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„Sie kleidet und ernährt“ - Preußische Medaillen auf die Seidenindustrie

Kleiderordnungen früherer Jahrhunderte schrieben genau vor, wer was anziehen durfte. Leute hohen Standes trugen teure Mäntel und Pelze, bunte Röcke, Hosen und Hüte. Doch wer in der gesellschaftlichen Hierarchie weiter unten stand, musste sich mit billiger, strapazierfähiger Kleidung begnügen. Dem einfachen Volk war sowohl aus Kostengründen als auch wegen der Vorschriften das Tragen von Samt und Seide und die Verwendung langer Stoffbahnen für pludrige Kostüme verwehrt. Da in Brandenburg und Preußen alles per Edikt und Verordnung geregelt wurde, nimmt es nicht Wunder, dass auch der Umgang mit Erzeugnissen der heimischen Seidenindustrie, mit der Luxusbedürfnisse des Hofes, des Adels und des reichen Bürgertums befriedigt wurden, königlicher Reglementierung unterlag.


Abb 1. Ein aus kurfürstlicher Zeit stammender, schon recht hinfälliger Maulbeerbaum an der Claire-Waldoff-Straße unweit der Berliner Friedrichstraße steht als Denkmal der Wirtschafts- und Kulturgeschichte unter Naturschutz. Foto: Caspar.


Die Förderung der Seidenindustrie war für die brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige eine Herzensangelegenheit. Durch Zucht der Seidenraupen und Verarbeitung ihrer Kokons haben sie mit Erfolg teure Importe aus Frankreich überflüssig gemacht. Das begehrte Gespinst wird von Raupen erzeugt, die sich nach Verspeisen zahlloser Maulbeerblätter in Kokons einpuppen. Von diesen Gehäusen konnte man einen bis 3000 Meter langen Seidenfaden abwickeln. Um Züchter und Fabrikanten zu ehren, gewährten die Hohenzollern Geldprämien und gaben Medaillen aus. Da Maulbeerbäume sehr witterungsanfällig sind und keinen starken Frost vertragen, war die Seidenraupenzucht und damit auch die Herstellung von Seidenstoffen für feine Kleider, Tapeten, Möbelbezüge und auch Ordensbänder mit hohen Risiken behaftet.


Abb. 2 Die Medaille von Nils Georgi aus dem Jahr 1755 zeigt, wie Minerva einen Schleier von Stoffballen zieht, verbunden mit der Inschrift "FELICITATI TEMPORIS // ART TEXTR HOLOSER / STABILITA" (Auf das Glück der Zeit. Die Kunst des festen Gewebes ist unveränderlich). Olding 595. Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18230498.


Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. wies im frühen 18. Jahrhundert seine Beamten und die städtischen Magistrate an, Stadtwälle, Friedhöfe, Alleen und Plätze mit Maulbeerbäumen zu bepflanzen, um darauf „Seide wachsen zu lassen“, wie man damals sagte. Die Berliner Akademie der Wissenschaften stellte für die Verarbeitung der Kokons das nötige Know-how bereit. Ihr Präsident Jacob Paul von Gundling, der am Hof des Soldatenkönigs gegen seinen Willen die Rolle als Spaßmacher spielen musste, wurde zum Aufseher über alle Seidenwürmer im ganzen Land ernannt. Der Soldatenkönig wies aus Frankreich nach Preußen geflüchtete Hugenotten im Berliner Tiergarten Parzellen für Maulbeerplantagen zu und riet seinen Untertanen,

„umb Ihre Plantage Gräben aufwerffen und selbige oben auf mit Dornen und anderen Buschwerk bepflantzen und mit der Zeit eine lebendige, beständige Hecke zu gewinnen“.

Das würde die empfindlichen Bäume vor Beschädigung schützen und außerdem Holz für Zäune sparen.


