immerhin 1847 Aufführungen.

Und im Sport bahnte sich Großes an, wollte doch der über 40-jährige Max Schmeling den amtierenden deutschen Meister im Schwergewicht der Berufsboxer, Hein ten Hoff, herausfordern. Er scheiterte dann aber im Ausscheidungskampf an Walter Neusel. In der französischen Zone, zu der auch die Pfalz gehörte, waren 1948 neben Sportarten wie Fechten und Schießen auch das Boxen verboten.

Im Fußball durfte 1948 zum ersten Mal wieder eine Deutsche Meisterschaft stattfinden. Der 1. FC Kaiserslautern kam mit zwei überragenden Siegen von jeweils 5:1 über den TSV 1860 München und den TuS Neuendorf (Koblenz) ins Endspiel. Die Fritz-Walter-Elf traf dann am 8. August 1948 in Köln auf den 1. FC Nürnberg. Vor 70000 Zuschauern siegten mit 2:1 die Nürnberger.

Am 20. Juni 1948 wurde in Lüttich der 17-jährige Wilfried Helm festgenommen, er hatte in Fürstenfeldbruck einen deutschen Polizisten und einen amerikanischen Soldaten erschossen. Als Belohnung für seine Ergreifung hatte man 70000 RM und 70 Care-Pakete ausgesetzt, die einen kaum vorstellbaren Wert repräsentierten.

 

Die politische Lage

Die Währungsreform ist, so wie sie kam, ein Ergebnis des sich nach dem 2. Weltkrieg laufend verschlechternden Verhältnisses der Siegermächte untereinander. Die unmittelbare Vorgeschichte reicht zurück bis ins Jahr 1947.

In diesem Jahr hielt der amerikanische Außenminister Marshall seine berühmte Rede an der Harvard Universität, in der er umfassende Wirtschaftshilfen für Europa ankündigte, was auf den entschiedenen Widerstand der Sowjetunion und der ihr nahestehenden Parteien im Westen stieß. Ohne auf den Wert oder die Ernsthaftigkeit der Hilfszusagen für die Sowjetunion hier näher einzugehen, kann man doch die damalige Einschätzung des britischen Außenministeriums übernehmen: es war ein entscheidender Schritt getan, um Europa in zwei gegensätzliche Wirtschaftsblöcke zu spalten (a new and decisive step to splitting Europe into two antagonistic economic blocs).

In dieser Situation trafen sich die Außenminister Großbritanniens, Frankreichs, der Sowjetunion und Amerikas in London zu einer Deutschlandkonferenz, an deren Erfolg offensichtlich keiner der Teilnehmer mehr glauben wollte. Frankreich hatte zuvor schon die Marshallplan-Hilfe akzeptiert und sich damit für das westliche Lager entschieden, Großbritannien war an einer wirtschaftlichen Einheit Deutschlands nicht mehr interessiert, (In einem geheimen Memorandum des britischen Außenministers vom 22. November 1947 heißt es: „Es würde daher nicht in unserem Interesse liegen, käme es auf der bevorstehenden Außenministerkonferenz zu einer Einigung über die Wirtschaftseinheit Deutschlands.“) gleiches gilt auch für das amerikanische Außenministerium.

Die West-Alliierten ließen daraufhin die Konferenz scheitern, als der sowjetrussische Außenminister Molotow erneut die früher schon abgelehnten Reparationsforderungen erhob.

Nach dem Scheitern der Außenministerkonferenz in London im Dezember 1947 schlugen Briten und Amerikaner nun einen neuen Kurs ein: man war entschlossen, einen deutschen Weststaat zu gründen. Um diese Gründung vorzubereiten, plante man bereits für 1948 u.a. Vorbereitungen zu Wahlen, die Bildung einer provisorischen Regierung auf Bi- möglichst aber Trizonenebene (also unter Einschluss der französischen Zone), eine Währungsreform und eine Erhöhung der Wirtschaftsproduktion. Man vertrat auf angelsächsischer Seite immer noch die Forderung nach der Einheit Deutschlands. Aber da diese zu den eigenen Bedingungen nicht zu haben war, glaubte man, nicht länger untätig sein zu dürfen, schon um die wirtschaftliche Gesundung ganz Westeuropas nicht zu gefährden.

Man plante in der Bizone effizientere politische Einrichtungen, so die Vergrößerung des Wirtschaftsrates und die Errichtung einer Bank Deutscher Länder. Diese Maßnahmen wurden dann auch trotz energischen französischen Protests in Gang gesetzt. Die russische Seite reagierte mit einem weitgehenden Rückzug aus den alliierten Gremien. Die Spaltung Deutschlands war faktisch vollzogen, eine Konsolidierung der Wirtschaft auch über eine Währungsreform unaufschiebbar.

