• Helmut Caspar

Otto Merseburgers Sachsensammlung bis heute interessant

Eine der wohl bedeutendsten privaten Sachsen-Sammlungen wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem Leipziger Maler und Verleger Otto Merseburger (1822-1898)

angelegt. Seine phänomenale Kollektion mit großen Seltenheiten wurde 1894, also noch zu Lebzeiten ihres Besitzers, von der Leipziger Münzhandlung Zschiesche & Köder zu Festpreisen verkauft. Erhalten blieb ein leider nur mit zwei Bildtafeln ausgestatteter Katalog, der den großen Reichtum dieser Sammlung dokumentiert. Da das Original dieses Nachschlagewerks selten ist, wurde es 1983 vom damaligen VEB Verlag für Verkehrswesen Berlin als Reprint publiziert. Somit steht das knapp 200 Seiten starke Buch mit 4.689 Nummern und zahlreichen weiteren Einzelstücken vielen heutigen Sachsen-Sammlern zur Verfügung. Da sich die Forschung inzwischen weiterentwickelt hat, wird in der Regel nach neueren Sachsen-Katalogen zitiert. Aber auch „der Merseburger“ leistet mit seinen knappen Beschreibungen bis heute gute Dienste.

Im Unterschied zu heutigen Auktionskatalogen ist der Merseburger-Katalog von 1894 mit nur zwei Tafeln äußerst sparsam illustriert. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Wie das von Otto F. Müller, einem Freund von Otto Merseburger, verfasste Vorwort zum Katalog von 1894 und eine Einführung von Gert Oswald für den Nachdruck von 1983 betonen, hatte sich der als Porträtmaler bekannte und geschätzte Verleger vom Briefmarken- zum Münzen- sowie Medaillensammler gewandelt. Er suchte, einmal auf den Geschmack gekommen, mit großem Eifer alles, was die sächsischen Fürsten der ernestinischen sowie albertinischen Linie geprägt haben und was sich generell auf Sachsen, seine Geschichte und seine Persönlichkeiten bezieht. Er konnte dabei aus dem Vollen schöpfen, denn die Preise, selbst für große Raritäten, waren verglichen mit heutigen Verhältnissen moderat. Manche Stücke bekam er zum ungefähren Metallpreis, mitunter konnte er ganze Sammlungen und auch Münzfunde kaufen. Er hielt nach Dubletten Ausschau, die große Kabinette abstießen, um mit dem eingenommenen Geld Sammlungslücken zu schließen.

Ein Leipziger Goldgulden Herzog Albrecht des Beherzten aus dem späten 15. Jahrhundert wurde im Merseburger-Katalog für 15 Mark angeboten, das war weniger als ein goldenes Zwanzigmarkstück (Nr. 344). [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Als Verleger in Leipzig tätig, hatte Merseburger für sein Steckenpferd traumhafte Bedingungen. Nach der Reichseinigung von 1871 wanderten im Zusammenhang mit der neuen Reichsmark große Mengen alter Münzen in den Schmelztiegel. „Die damals noch so billigen Preise der Münzen und die mit der Einführung der neuen Reichswährung verbundene Einziehung des alten Geldes und vermeintlich überflüssigen Silbers unterstützten die Absicht Merseburgers außerordentlich, es gelang ihm, namentlich auch weil er mit den Mitteln nicht kargte, in kurzer Zeit einen tüchtigen Grund zu legen. Darauf baute er dann rüstig weiter, sein Name als fleißiger und findiger Sammler ging bald über die Mauern der münzfreundlichen Stadt Leipzig hinaus, und die Schubfächer seiner Schränke füllten sich mehr und mehr“, notierte der Bearbeiter Otto F. Müller im Vorwort des Katalogs von 1894.

Der erste, im Jahr 1500 geprägte und mit RRR gekennzeichnete Guldengroschen (Nr. 340) konnte für 300 Mark gekauft werden. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Wo sächsische Münzen verkauft wurden, habe der an Kunst interessierte und an den Malerakademien in Dresden sowie München ausgebildete Merseburger nicht gefehlt, heißt es in Müllers Vorwort weiter. Merseburger habe die Kunst auch in seinen Sammlungen weiter gepflegt, „und so zeichnen sich seine Münzen durch ihre gute Erhaltung und ihre Schönheit aus.“ Er habe ein scharfes und geübtes Auge gehabt, was die große Menge der vorhandenen vorzüglichen Denk- und Schaumünzen erklärt. „So ist seine Sammlung alten und neuen Geldes in allen Metallen, der Denk- und Schaumünzen, der Marken und Jettons, der Porträtmedaillen, der Münz- und Kammermeisterpfennige bis auf über 11 000 Nummern angewachsen. [...] Dass die sämmtlichen Prägungen eines Jahrganges, die Doppelthaler, Thaler, Halb- und Ortstaler, Achtelthaler, Groschen, Sechser, Dreier, Pfennige und Heller wenn irgend möglich beschafft wurden, war für Merseburger selbstverständlich, und wenn er Alles glücklich zusammen hatte, dann – griff er eben zu neuen Folgen“.