Abb 3. Eine Frau wickelt auf einer Medaille von Abraham Abramson aus dem Jahr 1783 unter einem Maulbeerbaum sitzend Seidenfäden von Kokons ab. Olding 743. Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18230505.


Abb 4. Ähnliche Stempel wurden auch für eine seltene Medaille in Gold verwendet. Olding 742. Bildquelle: https://ikmk.smb.museum/object?id=18230568.


Auch Friedrich II., der Große, forderte seine Untertanen auf, in großem Stil Maulbeerbäume anzupflanzen. Im Bereich der Berliner Charité und im Park des Schlosses Schönhausen wuchsen tausende Maulbeerbäume. Große Plantagen gab es im Park des Schlosses Bellevue, dem heutigen Amtssitz des Bundespräsidenten, und unweit des Neuen Palais in Potsdam. Um die Textilindustrie zu fördern, ließ der König Samen vom Maulbeerbaum und Jungpflanzen kostenlos an die Bevölkerung verteilen, verbot die Ausfuhr von Maulbeerbäumen und stellte ihre Beschädigung unter Strafe. Ziel war es, die teuren Importe aus Frankreich durch Eigenproduktionen zu ersetzen, was aber nur bedingt gelang. Ungeachtet vielfältiger Fördermaßnahmen erfüllten sich die Hoffnungen des Königs nicht, Preußen durch Eigenproduktion mit Seide zu versorgen und sie sogar zu exportieren. Strenger Frost ließ große Maulbeerplantagen sterben, allgemeines Desinteresse an der aufwändigen Baum- und Kokonpflege tat ein Übriges, um die Seidenindustrie nach dem Tod des Alten Fritz (1786) langsam zum Erliegen zu bringen.


Der Berliner Numismatiker Lothar Tewes hat sich in den „Beiträgen zur brandenburgisch-preußischen Numismatik“ Heft 9 (2001), S. 138-151 ausführlich mit den preußischen Seidenbaumedaille befasst und auch dargelegt, wer mit Ausgaben aus Gold und Silber geehrt wurde. Die Auflagen waren gering, Abschläge aus Gold im Gewicht von mehreren Dukaten kommen im Handel so gut wie nicht vor.


Eine undatierte Medaille (Abb. 5) mit dem Bildnis König Friedrich Wilhelms III. wurde 1806 ausgegeben, in jenem Jahr, als Preußen im Krieg gegen Frankreich bei Jena und Auerstedt eine verheerende Niederlage und im Jahr darauf durch den Frieden von Tilsit bedeutende Verluste an Land und Leuten hinnehmen musste. In einer Zeit, da Preußen besetzt war und 140 Millionen Francs an den siegreichen Kaiser Napoleon I. zahlen musste, war keine Zeit und Kraft, sich mit Luxuswaren wie Seidenstoffen zu befassen. Das Thema geriet in Vergessenheit.

Abb. 5 Diese Medaille ohne Jahreszahl ehrt den König Friedrich Wilhelm III. als "BELOHNER DES FLEISSES". Sie wurde von der so genannten Seidenbau-Kommission in Etuis vergeben. Die Rückseite begründet mit der Umschrift "SIE KLEIDET DEN REICHEN - SIE NAEHRET DEN ARMEN" die Fördermaßnahmen der Seidenindustrie. Hoffmann 96. Bildquelle: Fritz Rudolf Künker GmbH & Co. KG, Auction 194, 3012.


Im Jahr 1755 schuf der bei Hofe angesehene Stempelschneider Nils Georgi eine Medaille (Abb. 1) mit dem Bildnis Friedrichs II., auf deren Rückseite Minerva, die Göttin der Weisheit, einen Schleier von seidenen Stoffballen zieht. Die repräsentative Prägung, eine der großen numismatischen Raritäten aus der Zeit des Alten Fritz, war für erfolgreiche Fabrikanten gedacht, weniger für Leute, die sich draußen im Lande mit Seidenraupenzucht abplagten.