 

Der Geldumlauf nach dem Kriegsende

Es werden nur Beispiele gezeigt, vollständig sind die Ausgaben erfasst im Standardkatalog „Holger Rosenberg / Hans-Ludwig Grabowski: Die deutschen Banknoten ab 1871. 20. Auflage Regenstauf 2015.“ Aus diesem Katalog sind alle hier gezeigten Bilder entnommen.

 

Durch die Kriegswirtschaft und die Finanzierung über die Notenpresse war das Geldvolumen in Deutschland von 1938 bis 1945 von 60 auf 300 Milliarden RM angestiegen. 1948 kursierten noch immer die alten Reichsbanknoten, war ein riesiges Geldvolumen in Umlauf, dem kein adäquates Warenangebot gegenüberstand.

 

 

 

Zusätzlich gaben die Sieger eigenes Besatzungsgeld aus, das bei gleichbleibend knappem Warenangebot das Geldvolumen weiter vergrößerte.

 

Die Sieger hatten Lohn- und Preisstopp und Devisenbewirtschaftung von den Nazis übernommen. Da das Warenangebot sehr klein war, die Bevölkerung aber über verhältnismäßig viel Geld verfügte, kam es zu einer aufgestauten Inflation und unter dem Druck der Nachfrage zur Bildung von Ersatzmärkten. Nicht nur Privatleute tauschten Ware gegen Ware, auch in der Wirtschaft entwickelte sich ein lebhafter Kompensationshandel von Betrieb zu Betrieb.

Neben diesem „grauen Markt“ entstand der im illegalen, oft auch kriminellen Niveau agierende „Schwarzmarkt“, auf dem man für Reichsmark zwar noch kaufen konnte, aber zu astronomisch überhöhten Preisen.

 

Die Währungsreform

In geheimen Expertengesprächen der Alliierten (anfangs sogar noch mit sowjetischen Vertretern) wurde zur Wiederherstellung geordneter Wirtschaftsverhältnisse eine Währungsreform vorbereitet, in Amerika wurden die notwendigen Geldscheine gedruckt und in größter Geheimhaltung nach Deutschland gebracht. Mit dem Druck waren zwei verschiedene US-Firmen beauftragt, was sich auch in zwei verschiedenen Bilderserien dokumentiert. Die Scheine der American Banknote Company können ihre Abstammung von den Dollar-Noten nicht verleugnen. Diese Firma war später auch für die Bank Deutscher Länder tätig. Die Scheine des U.S. Bureau of Engraving waren z.T. nur wenige Tage im Umlauf

 

Diese Geldscheine sind Kuriositäten ihrer Art. Da zum Zeitpunkt ihres Drucks völlig unklar war, wer sie herausgeben sollte und wann das zu geschehen hatte, fehlt auf ihnen jede Angabe einer ausgebenden Instanz und die sonst übliche Unterschrift des Verantwortlichen, außerdem tragen sie kein Datum. Es wird also deutlich, dass hier ein fester Wille der (angelsächsischen) West-Alliierten vorlag, für den nur noch die Form gesucht wurde. Eine deutsche Mitwirkung dabei gab es nicht. Für West-Berlin wurden die Scheine besonders markiert.

Die Geheimhaltung war so gut, dass für den Großteil der Bevölkerung die Währungsreform und damit die Ausgabe dieser Geldscheine völlig überraschend kam, eine wesentliche Voraussetzung, um die ohnehin sehr labilen Märkte nicht gänzlich zusammenbrechen zu lassen.

 

Am Stichtag 20. Juni 1948 erhielt jedermann, vom an diesem Tag geborenen Säugling bis zum Greis, einen Kopfbetrag von 40 DM, später kamen noch 20 DM hinzu. Innerhalb einer Woche musste das Altgeld abgeliefert und im Verhältnis 10:1 umgetauscht werden, wobei aber die Hälfte auf Festkonten stillgelegt wurde.

Löhne, Gehälter, Renten, Mieten und Verbindlichkeiten, die nach dem Stichtag eintraten, wurden 1:1 umgestellt, Altforderungen in RM 10:1. Durch eine nachträgliche Änderung in der Behandlung der Altkonten verschlechterte sich für viele Konten das Umstellungsverhältnis auf 100:6,5. Aktienbesitzer hatten da mehr Glück, hier wurde 1:1 umgestellt. Es ist deshalb natürlich falsch anzunehmen, zumindest an diesem einen Tag seien alle Deutschen gleich gewesen, Sachwertbesitzer wurden bevorzugt behandelt.

