• Helmut Caspar

Rechenpfennige als historische Dokumente

Oft wird die Frage gestellt, ob es sich lohnt, Ausschau nach Rechenpfennigen, Jetons und ähnlichen Objekten zu halten, ja sie gezielt zu sammeln. Dies lässt sich mit einem klaren „Ja“ beantworten. Die Marken und Kupons aus Kupfer, Messing und anderen Materialien fungierten oft als eine Art Ersatzgeld, mit dem man Lebensmittel, Getränke und andere Erzeugnisse sowie Dienstleistungen bezahlen konnte, wenn man kein kurantes Geld bei der Hand hatte. Manche Gepräge dienten auch zur Legitimation und gestatteten zum Beispiel das Betreten von Gebäuden. Andere verwendete man bei Glücksspielen, weshalb sie oftmals mit der antiken Glücksgöttin Fortuna geschmückt sind. Wenn römisch-deutsche Kaiser und andere Herrscher gekrönt wurden oder wenn diese die Huldigung ihrer Untertanen entgegennahmen, hat man die nach dem französischen Wort „jeter“ für „auswerfen“ benannten Jetons wegen des besonderen Anlasses auch in Silber und manchmal sogar in Gold ausgeprägt, was ihnen bis heute größere Wertschätzung sichert als dies bei den üblichen Rechenpfennigen zu beobachten ist.


Jeton, 1711, Au, ausgeworfen bei der Krönung Kaiser Josephs I. in Frankfurt am Main. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Unverständlicherweise spielen diese vor allem seit der frühen Neuzeit hergestellten Gepräge in Münzsammlungen und im Handel nur ein Mauerblümchendasein. Man beachtet sie in der Regel wenig und nimmt sich auch kaum die Zeit, sich näher mit ihnen zu beschäftigen. Das verwendete Material und oft auch die Gestaltung muten billig an. Die Hersteller mussten keine sonderliche Mühe auf die Jetons und ähnliche Gepräge verwenden, denn sie waren ja keine regelrechten Geldstücke, die Macht und Größe eines Staates repräsentieren, sondern „nur“ zum alsbaldigen Ge- und Verbrauch bestimmt. Mit der Herstellung von Marken und Zeichen waren in alten Zeiten so genannte Pfennigschläger beschäftigt. Hauptsächlich in Nürnberg ansässig, produzierten sie in großen Mengen groschengroße Gepräge mit interessanten Bildern und Inschriften. Auf manchen Stücken sind tatsächliche beziehungsweise Fantasiewappen sowie Porträts und Buchstaben zu erkennen. Es gibt aber auch Ausgaben, auf denen das vor langer Zeit populäre Rechnen auf Linien gezeigt wird.

links die Vs. eines Rechenpfennigs, auf dem ein Rechenmeister eine mathematische Operationen ausführt; rechts die Vs. einer Messingprägung mit dem Markuslöwen von Venedig. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Durch diese Rechenmethode war es möglich, Additionen, Subtraktionen, Multiplikationen und andere Operationen ausführen. Das Verfahren wurde von dem in der sächsischen Bergstadt Annaberg ansässigen Rechenmeister Adam Ries propagiert. Seine Lehrbücher wie „Rechenung auff der Linihen“ (1518) oder „Rechenung auff der Linihen und Federn“ (1522) erreichten beachtliche Auflagen und wurden lange nach seinem Tod immer wieder neu gedruckt.


Titelseite eines der Bücher von Adam Ries von 1550. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

In ihnen werden die Nutzung von Rechenbrettern und Rechenpfennigen sowie die Vorteile des schriftlichen Rechnens erläutert. Gleichzeitig wird gezeigt, wie man mathematische Operationen schnell und sicher bewerkstelligen kann. Diese Traktate waren auch deshalb so beliebt, weil Adam Ries sie in deutscher statt in lateinischer Sprache abfasste und daher von einem großen Teil der Bevölkerung verstanden wurden. Angesprochen waren Kaufleute, Wechsler, Steuereintreiber, Beamte, Gelehrte, Lehrer, Handwerker und andere Personen, die mit Zahlen zu tun hatten. Um die Richtigkeit einer Berechnung zu bekräftigen, sagte man schon damals „das macht nach Adam Ries …“. Das geflügelte Wort wird manchmal auch heute noch als Bestätigung einer korrekten Berechnung angewandt und hat zur Folge, dass der für den sächsischen Bergbau tätige Mathematiker unvergessen ist. Wie ein Blick in seine Rechenbücher zeigt, nannte er sich übrigens Adam Ries und nicht Riese, wie man manchmal liest. Vor über 200 Jahren taten sich englische Fabrikanten mit oft recht originell gestalteten Kupfer- und Messingmarken hervor, mit denen Reklame für eigene Erzeugnisse gemacht wurde. Da viele Briten mit kleiner Münze bezahlen wollten und mussten, sprangen Privatleute und Firmen angesichts des allgemeinen Kleingeldmangels ein und produzierten so genannte Token im Wert zwischen einem viertel und einem ganzen Penny. Diese Gepräge hatten den Vorteil, dass man mit ihnen bezahlen konnte und zugleich die Herausgeber ihre Erzeugnisse den Kunden anpreisen konnten. Die Stücke bilden sehr gut Kultur- und Wirtschaftsgeschichte zu Beginn des Industriezeitalters ab, als England die viel bewunderte „Werkstatt der Welt“ war.

Kupfertoken der Lutwyches Manufactory in Birmingham, ca. Ende 18. Jh. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

So gibt es Szenen aus dem Bergbau und der Metallverarbeitung, aber auch aus der Textilindustrie oder der Landwirtschaft. Dargestellt sind Schiffe mit geblähten Segeln sowie Kutschen und Waagen als Sinnbild des Handels. Auf den Kupfer- oder Messingstücken kommen Gebäude und Brücken vor, aber auch Porträts und Wappen. Nicht zu übersehen sind Fabriken mit rauchenden Schloten sowie Innenansichten von Gewerberäumen samt dort tätiger Arbeiter, ergänzt durch Errungenschaften der damaligen Technik wie Luftballons oder mechanische Webstühle.



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