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Rothschild, Fieweger, Hess: Die Frühgeschichte des deutschen Münzenhandels

Vor einigen Hundert Jahren war das Angebot an historischen Münzen ein ganz anderes als heute. Die gebildeten und wohlhabenden Liebhaber hatten vor allem ein Sammelgebiet im Auge: „Die Renaissance und der sie begleitende Humanismus, die sich seit dem Ende des 14. Jahrhunderts von Italien aus in Europa verbreiteten, waren gekennzeichnet durch die Wiederentdeckung des Altertums, der Literatur und Philosophie, der Wissenschaft und Kunst der römischen und später auch der griechischen Antike. Zu den Relikten vergangener Zeiten, für die damals ein neues Interesse erwachte, gehörten auch die antiken Münzen. Anders als heute interessierte man sich aber kaum für die wirtschaftlichen, technischen und organisatorischen Seiten des Münzwesens, sondern vorwiegend für die Münzbilder und ganz speziell für die Münzporträts.“ [1] Mit einer Sammlung hofften sich gekrönte Häupter oder vermögende Bürger eine Galerie bedeutender Persönlichkeiten aus der Antike zulegen zu können: „Die vielen Sammler verschafften den Münzhändlern – bereits damals oft Bankiers und Geldwechsler – ansehnliche Umsätze und riefen eine Reihe von Fälschern auf den Plan, die hauptsächlich in norditalienischen Städten angesiedelt waren. Die handwerklich und künstlerisch oft sehr talentierten Stempelschneider, unter denen der aus Padua stammende Giovanni da Cavino (1500–1570) am bekanntesten wurde, kopierten existierende Stücke, produzierten jedoch auch Münzen, für die es keine echten Vorbilder gibt.“ [2]


Münzhändler Mayer Amschel Rothschild [Liebig Sammelbilder]


In Deutschland gab es zu dieser Zeit noch keinen im heutigen Sinn des Wortes organisierten Münzhandel. Erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert sind Vorstufen dafür nachweisbar. Das Notabilien-Buch über die eingegangenen Antiquitaeten und andere Curiosa des württembergischen Kabinettssekretärs Caspar von Pfau (1686–1744) gibt Anhaltspunkte für die Bezugsquellen, aus denen damals eine Sammlung von Münzen entstand. Für den Zeitraum von 1730 bis 1742 nennt Pfau, der selbst Sammler antiker Münzen war, insgesamt 34 verschiedene Quellen, darunter zahlreiche Privatpersonen, mit denen er in Kontakt stand, darunter andere Sammler. Mit ihnen wird er wohl getauscht haben. Acht Juden werden genannt, bei denen es sich um Händler und Geldwechsler aus Stuttgart gehandelt haben dürfte. In späteren Jahren erwarb Pfau weitere Münzen von Juden bzw. auf Reisen. Als erster vorwiegend mit dem Münzhandel beschäftigter Händler gilt Mayer Amschel Rothschild (1744–1812) aus Frankfurt/Main. Im Geschäft seiner Eltern musste er schon früh Geld sortieren, wechseln und ankaufen: „So kam er auch mit seltenen ausländischen und antiken Sammlermünzen in Kontakt. Er wurde von einer ausgeprägten Sammelleidenschaft gepackt. Eine einjährige Banklehre in der Münzenabteilung des Bankhauses Oppenheim in Hannover, wo er numismatische Literatur aller Art verschlang, ließ ihn zum Experten heranreifen.“ [3]


Titelseite eines Münzkataloges der Firma Rothschild [Münzenwoche]