 

Es sind im wesentlichen vier Gesetze, die das neue westdeutsche Geldwesen regulierten: das Währungsgesetz vom 18. Juni 1948, das mit Wirkung vom 21. Juni 1948 die Deutsche-Mark-Währung einführte, das parallel dazu erlassene Emissionsgesetz, das die Bank Deutscher Länder zur alleinigen Notenbank machte, das Umstellungsgesetz vom 26. Juni und, im Oktober 1948 erlassen, das Festkontengesetz, das die Höhe alter Bankguthaben in neuer Währung regelte

Das, was den meisten Zeitgenossen am lebhaftesten in Erinnerung blieb, sind die am 21. Juni 1948 schlagartig gefüllten Schaufenster. Die lange gehorteten Waren wurden nun angeboten, selbst Luxusgüter waren sofort zu haben. Die Währungsreform schuf durch die Vernichtung des riesigen Geldvolumens ein akzeptables Gleichgewicht zwischen der monetären Nachfrage und dem Warenangebot. Dies schuf Vertrauen und war eine wesentliche Voraussetzung für die Durchsetzung der Währungsreform bei der Bevölkerung.

Die Schwarzmärkte versuchten anfänglich, ihre Existenz gegen die neue Entwicklung zu behaupten, hatten damit aber nie eine echte Aussicht auf Erfolg. Die Widerstandsformen, die nur kurze Zeit praktiziert wurden, muten eher makaber an.

 

Die Währungsreform in der französisch besetzten Pfalz

 

 

Frankreich hatte längere Zeit für seine Besatzungszone eine eigene Politik verfolgt. So emittierten mit Genehmigung der französischen Militärbehörde die unter französischem Oberbefehl stehenden Landesregierungen von Baden, Rheinland-Pfalz und Württemberg 1947 auch noch eigene Kleingeldscheine.

Diese eigene Besatzungspolitik wurde aufgegeben, um am Marshall-Plan partizipieren zu können. So schloss sich Frankreich für seine Zone auch der Währungsreform an, damit galt die neue Währung ebenso in der Pfalz. In der Tageszeitung „Rheinpfalz“ vom 26. Juni 1948 sind die Ereignisse und ihre Folgen beschrieben. Sie machen deutlich, dass es doch Unterschiede zur angelsächsischen Bizone gab. So liest man: „Wer heute mit Reisenden spricht, die aus der Doppelzone kommen, glaubt seinen Ohren nicht zu trauen. Alles, was das Herz begehrt, scheint es dort zu kaufen zu geben. In den Schaufenstern präsentieren sich die seltensten Waren, die vorher nie zu bekommen waren. Teilzahlungen sind gestattet, und in München standen Puten und Mastgänse in den Gaststuben für den bereit, der sie sich in Deutscher Mark leisten wollte. Es zeigt sich eben doch, daß wir in der Pfalz bisher schon immer das einfachere Leben gewöhnt waren und nun auch nach den Jahren der Bewirtschaftung mit den Angeboten in der Doppelzone nicht in Wettbewerb treten können.“

Dass die Pfälzer ihr neues Geld durchaus sparsam ausgaben, belegt auch die Tatsache, dass in Kaiserslautern nach der Währungsreform die „Emilia Galotti“ ausfallen musste, weil bis halb zwölf am Aufführungstag noch keine einzige Theaterkarte verkauft war. In Speyer wurde aus dem gleichen Grund ein Festkonzert des Symphonieorchesters abgesagt.

Mit Wohlwollen wird berichtet, dass die „Schieber“ bei der Annahme von Arbeit nicht wählerisch sind und in ihrer Not „irgendeine Arbeit“ anzunehmen bereit sind.

Die neue Zeit ist in der Pfalz natürlich auch am Wein abzulesen: „Wer will, kann jetzt in den Dörfern längs der Haardt auch Wein haben. Die Preise schwanken zwar noch; aber schon aus Koblenz wird von Moselweinen für 1,50 Mark und aus Zell von 80 Pfennigen für die Flasche berichtet.“

Der Tag der Währungsreform verlief in der Pfalz ruhig. Von einigen Städten hört man von Hamsterkäufen am 19. Juni 1948, um das alte Geld noch anzulegen. Da es aber nur wenig frei verfügbare Waren und kaum verkaufswillige Geschäftsleute gab, hielt sich das in Grenzen. Bedeutender sind da schon die Versuche, für andere das Kopfgeld gegen die Zahlung einer Gebühr in der neuen Währung einzulösen. Hier schreiten Verwaltung und Polizei verschiedentlich ein, trotzdem kommt es zu Betrügereien.

Und was tat sich in Speyer nach der Währungsreform? Man ging einer unausrottbaren Leidenschaft nach, der Straßensanierung. Die „Rheinpfalz“ berichtet am 3. Juli über die Teermaschinen, die nun wieder in verschiedenen Straßen zu sehen waren: „Klein, aber oho! Es tut sich was, wo sie dampfen und rauchen und ihren mit Recht geschätzten Duft verbreiten. Unsere Straßen haben weiß Gott nötig, daß man sich ihrer annimmt.“ Und weil alle davon profitieren sollen, schließt dieser Abschnitt: „Mögen die Straßenbauarbeiten die Anerkennung finden, die sie verdienen!“

 

Der Beitrag wird fortgesetzt mit der Währungsreform in der sowjetischen Besatzungszone und den frühen Ausgaben der Bundesrepublik.

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