Philistis: Die erste Syrakusanerin, die bereits zu Lebzeiten auf Münzen erschien

Mit Philistis hatte sich Hieron II. von Syrakus (275/74–269 v. Chr. Tyrann und 269–215 v. Chr. König) um 270 v. Chr eine Syrakusanerin aus altehrwürdigem Adel zur Gemahlin genommen. „Wie ihr – von Philistos abgeleiteter – Name und der ihres Vaters Leptines bezeugen, gehört Philistis zu den Nachfahren der Familie des älteren Dionysios [430–367 v. Chr.].“ (Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, Bd. 9, Sp. 817) Durch ihren einflussreichen Vater  hatte Hieron seine politische Position in Syrakus erheblich stärken können. Als er dann 269 v. Chr. auch die Mamertiner, die ehemaligen Söldner des Agathokles, am Longanos glorreich besiegt hatte, nahm er den Königstitel an. Um 240 v. Chr. erhob Hieron seinen Sohn Gelon zum Mitregenten und erklärte ihn ebenfalls zum König. Wann er seiner Gemahlin Philistis den Königstitel verlieh, wissen wir nicht genau, da „sie nicht in literarischen Quellen erscheint und nur auf einem epigraphischen Dokument [Erwähnung findet].“ (Der neue Pauly, a.a.O., Sp. 817) Dass sie den Königs­titel allerdings trug, beweisen die Silbermünzen zu 16- und zu 5-Litren, die auf ihren Rückseiten die Legende ΒΑΣΙΛΙΣΣΑΣ ΦΙΛΙΣΤΙΔΟΣ ([Münze] der Königin Philis­tis) nennen und auf ihren Vorderseiten den Porträtkopf der Königin mit Diadem und Schleier zeigen (siehe Abb. 1.1 und Abb. 1.2).

 

 

Abb. 1.1: 16 Litren (um 240–216 v. Chr), Silber, 13,58 g, Münzstätte Syrakus; Quelle: Hess-Divo, Auktion 327 (22. Oktober 2014), Los Nr. 7

 

Weil der Zeitraum dieser Münzprägung unter Numismatikern jedoch umstritten ist (Peter Robert Franke beispielsweise setzt ihn um 269–241 v. Chr. und später, G. K. Jenkins um 265–216 v.Chr., Oliver Hoover um 240–216 v.Chr. und Maria Caccamo Caltabiano gar um 218–215 v.Chr.), scheinen die besagten Münzen bei der Beantwortung der Frage, seit wann Philistis den Königstitel trug, auch nicht weiterzuhelfen, zumal die Münzen undatiert sind. Sieht man sich den Porträtkopf der Königin indes etwas genauer an, so fällt dem in der griechischen Numismatik Bewanderten schnell auf, dass der Kopf der Philistis, künstlerisch betrachtet, große Ähnlichkeit mit den Porträtköpfen der ptolemaiischen Königinnen zeigt. Kein Wunder also, wenn Fachleute wie Cahn, Mildenberg, Russo und Voegtli bereits 1988 erklärten: „Vorbild [für die Münzen der Philistis] waren wohl die Dekadrachmen im Namen der Arsinoë II., Königin von Ägypten, Gattin und Schwester des Ptolemaios II. Philadelphos († 270 v.Chr.).“ (Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig. Griechische Münzen aus Großgriechenland und Sizilien, S. 148) Und in der Tat zeigen die pos­tumen Dekadramen der Arsinoë II. den Kopf der Königin mit Diadem und Schleier  (siehe Abb. 2).

 

Abb. 1.2: 16 Litren (um 240–216 v. Chr), Silber, 13,57 g, Münzstätte Syrakus; Quelle: Künker, Auktion 280 (26. September 2016), Los Nr. 128

 

