• Dietmar Kreutzer

Unterschätztes Kleingeld: „Wat koofe ick mir for een Groschen?“


Ehemalige Volksspeisehalle in Berlin. Bildquelle: Wikimedia, Zägel.

Egon Erwin Kisch (1885-1948), der rasende Reporter, widmete dem „Groschen“ in seiner berühmt gewordenen Reportagen-Sammlung von 1925 unter der oben genannten Überschrift eine ganze Geschichte: „In der Volksspeisehalle in der Schönhauser Allee trank ich eine Tasse Kaffee um zehn Pfennig und aß dazu einen Napfkuchen um den gleichen Preis. Drüben an der Wand, mit Kreide auf ein schwarzes Brett geschrieben, war die Speisekarte; aus ihr ersah ich, dass man für eine Tasse Milch, Kakao, Kaffee, Apfelwein oder Brühe, für eine Flasche Selterswasser, für zwei Zehntel Malz- oder Lagerbier, für eine mit Butter oder Schmalz gestrichene Stulle, für vier gewöhnliche Schrippen, für einen Blech- oder einen Napfkuchen nicht mehr und nicht weniger als zehn Pfennig zu zahlen hat.“ (Egon Erwin Kisch, Der rasende Reporter, Berlin 2001, S. 312).


Betreiber des Lokals war die 1881 gegründete Volksspeisehallen Aktien Gesellschaft, die in Berlin, Brauschweig, Bremen, Hamburg, Kiel und Lübeck wenig begüterten Singles für wenig Geld günstige Speisen und Getränk anbot. „Noch reicher sehen die Genüsse aus, die sich einer vergönnen kann, der über zwei Groschen verfügt: eine Schale Weißbier, eine Pulle Brauselimonade, eine belegte Stulle, einen sauren Hering, einen marinierten Fisch, eine Portion Kartoffelsalat, ein Paar Würstchen oder ein Stück Wurst.“ (Ebenda). Bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg existierte diese Einrichtung für die Volkswohlfahrt.


In der Berliner Straßenbahn spielte der Groschen ebenfalls eine bedeutende Rolle. Ein Billett kostete dort 15 Pfennige. Viele Schaffner spekulierten darauf, einen „Sechser“ als Trinkgeld zu bekommen. Zahlte man im noblen Charlottenburg mit zwei Groschen, so sagte man: „Fünfzehn - ist schon gut.“ Wofür ein Groschen am besten taugt, wollte Egon Erwin Kisch von einem kleinen Jungen wissen. Der erwiderte wie aus der Pistole geschossen: „Ick geh‘ in Kientopp!“ Als ihm Kisch den Groschen gab, zeigte ihm der Knirps „sein“ Kino, in dem der Eintritt zehn Pfennig kostet, der teuerste Platz fünfzig Pfennig.


An einigen Berliner Orten hatte der Groschen auch etwas Halbseidenes. In der 1873 eingeweihten Kaisergalerie, im Volksmund Linden-Passage, gab es Attraktionen wie das Panoptikum und das Wachsfigurenkabinett der Brüder Castan. Dort konnte man für wenig Geld nackt badende Knaben oder aufreizend drapierte Mädchen durch Gucklöcher bewundern. Kuriositäten wie der Kettensprenger Masso präsentierten sich vor Publikum, zudem Hassan ben Ali, der größte Mensch, der je gelebt hat, und Papus, der Hungerkünstler: „Ach, niemand besieht das Pantheon dieser Größen von einst, deren Leben es war, umherzufahren in der Welt, sich schauzustellen vor einen Zehnpfennigpublikum im matten Vormittagslicht eines Kirchweihzeltes oder eines Gasthauszimmers oder im allzu grellen Schein der abendlichen Zirkusmanege.“ (Ebenda, S. 182).


Die Bezeichnung Groschen kommt vom grossus denarius Turonus, dem „dicken Denar von Tours“. Dieser „Turnosgroschen“ war eine im Mittelalter unter den Kapetingern eingeführte Silbermünze für den täglichen Zahlungsverkehr. Seit dem 14. Jahrhundert ist er auch auf deutschem Gebiet ausgemünzt worden.

10 Pfennig, 1875, 3,9 g, 21 mm, Polierte Platte C. J. 4. Bildquelle: Künker, Auktion 286-287, Losnr. 2013.

Im Preußen des 19. Jahrhunderts wurde der Silbergroschen noch mit 12 Pfennigen berechnet. Daher kommt auch der Begriff des Sechsers für einen halben Groschen. Erst seit der Dezimalisierung des Münzsystems wird er in zehn Pfennige geteilt. Im Kaiserreich gab es zwischen 1873 und 1889 zunächst einen Kupfer-Nickel-Groschen mit kleinem Reichsadler, den der Berliner Medailleur Wilhelm Kullrich (1821-1887) entworfen hat. Es folgte eine überarbeitete Fassung mit großem Adler von Emil Weigand. Während des Ersten Weltkrieges sind diese Münzen durch geringfügig veränderte Stücke aus Zink und verzinktem Eisen ersetzt worden.


10 Rentenpfennig, 1924, Aluminium-Bronze, 3,9 g, 21 mm. Bildquelle Numismatic Guaranty Corporation.

Während der Weimarer Republik kamen ab 1923 hergestellte Groschenmünzen aus Alu-Bronze in Umlauf. Zunächst sind die Stücke mit einer stilisierten Ährengarbe auf der Rückseite als zehn Rentenpfennige ausgewiesen worden. Mit der Umstellung auf die Reichsmark waren es ab 1924 dann zehn Reichspfennige. Die Vorderseiten dieser Münzen hat der namhafte Bildhauer und Medailleur Waldemar Raemisch (1888-1955) entworfen. Der Entwurf für die Rückseite stammt von dem Grafiker Oskar Hermann Werner Hadank (1889-1965), der sich seinerzeit vor allem als Produkt- und Werbegestalter einen Namen machte.


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