Während der Frühjahrs- und Herbstmessen in Frankfurt wurden auch Münzauktionen abgehalten, zu denen sich Händler und Sammler aus ganz Deutschland einfanden. Auf einer solchen Messe lernte Rothschild unter Vermittlung eines Kunden den Grafen Wilhelm IX. von Hanau kennen. Im Jahre 1765 verkaufte er ihm für 38 Gulden und 30 Kreuzer einige Medaillen. Auch andere bedeutende Persönlichkeiten wie der Kurfürst von der Pfalz und der Herzog von Sachsen-Weimar und Eisenach gehörten zu seiner Kundschaft. Seit 1770 sind jährliche Kataloge der angebotenen Münzen und Medaillen von Rothschild nachweisbar. Inzwischen wurden nicht nur antike Münzen, sondern auch Taler, seltene Goldprägungen sowie Medaillen nachgefragt. Seit 1769 mit dem Titel eines Hessen-Hanauischen Hoffaktors aufgewertet, konnte er standesgemäß um Kunden werben: „Sollten von diesen schönen Münzen, welche um billige Preiße zu haben sind, und daraus verlangt werden, so beliebe man sich an den Eigenthümer zu addressiren, welcher noch mehr seltene Cabinets-Münzen, wie auch Antique-Seltenheiten zu verkaufen hat. Adresse: Mayer Amschel Rothschild, Hochfürstl. Hessen-Hanauischer Hof-Faktor, wohnhaft in Frankfurt am Mayn, 1783.“ [4] Die Bestellungen verschickte Rothschild mit der Post. Bei Nichtgefallen gewährte er ein Rückgaberecht. Gute Kunden verhandelten mit ihm auch über den Preis oder bekamen einen Nachlass gewährt.


Münzhändler Adolph Hess (1846–1912) [Peus-Münzen]


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es bereits eine ganze Reihe professioneller Münzhändler. Einer der bedeutendsten war Adolph Hess, der seine 1870 in Gießen gegründete Firma im folgenden Jahr nach Frankfurt/Main verlegte: „Hess war ein hervorragender Kenner und passionierter Sammler von Kleinkunstwerken, namentlich von Porträts aus der Zeit des frühen Barock bis in die Epoche des späten Biedermeier, und so stand der Betrieb einer Münzenhandlung in unmittelbarer Verbindung zu seinem Steckenpferd. […] So wurden ihm in den siebziger und achtziger Jahren zahlreiche wichtige Sammlungen aus ganz Europa zur Versteigerung anvertraut, darunter etwa die berühmte Sammlung der Fürsten Montenuovo. Die Kataloge zu diesen Auktionen gelten noch heute als hervorragende Zitatwerke.“ [5]


Kurfürstentum Brandenburg, Joachim Friedrich. Portugalöser zu 10 Dukaten von 1605.

34,7 g, 39 mm [Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, 18203741]


Mit dem Königlichen Münzkabinett in Berlin in Verbindung stand unter anderem Prof. Carl Fieweger (1816–1883). Im Jahre 1852 nach Berlin gekommen, richtete er ab 1867 mehrere spektakuläre Münzauktionen aus. Sein Geschäftsgebaren beim Verkauf eines seltenen Portugalösers des Brandenburger Kurfürsten Joachim Friedrich an das Münzkabinett erregte die Gemüter bis in höchste Kreise. Alfred von Sallet vom Münzkabinett in einem Brief im Oktober 1876 an Kronprinz Friedrich Wilhelm, den Protektor der Königlichen Museen: „Der Besitzer, der hiesige Münzhändler Fieweger, hat dieses für 1000 Mark angeboten, als eine Bewilligung dieses hohen Preises vorläufig in Aussicht gestellt war, hat er folgenden Tags den Preis auf 2000 Mark erhöht.“ [6] Der Kronprinz empfahl, den Händler mit einem Abbruch der Geschäfte unter Druck zu setzen. Man verständigte sich daraufhin auf einen Preis von 1300 Mark.


Quellen

  1. Rosemarie Grieco, „Anfänge des Münzsammelns und der numismatischen Literatur“; in: MoneyTrend, Heft 4/1994, S. 12.

  2. Ebd., S. 13.

  3. Helmut Fritz: „Der kometenhafte Aufstieg des Frankfurter Münzhändlers Rothschild“; in: MünzenRevue, Heft 1/2003, S. 117.

  4. Ebd.

  5. „Dr. Busso Peus Nachfolger: Die Anfänge – Adolph Hess und seine Nachfolger“; auf: peus-muenzen.de/historie.aspx.

  6. Christian Stoess: „Wo kommen all die Münzen her“; in: Münzkabinett – Menschen, Münzen, Medaillen; Berlin 2020, S. 228.

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