Da Arsinoë außer Diadem und Schleier aber auch noch eine verzierte Stephane, ein kleines Hörnchen ums Ohr sowie ein Lotos-Zepter trägt und die Münzlegende auf ΑΡΣΙΝΟΗΣ ΦΙΛΑΔΕΛΦΟΥ ([Münze] der bruderliebenden Arsinoë) lautet, sehen Numismatiker wie z. B. Maria Caccamo Caltabiano, B. Carroccio, E. Oteri und Oliver Hoover nicht im Münzporträt dieser Ptolemaierin das große Vorbild für die Münzen der Philistis, sondern im Münzbildnis der ptolemaiischen Königin Berenike II. „The portrait of Philistis is closely modeled on that of the Ptolemaic queen, Berenike II (c. 244/3-221 BC).“ (Oliver Hoover: Handbook of Coins of Sicily, S. 396) Anders als Arsinoë trägt Berenike nämlich nur Diadem und Schleier auf ihren Münzen – genauso wie Philis­tis. Zudem nennen ihre Münzen ebenso die Königstitulatur ΒΕΡΕΝΙΚΗΣ ΒΑΣΙΛΙΣΣΗΣ ([Münze] der Königin Berenike), wie die der Philistis (siehe Abb. 3).

 

Sicher, der Kopf der Philistis ist beim überwiegenden Teil ihrer Münzen nach links und nicht nach rechts gewandt und auch die Gestaltung der Frisur und des Schleiers zeigen deutliche Abweichungen vom Original, doch ist das Münzmotiv ja auch bloß entlehnt und nicht 1:1 kopiert.

Keinesfalls entlehnt sind dagegen die Rückseitenmo­tive der Philistismünzen. So sehen wir auf den 16-Litren-Stücken eine galoppierende oder schreitende Quadriga und auf den 5-Litren-Münzen eine galoppierende oder schreitende Biga und nicht etwa ein Füllhorn wie auf den Geprägen der Berenike. Mit anderen Worten, die Rückseiten stehen in der jeweiligen Polis- oder Dynastietradition und betonen bei den Münzen der Philistis das spezifisch Syrakusanische und bei den Münzen der Berenike das spezifisch Ptolemaiische. Wenn aber die Münzbildnisse Berenikes II. das Vorbild waren, dann dürfte Philistis wohl zum selben Zeitpunkt den Königstitel verliehen bekommen haben wie ihr Sohn Gelon II., d. h. ebenfalls um 240 v.Chr. Die Emissionen ihrer 16- und 5-Litrenmünzen in die Periode um 240–216 v.Chr. zu datieren, wie dies Oliver Hoover tut, ist folglich plausibel und gut nachvollziehbar. In dieselbe Periode fallen übrigens auch die silbernen 32-Litrenstücke und die Bronzemünzen, die Hieron II. in seinem Namen und mit seinem Porträt schlagen ließ.

 

 

Abb. 2: Posthumes Dekadrachmon (um 253-246 v. Chr), Silber, 33,85 g, Münzstätte Alexandria; Quelle: Künker, Auktion 270 (2. Oktober 2015), Los Nr. 8427

 

Aber warum wählten Hieron und seine Gemahlin ausgerechnet die Münzen der Berenike zum Vorbild für das Gros ihrer Silberprägung? Nun, die Antwort hierauf dürfte nicht allzu schwierig sein, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Syrakus und Alexandria enge Beziehungen pflegten, Ptolemaios III. die bedeutendste Macht des östlichen Mittelmeerraums regierte, die Hofhaltung der Ptolemaier an Pracht und Luxus kaum zu überbieten war und Berenike II. die erste Ptolemaierin war, deren Porträt bereits zu Lebzeiten auf Münzen erschien. Dem Lebensstil und Ansehen dieses Herrscherpaares nachzueifern, muss für die Könige in Syrakus ein ebenso großer Prestigegewinn gewesen sein, wie es für die meisten Königs- und Fürstenhöfe Europas fast 2000 Jahre später war, es Ludwig XIV. gleichzutun. Und wenn Berenike II. ihr Porträt mit Königstitulatur bereits zu Lebzeiten auf ihre Münzen setzten ließ, so war dies für Hieron und Philistis eine Herausforderung, der sie sich nur allzu bereitwillig stellten. So dass man sich dann auch nicht zu wundern braucht, wenn das Porträt der Philistis das Gros der syrakusanischen Silbermünzen ebenso zu ihren Lebzeiten zierte. Dem Numismatiker Dietrich O. A. Klose zufolge „brachte Hieron II., dadurch, daß er nicht nur sein eigenes Bildnis, sondern auch seine Gemahlin und seinen Sohn auf die Münzen setzten ließ, seinen Anspruch zum Ausdruck, ein hellenistischer Herrscher und Begründer einer neuen Herrscherdynastie zu sein.“ (D. O. A. Klose: Von Alexander zu Kleopatra, S. 49)

