• Michael Kurt Sonntag

Was besagt die punische Legende?


Karte des antiken Siziliens mit den Einflussbereichen der Karthager im Westen und der Griechen im Osten. Bildquelle: Eva und Wolfgang Szaivert, David R. Sear, Griechischer Münzkatalog, Bd. 1: Europa, Battenberg Verlag, München 1980, S. 142

Während der östliche Teil Siziliens in der Antike die meiste Zeit über griechisch war, war der Westteil der Insel fast immer karthagisch. Zwar versuchten sich Griechen und Karthager vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. durch gegeneinander geführte Kämpfe und Schlachten immer wieder gegenseitig aus der Macht zu drängen und die Insel ganz zu übernehmen, allerdings gelang dies letztlich weder den Griechen noch den Karthagern. Um die enormen Kriegsanstrengungen gegen die griechischen Städte Siziliens zu finanzieren, prägten die Punier, wie die Karthager auf Sizilien genannt wurden, in ihrem Teil Siziliens zwischen 410 und 289 v. Chr. eine Vielzahl von silbernen Tetradrachmen im attischen Standard. Dass die Punier den attischen Münzfuß (17,2 g/Tetradrachmon) und nicht den leichteren phönikischen (14,3 g/Schekel oder Tetradrachmon) wählten, hatte laut Oliver Hoover vor allem damit zu tun, dass sie mit diesen Münzen kampanische und sizilische Söldner finanzierten, die mit dem attischen Standard vertraut waren.

Anders als frühere Münzkataloge, die diese Münzen häufig nach Lilybaion plazierten, verorten sie neuere Werke nach Entella (ebenfalls im karthagischen Teil Siziliens). Einer der Tetradrachmentypen, der beispielsweise von 320/315-305/300 v. Chr. geprägt wurde, kopiert auf der Vorderseite den Kopf der Kore Persephone oder Arethusa von syrakusanischen Münzen und paart diesen auf der Rückseite mit einem nach links gewandten Pferdekopf vor Dattelpalme und einer punischen Legende.

Während der Pferdekopf und die Dattelpalme rein punische Münzmotive sind, kopiert der weibliche von Delphinen umspielte Kopf syrakusanische Deka- und Tetradrachmen. Dieses war, wie Leo Mildenberg betont, aber nur möglich, weil die Grenzen zwischen dem karthagischen und griechischen Gebiet auf Sizilien durchlässig waren. „Nur so konnte der starke Einfluss der Münzprägung der griechischen Siedlungen auf das Geldwesen der karthagischen Institutionen und der abhängigen Städte wirksam werden. Dabei musste jede Form von Prestigedenken den karthagischen Verwaltern fremd gewesen sein; denn nur wenige eigene Bilder tauchen auf, … die nicht in das griechische Pantheon gehören. Alle anderen Münztypen sind entlehnt. Dabei ist die Ausrichtung auf Syrakus … besonders auffällig.“ (U. Hübner, E. A. Knauf [Hrsg.], Leo Mildenberg, Vestigia Leonis, Freiburg Schweiz/Göttingen 1998, S. 152).

Entella, im karthagischen Teil Siziliens (um 320/315-305/300. v. Chr.), Tetradrachmon (um 320/315-305/300. v. Chr.), Silber 16,85 g, 26 mm, Münzstätte Entella. Bildquelle: MA-Shops, Kölner Münzkabinett (Oktober 2020)

Anders als O. Hoover, der den abgebildeten weiblichen Kopf als den der Quellnymphe Arethusa und ihre Blätter auf dem Haupt als Schilfblätter interpretiert, bezeichnet Leo Mildenberg die Abgebildete als Kore Persephone und den Blätterkranz in ihrem Haar als Kornblätter. „Kornblätter und Ähren bezeichnen den häufigsten weiblichen Kopf auf sikulo-punischen Münzen als Kore-Persephone, einer offensichtlich auf ganz Sizilien populären Gottheit, für die es nicht notwendigerweise eine karthagische Ensprechung gegeben haben muss.“ (Ebenda, S. 151, Fußnote 6).

Da das Punische/Karthagische eine semitische Sprache war, wurden auch die Münzlegenden in Kosonanten von rechts nach links geschrieben und gelesen. Die Legende des abgebildeten Tetradrachmons lautet auf: ´mmḥnt = Am Machanat = Volk des Lagers bzw. Lagervolk. Diese ist laut Mildenberg gleichzusetzen mit der Militärverwaltung im karthagischen Teil Siziliens. „Das Heer – oder auch die Militärverwaltung – schaffen also Geld in ihrer Eigenschaft als wichtige Institution der karthagischen Exekutive auf der Insel, die mit dem Oberkommando identisch gewesen sein kann, aber nicht muss.“ (Leo Mildenberg, ebenda, S. 154f.)

Die Münzlegende bezeichnet also den Emittenten der Tetradrachmen, die Militärverwaltung. Geprägt wurden diese, der neueren Numismatik zufolge, in Entella im karthagischen Teil Westsiziliens.