Wer die mit RR bezeichnete Medaille von 1693 auf die Verleihung des englischen Hosenbandordens an den sächsischen Kurfürsten Johann Georg IV. (Nr. 1310) kaufen wollte, musste 120 Mark bezahlen. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Der Sammler hatte den Ehrgeiz, nicht nur die numismatischen Hinterlassenschaften der sächsischen Land- und Markgrafen sowie der Kurfürsten und Könige in seinen Besitz zu bekommen. Er suchte auch Stücke der sächsischen Nebenlinien, die heute nur noch Spezialisten kennen, sowie solche der großen und kleinen Städte, die sich mit Münzen sowie Medaillen ein numismatisches Denkmal errichtet haben. Im Katalog finden sich neben den regulären Münzen und Medaillen auch Abschläge in abweichenden Metallen sowie Probemünzen und andere Sonderlinge.

Die Hoffnung im Vorwort, das vorliegende Verzeichnis möge sich sowohl hinsichtlich seiner qualitativen als auch quantitativen Reichhaltigkeit als ein sehr brauchbares Nachschlagebuch auch für spätere Zeiten erweisen und den Namen Merseburger in verdienten Ehren erhalten, gingen in Erfüllung. Kein Sachsen-Katalog, der nicht den Katalog Merseburger zitieren würde, der Goldmarkpreise zwischen wenigen Pfennigen, ein- bis zweistelligen Markbeträgen und in wenigen Fällen bei besonderen Raritäten wie Mehrfachdukaten oder „dicken“ Mehrfachtalern schon mal bis 300 Mark und mehr nennt. Während für Engelgroschen aus der Zeit Friedrichs des Weisen eine bis drei Mark verlangt werden, berechnet der Katalog für den allerersten Klappmützentaler aus dem Jahr 1500 mit 300 Mark und alle weiteren je nach Erhaltung 45 Mark und weniger und für einen Leipziger Goldgulden 50 Mark. Für einen doppelten „nicht beschriebenen“ und mit RRRR klassifizierten Klappmützentaler musste man 600 Mark hinblättern, und das konnten nur ganz wenige Enthusiasten.

Ein undatierter Schmetterlingstaler aus der Zeit Augusts des Starken aus der Sammlung Merseburger wurde für 90 Mark (Nr. 1574) angeboten. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Bei den uns heute lachhaft anmutenden Preisen ist zu beachten, dass in der Kaiserzeit ein ungelernter Eisenbahnarbeiter in der Woche 23,70 Mark und gelernter 34,56 Mark bekam. Ein Buchdrucker erhielt einen Wochenlohn von 31,65 Mark. Ein gelernter Maurer verdiente 40 Mark, ein ungelernter 24,35 Mark. Hilfsarbeiter erhielten 27 Mark, ungelernte Schlosser 21,40 Mark und ungelernte Tischler 22,25 Mark. Höhere Staatsbeamte, die ein Jahresgehalt von 6.000 Mark bekamen, und ähnliche Großverdiener sowie Millionäre konnten sich, wenn sie denn Münzsammler waren, die teuren, von Merseburger bisweilen mit R, RR, RR und sogar RRRR gekennzeichneten Raritäten leisten. Sogenannte „kleine Leute“ waren froh, wenn sie von ihrem geringen Einkommen ein paar Mark erübrigen konnten, um Groschen oder häufige Taler zu kaufen, für die Pfennige oder auch mehrere Mark verlangt wurden.

Mit je vier Mark waren die Medaillen von 1719 zu haben, die mit Engeln an der Spindelpresse und am Amboss anlässlich der Hochzeit des Kurprinzen Friedrich August (II.) die Münzprägung in Sachsen feiern und in Form von Allegorien zeigen, wie die auch in der Sammlung Merseburger befindlichen Münzen und Medaillen hergestellt wurden. [Bildquelle: Fotoarchiv von Helmut Caspar].

Dass sich der 72jährige Otto Merseburger angesichts der „Gebresten des Alters“, wie Otto F. Müller schreibt, schon zu Lebzeiten von seinen Schätzen trennte, muss für ihn eine schwere Entscheidung gewesen sein. Nur wenige Jahre hatte der Maler, Verleger und Sachsensammler noch zu leben. Er starb am 14. November 1898 in seiner Heimatstadt Leipzig und ist den Münzfreunden dort und darüber hinaus bis heute ein Begriff. Der mit dem Sammler befreundete Bearbeiter des Katalogs sagt „uns Jüngern des Heiligen Eligius“ mit den Worten des Evangelisten Lucas: „Kommt, denn ist alles bereit“. Wie erfolgreich der Verkauf der Sammlung Merseburger war, wissen wir nicht, er dürfte sich über längere Zeit erstreckt haben. Gelegentlich wird in heutigen Auktionen das eine oder andere Stück als aus dieser ungewöhnlich reichhaltigen Kollektion stammend bezeichnet.



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