 

Abb. 3: Oktodrachmon (um 244/43–221 v. Chr), Gold, 27,85 g, Münzstätte Alexandria; Quelle: Nomos AG, Auktion 13 (7. Oktober 2016), Los Nr. 241

 

Und da zu einem bedeutenden hellenistischen Herrscher und seiner Imagepflege auch die Wohltätigkeit gehörte, spendeten Hieron und sein Sohn Gelon zusammen 100 Talente Silber (wovon 95 Talente wohl Münzen gewesen sein dürften) zum Wiederaufbau der Stadt Rhodos, nachdem ein verheerendes Erdbeben den Koloss und weite Teile der Stadt 227/26 v. Chr zerstört hatte. „When Rhodes was destroyed by the earthquake of 227 BC, Hieron II and Gelon II together contributed 100 talents of silver (95 of which seems to have been in coin) towards the restoration of the city.“ (Oliver Hoover: Handbook of Coins of Sicily, S. 395) Ptolemaios III. Euergetes I. (sein Beiname bedeutet der Wohltäter) hatte den Rhodiern „3000 Talente Geld gespendet, 350 Arbeiter, 100 Zimmerleute und weitere Mittel für den Wiederaufbau des Kolosses bereitgestellt.“ (Wolfram Hoepfner: Der Koloss von Rhodos, S. 100) Der Koloss wurde aber nie wieder errichtet, weil das Orakel von Delphi seinen Wiederaufbau verboten hatte. Wie viele 16-Litren-Stücke mit dem Porträt der Philistis wohl unter den 95 Talenten Silbermünzen gewesen sein mögen, die als Spende von Syrakus nach Rhodos kamen, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Bedenkt man, dass „die hauptsächliche Silberprägung Hierons die große Serie von 16-Litrenstücken im Namen der Philistis [war]“ (Antikenmuseum Basel, a.a.O., S. 148), dann könnten es durchaus mehrere 10 Talente gewesen sein. Die propagandistische Botschaft, die diese Münzen mit dem schönen und erhabenen Königsporträt der Philistis transportierten, dürfte somit ziemlich weit in der hellenistischen Staatenwelt verbreitet worden sein, denn Rhodos war in jenen Tagen eine politisch und ökonomisch mächtige und bedeutende Polis und eine Drehscheibe des internationalen Handels.

 

Literatur: Peter Robert Franke, Max Hirmer: Die Griechische Münze. München 1964; Herbert A. Cahn, Leo Mildenberg, Roberto Russo, Hans Voegtli: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig. Griechische Münzen aus Großgriechenland und Sizilien. Basel 1988; G. K. Jenkins: Ancient Greek Coins. 2. überarbeitete Aufl., London 1990; Dietrich O.A. Klose: Von Alexander zu Kleopatra. Herrscherporträts der Griechen und Barbaren. München 1992; Maria Caccamo Caltabiano, B. Carroccio, E. Oteri: Siracusa ellenistica: le monete „regali“ di Ierone II, della sua familia e dei Siracusani. Messina 1997; Oliver Hoover: Handbook of Coins of Sicily (Including Lipara). Civic, Royal, Siculo-Punic, and Romano-Sicilian Issues. Sixth to First Centuries BC. Lancaster/London 2012; M. I. Finley: Das antike Sizilien. Von der Vorgeschichte bis zur arabischen Eroberung. München 1979; Helmut Berve: Die Tyrannis bei den Griechen, 2 Bde. München 1967; Werner Huß: Ägypten in hellenistischer Zeit: 332-30 v. Chr München 2001; Wolfram Hoepfner: Der Koloss von Rhodos. Mainz 2003; Hubert Cancik, Helmuth Schneider (Hrsg.): Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, 16 Bde., Stuttgart, Weimar 1996-2003.

 

Den in den Abbildungsunterschriften erwähnten Auktionshäusern und Quellen sei an dieser Stelle ausdrücklich und herzlich gedankt.

 

 

 Ruinen des Opferaltars Hierons II. in Syrakus (L=198 m, B=22 m, H=10 m; Opferkapazität = 450 Tiere) Quelle - Urban, Wikimedia.

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