Der Etatminister Ewald Friedrich von Hertzberg, der auch Kurator der Berliner Akademie der Künste war, stiftete 1783 eine in zwei Versionen geprägte Medaille (Abb. 3 und 4) mit dem repräsentativen Bildnis des als „Instaurator“, also Wiederhersteller oder Beförderer, genannten Königs Friedrich II. und einer Frau, die unter einem Maulbeerbaum sitzt und Seide spinnt. Für die von Abraham Abramson geschaffene Medaille wurde in einer damaligen Zeitung mit folgenden Worten geworben:

„Da einige Personen den Seidenbau nicht um des Gewinnstes willen, sondern aus Vergnügen oder Vaterlandsliebe treiben, so hat Freiherr von Hertzberg für gut befunden, zur Ehre und zum Andenken des preußischen Seidenbaues eine Medaille von Silber, 1e Lot schwer von dem geschickten Künstler Abramson prägen zu lassen, um sie an obgedachte Seidenbauer zu verteilen“.

Neben der Jahreszahl in römischen Zahlenzeichen liest man die Angabe BR, was auf das Gut Britz im heutigen Berliner Bezirk Neukölln weist. Hier unterhielt Hertzberg ein Mustergut, bei dem auch Maulbeerplantagen und Seidenraupenzucht eine große Rolle spielten. Der Stifter der Prämienmedaille, der auch die Landesseidenbaukommission leitete, besaß in Britz über eintausend Maulbeerbäume, die 20 bis 30 Pfund „gute Seide“ ergaben. In seinem Schloss ließ er die Wände mit Seidenstoffen aus eigener Produktion bespannen, und auch die feinen Kleider, die er und seine Familie trugen, stammen von dort.

Abb.6 Schloss Britz auf dem Gelände des ehemaligen Ritterguts in Britz. Foto: A. Savin, wikimedia commons.


Ungeachtet vielfältiger Fördermaßnahmen erfüllten sich nicht die Hoffnungen Friedrichs des Großen und seines Nachfolgers Friedrich Wilhelm II., sein Land durch Eigenproduktion ausreichend mit Seide zu versorgen und den kostbaren Stoff zu exportieren. Frosteinbrüche setzten, wie schon erwähnt, den Maulbeerplantagen zu und die Kriege zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren der Seidenindustrie alles andere als förderlich. Außerdem ließ allgemeines Desinteresse an teuren Seidenstoffen im Zeichen neuer Einfachheit die königlichen Pläne scheitern. Bauern hatten keine Zeit für die aufwendige und arbeitsintensive Produktion, die „von oben“ zur Wurmpflege verdonnerten Schulmeister erfanden diverse Ausreden, und auch die Gutsbesitzer widmeten sich, von löblichen Ausnahmen wie Graf Hertzberg abgesehen, nur ungern der Aufgabe. Das Ziel, jährlich 40.000 Pfund Rohseide durch Abwickeln der Kokons zu gewinnen, wurde nicht erreicht. So kam die einheimische Seidenindustrie nach dem Tod Friedrichs II. langsam zum Erliegen. Wiederbelebungsversuche im 19. Jahrhundert führten zu nichts, weil man Rohseide auf dem Weltmarkt preiswerter bekam als durch eigenen Anbau. Bliebe noch zu sagen, dass das Thema Seidenbau erst wieder im Zweiten Weltkrieg Konjunktur bekam, als man Seidenstoffe für Fallschirme und andere militärische Zwecke brauchte. Die Wehrmacht lobte die Wiederbelebung des Seidenanbaus als späte Verwirklichung von Plänen Friedrichs II. Dabei war unverkennbar, dass nur Engpässe ausgeglichen werden sollten, weil Deutschland von ausländischer Zulieferung abgeschnitten war.


