• Dietmar Kreutzer

Wiederentdeckt: „Berliner Reigen“ von Arthur R. G. Solmssen


Deutsche Erstausgabe des „Berliner Reigen“. Bildquelle: S. Fischer.

Im Frühjahr 1922 kam ein junger Amerikaner namens Peter Ellis nach Berlin. Der Weltkrieg war verloren, die Wirtschaft lag am Boden. Für die Schwestern seines deutschen Freundes Christoph Keith hatte er aus Mangel an Ideen ein eher profanes Gastgeschenk besorgt – zwei goldene Fünfdollar-Stücke. Über die Reaktion der Mädchen war der junge Mann überrascht. Zunächst starrten die zwei ungläubig auf die Münzen in seiner Hand. Dann küssten sie den Amerikaner begeistert. Die Mutter der beiden zeigte sich angesichts des wertvollen Geschenkes sehr besorgt: „Hör mal, Fritz, es war dumm von mir zu glauben, die Mädchen könnten die Münzen so einfach durch die Gegend spazieren tragen. Jemand wird ihnen eins über den Kopf geben und einbrechen … Ich werde sie in meinem Tresorfach verschließen.“ (Arthur R. G. Solmssen, Berliner Reigen, Berlin 1984, S. 264).

Arthur R. G. Solmssen, 1928-2018. Bildquelle: https://www.chadwickmckinney.com/obituaries/Arthur-Solmssen/#!/Obituary.

Die Besorgnis war nicht unbegründet – jede der Münzen war an jenem Morgen etwa 40.000 Mark wert. Und es wurden täglich mehr! Am 11. Januar 1923 um 13:30 Uhr ist der Dollarkurs an der Berliner Börse schon mit 10.450 Mark festgesetzt worden. Um drei Uhr hatte er bereits 11.600 Mark erreicht. Um dem Verfall der Mark zu begegnen, versuchten viele Berliner zu spekulieren. Ein Teil von ihnen kaufte Aktien, mitunter auf Pump, was die Kurse weiter in die Höhe trieb. Pensionäre und Arbeitslose standen dagegen vor dem Nichts. Peter Ellis fragte seinen Freund, wie dessen Mutter zurechtkomme. Antwort: „Sie besitzt Aktien, sie sind im Wert gestiegen, wir haben eine Hypothek auf dieses Haus aufgenommen und uns Geld geliehen, um holländische Gulden zu kaufen, wir können ein wenig Gold und Schmuck verkaufen – es ist ein regelrechter Existenzkampf, ich bin gezwungen, auf eine Art mit ihrem Besitz zu spekulieren, wie man mit den letzten Sachen, die einer Witwe verblieben sind, nicht spekulieren sollte.“ (Ebenda, S. 278f.).

USA, $5, 1916, 900er Gold, 8,2 g. Bildquelle: Coinappraiser.

Als Peter auf der Straße an einem Straßenmusiker vorbeikam, dem beide Beine fehlen, hörte er eine krächzende Stimme: „Please, Sir, amerikanische Münzen?“ (Ebenda, S. 296). Er warf ein paar Kupfermünzen in den offenen Koffer, in dem ein rostiges Hufeisen einen kleinen Stapel von Scheinen am Wegfliegen hinderte. Gewissenlose Amerikaner ließen in den Bierkellern inzwischen die Puppen tanzen. Als er in einem verrauchten Kellerlokal einen Schnaps bestellte, knurrt der Wirt durch die Zähne: „Ein paar ihrer Landsleute amüsieren sich.“ Ellis nahm aus dem hinteren Teil des Kellers ein lautes Stimmengewirr wahr. Als er die johlende Menschenmenge erreicht, sah er eine splitternackte Frau, die auf Händen und Füßen über die schmutzigen, nassen Fliesen kroch und amerikanische Münzen auflas. Die beiden US-Handelsreisenden, die für das Chaos verantwortlich waren, hatten aber noch nicht genug: „Das hier sind fünfundzwanzig Cent, ein Viertel Dollar, siebentausendfünfhundert Mark! Der kleine Silberling hier sind zehn Cent, ein Zehnteldollar, dreitausend Mark! Das hier, mit dem Indianer auf der einen Seite und dem Büffel auf der anderen, sind fünf Cent, eintausendfünfhundert Mark! Und diese Kupferpennys, die sind nur dreihundert Mark wert, gerade ein Bier! Aber nicht vergessen, ihr dürft sie nicht aufheben, solange ihr noch einen Faden auf dem Leib habt!“ (Ebenda, S. 298). Etliche der Frauen zogen sich aus.

