Protesilaos – ein tragischer Held

Skione: Tetradrachmon (um 480–470 v. Chr.), Silber, 16,46 g, Höhe der Vs. 23,5 mm [Quelle: Künker, Auktion 304 (19. März 2018), Los Nr. 261]

 

Viele tausende tapfere Krieger fanden im Trojanischen Krieg den Tod, der erste auf griechischer Seite war Protesilaos, den antiken Quellen zufolge der Sohn des Iphikles oder des Aktor. Seine Mutter war Astyoche oder Diomedeia. Er soll, wie übrigens sein Bruder Podarkes auch, ein Freier der schönen Helena gewesen sein, wegen deren Entführung durch den trojanischen Prinzen Paris der zehn Jahre dauernde Krieg ausgebrochen sein soll.

Berühmtheit brachte Protesilaos aber nicht seine Werbung um Helena, sondern die Tatsache, dass er beim Rachezug gegen Troja mit „vierzig schwarzen Schiffen“ griechische Truppen aus Phylake, Pyrasos, Iton, Antron und Pteleon in den Krieg nach Troja führte. Als er aber als erster der Griechen in Troja an Land ging, ereilte ihn sein tragisches Schicksal. Bei Homer heißt es dazu: „Doch ihn tötete ein dardanischer [trojanischer] Mann, wie er vom Schiff herabsprang, als weit ersten von den Achaiern.“ (Homer, Ilias 2,701 f.) Einer anderen Quelle (den Kypria) zufolge, war der erwähnte Trojaner kein Geringerer als Hektor, der Sohn des trojanischen Königs Priamos. Die antike Überlieferung erklärt diesen Tod mit einem Orakel, das geweissagt habe, „daß der erste, der troianischen Boden betrete, als erster fallen müsse.“ (Der neue Pauly, Bd. 10, Spalte 460) Der Tod des Protesilaos war demnach nicht im entferntesten selbst verschuldet, sondern zutiefst tragisch, da vom Schicksal zur „Überwindung des Anfangs“ so gewollt.

Wie das abgebildete Tetradrachmon aus dem chalkidischen Skione beweist, verehrten die antiken Griechen diesen tragischen Heros auch noch Jahrhunderte nach dem Trojanischen Krieg. So sehen wir auf der Vorderseite der Münze den nach rechts gewandten Kopf des Protesilaos mit einem reich dekorierten attischen Helm und auf der Rückseite das Heck des Schiffes, von dem er in Troja an Land gegangen sein soll, in einem vertieften Quadrat. In den Ecken des Quadrats finden sich die im Uhrzeigersinn angeordneten griechischen Buchstaben [S]–K–I–O (SKIO) als Abkürzung für Skione. Dass wir es hier tatsächlich mit Protesilaos zu tun haben, macht der rückläufige Schriftzug PROTESILA deutlich, der, auf unserem Exemplar nicht mehr lesbar, auf dem Helmbusch verläuft. Wie an der Darstellung des Auges und des Mundes gut zu sehen, gehört diese Münze stilistisch betrachtet in die archaische Kunstepoche, da das Auge trotz Profilansicht komplett und mandelförmig sichtbar ist und der Mund ein für diese Zeit typisches leichtes Lächeln aufweist. Eine Ähnlichkeit mit den Athenaporträts auf den attischen Tetradrachmen der ersten Hälfte des 5. Jhs. v. Chr. ist kein Zufall, zumal jene im selben archaischen Stil gestaltet wurden.

 

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