Abb. 7 Die farbige Karikatur aus dem 18. Jahrhundert nimmt Modegecken aufs Korn, die sich in Samt und Seide kleiden und sich damit vom „gemeinen Volk“ abheben. Bildquelle: Caspar.


Im Berliner Nikolaiviertel wird der Seidenhändler und Lokalpolitiker Carl Knoblauch sowie seine weit verzweigte Familie von Unternehmern und Künstlern und und sein Freundeskreis gewürdigt, allen voran der preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel, der Forschungsreisende Alexander von Humboldt und sein Bruder, der Bildungsreformer und Universitätsgründer Wilhelm von Humboldt. Knoblauch befasste sich auf seiner mehrjährigen Reise mit der Herstellung von Seidenbändern, mit denen das Familienunternehmen viel Geld verdiente. Dem auch sozial engagierten Fabrikanten gehörten eine Seidenbandmanufaktur am Mühlendamm und eine Seidenbandhandlung in seinem Wohnhaus,

das heute unter dem Namen Knoblauchhaus eine bedeutende Ausstellung zur Kunst und Kultur der Biedermeierzeit zeigt und zur Stiftung Stadtmuseum gehört.


Abb. 8 Das Knoblauchhaus in der Poststraße 23 im Berliner Nikolaiviertel. Foto: Presse Stadtmuseum, wikimedia commons.


Zu den bekanntesten Berliner Seidenfabrikanten gehörten der aus Polen stammende Unternehmer Johann Ernst Gotzkowsky. „Verlassen von des Königs Gnade“ starb er 1775 in Berlin in Armut, dabei gehörte er zeitweise zu den reichsten Männern in Preußen. Der Heereslieferant und Kunstsammler hatte im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) bankrott gemacht und ging daraufhin der Gunst Friedrichs II. verlustig. Zwischen 1761 und 1763 betrieb Gotzkowsky in Berlin eine Porzellanmanufaktur, die er vom Firmengründer Johann Caspar Wegely übernommen hatte. Doch die Zeiten waren für das damals noch zu den Luxusgütern zählende „weiße Gold“ ungünstig, und als es der Fabrik nicht gut ging, griff der in Porzellan verliebte König zu und kaufte sie mit dem kompletten Lagerbestand und allen Modellen für 225.000 Taler. Mit dem Erlös konnte Gotzkowsky nur einen Teil seiner immensen Schulden tilgen. Sein Haus in der Brüderstraße 13, das so genannte Nicolaihaus, und seine Sammlungen mit Gemälden von Rembrandt, Rubens und Raffael wurden ebenfalls verkauft.


Abb. 9 Auch jenseits der Hauptstadt sind noch heute Zeugen der preußischen Seidenindustrie zu finden. Dieser um 1760 gepflanzte Maulbeerbaum steht unweit von Burg bei Magdeburg. Foto: Tilsch.


Ein anderer Seidenfabrikant war Moses Mendelssohn, der als Schriftsteller und Philosoph berühmt wurde. In einer Zeit der Aufklärung und des Neubeginns in der zweiten Hälfte des 18 Jahrhunderts diskutierte „Herr Moses“, so der Titel eines lesenswertes Buches von Heinz Knobloch aus dem Jahr 1985, mit seinen christlichen und jüdischen Freundinnen und Freunden Fragen der Philosophie und Politik. Sie besprachen treu ihrem Grundsatz „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun“ in geselliger Runde oft beim Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai neueste Literatur und diskutierten über Gott und die Welt und aktuelle Ereignisse. Obwohl der Jude Mendelssohn durch seine Werke zum Ruhm Berlins und Preußens und auch zum Aufschwung der Seidenindustrie beigetragen hat, verweigerte Friedrich der Große, in dessen Reich angeblich jeder „nach seiner Fasson selig werden durfte“, seine Zustimmung zur Wahl als Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Erst nach zweimaligem Antrag gewährte der König ihm den Status eines „außerordentlichen Schutzjuden“.


Helmut Caspar

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