USA, 10 Cent (Mercury Silver Dime), 1923. Bildquelle: Property Room.

Einige Monate später erreichte die Inflation ihren Höhepunkt. Als Peter Ellis im Taxi mit einer Dollarnote bezahlen wollte, zischte seine Begleiterin: „Bist du verrückt? Hier gib ihm das.“ (Ebenda, S. 368). Sie öffnete ihre Geldbörse und holte fünf der neuen Banknoten über 100.000.000.000 heraus. Sie waren einseitig bedruckt und noch ganz feucht von der Druckerschwärze. Am Straßenrand sah Ellis eine Menschenmenge mit grauen Gesichtern und Kleidern, die mit Weidenkörben, Blecheimern und Einkaufsnetzen voller Papiergeld vor einer Bäckerei standen. Doch der Bäcker öffnete nicht. Ebenso wie viele Bauern wollte er seine Produkte für wertloses Papiergeld hergeben. Zu dieser Zeit kam der Bankier und nationalkonservative Politiker Karl Helfferich auf die Idee, eine Roggenmark als wertstabiles Zahlungsmittel zu etablieren, deren Deckung nicht über Gold, sondern über den produzierten Roggen garantiert würde. Die eingeführte Rentenmark, mit der eine Grundschuld auf alles Eigentum im Land aufgenommen wurde, beinhaltete einige Grundideen dieser Initiative. Im Buch erklärt der Bankier Strassburger vom Bankhaus Waldstein & Co. am Gendarmenmarkt Peter Ellis dies in einem Brief: „Die Vorstellung, dass die Rentenmark durch eine Grundschuld auf deutsche Erde und deutsche Industrie gesichert ist, scheint dem deutschen Volk – obwohl praktisch und rechtlich gesehen ziemlich bedeutungslos – doch etwas zu bedeuten und sein Vertrauen in deutsches Papiergeld als Tauschmittel wieder herzustellen.“ (Ebenda, S. 408f.). Die Bauern akzeptierten die Rentenmark als Zahlungsmittel, so dass die Ernte von 1923 auf den Markt kam. Die Hungersnot endete, ebenso die politischen Unruhen. Abrupt endete die Börsenspekulation.

Ein 5 Billionen Mark Schein aus dem Jahr 1923. Bildquelle: Wikimedia.

Die Geschichte, die Arthur R.G. Solmssen erzählt, hat einiges mit der seiner Familie zu tun. Großvater Adolph Salomonsohn war einst von Bromberg (poln. Bydgoszcz) nach Berlin gekommen. Als Mitinhaber der Disconto-Gesellschaft wurde er zu einem der Finanziers des Kaiserreiches. Sein Sohn Arthur stieg 1912 zum Chef der Bankgesellschaft auf. Im Jahr 1929 übernahm die Deutsche Bank die Disconto-Gesellschaft. Arthur Solmssen wurde Vorsitzender des Aufsichtsrats. Einer seiner Verwandten, Kurt Arthur Solmssen, flüchtete im Jahr 1936 vor den Nazis in die USA. Dessen Sohn Arthur R. G. schrieb die Geschichte eines jungen Amerikaners im Berlin der frühen Zwanziger auf. Als Kind in Berlin aufgewachsen, brachte er 1980 in den USA „A Princess in Berlin“ (dt. „Berliner Reigen“) heraus, einen mit großer Detailkenntnis verfassten Roman. Das Buch wurde zu seinem größten Erfolg.