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Mohur, Rupien und Kupfergeld: Mit Mark Twain in Indien

Seine Vortragsreisen führten den amerikanischen Schriftsteller Mark Twain um die ganze Welt. Zum Höhepunkt seiner Reise durch das britische Empire sollte ein Aufenthalt in Indien werden. Nach der Ankunft in Bombay am 20. Januar 1895 schwärmte er: „Das ist wirklich Indien; das Land der Träume und Sagen, des märchenhaften Reichtums und der märchenhaften Armut, der Pracht und der Lumpen, der Paläste und der Elendsquartiere, der Hungersnöte und Seuchen, der Geister und Riesen und Aladinslampen, der Tiger und Elefanten, der Kobra und des Dschungels, das Land der hundert Völker und hundert Sprachen, der tausend Religionen und der zwei Millionen Götter.“[1] Das Gedränge und Geschiebe der Einheimischen faszinierte den weltberühmten Autor. Das bunte Treiben setzte sich nach der Ankunft im Hotel fort: „Die Hallen und Gänge wimmelten von dunklen Landeskindern, mit Turbanen oder Fezen oder bestickten Mützen bedeckt, barfuß und in Baumwolle gehüllt, einige flitzten umher, einige rasteten, indem sie auf dem Boden hockten oder saßen, einige schwatzten eifrig, andere träumten still vor sich hin; im Speisesaal stand hinter dem Stuhl jedes Gastes dessen persönlicher einheimischer Diener, gekleidet wie für eine Rolle in Tausendundeiner Nacht.“[2]


Straßenszene in Bombay, 1897 [Wikimedia, Fratelli Treves Editori]


Damals war es üblich, dass man sich als Reisender für die Zeit des Aufenthaltes einen Diener nahm. Diese „Träger“ fungierten zugleich als Boten, Kammerdiener, Kellner und Reiseführer: „Wir hatten in zweieinhalb Monaten drei Träger. Der Satz des ersten war 30 Rupien im Monat – das heißt 27 Cent pro Tag; der Satz der anderen war 40 Rupien im Monat. Eine fürstliche Summe; denn der einheimische Weichensteller bei der Eisenbahn und der einheimische Dienstbote in einer Privatfamilie bekommen nur sieben Rupien im Monat und der Landarbeiter nur vier. Erstere ernähren und kleiden sich und ihre Familien von ihren 1,90 Dollar im Monat; aber ich kann nicht glauben, dass der Landarbeiter sich von seinen 1,08 Dollar selbst verpflegen muss.“[3]

Die Hohe Kommission für die Zentralprovinzen hatte während der Anwesenheit von Twain gerade bekanntgegeben, wie gut es den Landarbeitern ginge. Sie wies auf eine Zeit hin, in der „der Lohn eines Landarbeiters nur eine halbe Rupie (alter Wert) im Monat betragen hatte – das heißt weniger als ein Cent am Tage; knapp 2,90 Dollar im Jahr.“[4] Mark Twain errechnete, dass ein solcher Arbeiter mit einem jährlichen Nettogewinn von etwa 15 Cent bestenfalls 90 Jahre brauchen würde, um einen Kredit über ganze 13,50 Dollar zurückzuzahlen!


Indien, Mohur von 1862. 917er Gold, 11,7 g, 25 mm [Numista, Heritage Auctions]


Um das indische Währungssystem zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte nötig. Die silberne Rupie ist von alters her in 16 Anna zu jeweils 12 Pices oder Paise aufgeteilt worden. Unter der Vorherrschaft der Britischen Ostindien-Kompanie wurde im Jahr 1835 die Rupie im Gewicht einer Tola von 11,664 g aus 917er Silber zur Standardmünze. Auch vollwertige Halbstücke sowie Viertel und Achtel gab es. Als Handelsmünze diente der goldene Mohur mit einem Nennwert von 15 Rupien. Der Umtausch der über 300 verschiedenen „alten“ Rupien zog sich bis 1878 hin.

Schon 1857 wurde Indien unter die Verwaltung der Krone gestellt. Im Jahre 1877 nahm Königin Victoria den Titel der Kaiserin von Indien an. All diese Änderungen schlugen sich auch im Münzbild nieder. Die Bevölkerung sah aber nur selten eine dieser wertvollen Münzen: „Für das ganze 19. Jahrhundert wird berichtet, dass für die täglichen Bedürfnisse des Inders die Silbermünzen viel zu wertvoll waren; hier dominierte das Kupferkleingeld. Noch 1897 sollen staatliche Unterstützungen bei Hungersnöten ausschließlich in Kupfer gezahlt worden sein. Für den armen Inder wurde Silber erst bedeutsam, wenn er anfing, Ersparnisse zu machen. Die Kleinhandelspreise waren stets in Paisa ausgedrückt.“[5]


Indien, Rupie von 1877. 917er Silber, 11,7 g, 31 mm [H. D. Rauch, Auction E-Live 34/924]


Mit der Abwertung des Silbers nach 1871 sank auch der Wert der silbernen Rupie. Die Realeinkommen der Inder gingen in gleicher Weise zurück. Um den Verfall der Währung mit ihren sozialen Folgen zu beenden, kam es zu einer erneuten Reform. Eine freie Ausprägung von Silbermünzen war von 1893 an nicht mehr möglich. Eine Art von Doppelwährung auf der Basis von Gold und Silber ersetzte die vorherige: „Der Sovereign wurde für 15 Rupien allgemeines gesetzliches Zahlungsmittel und fortan auch in den indischen Münzstätten geprägt. Silberrupien, auf die man wegen der Gewohnheiten der Bevölkerung nicht verzichten konnte, wurden noch nach Maßgabe des Bedarfs weiter hergestellt. Sie blieben gesetzliches Zahlungsmittel, so dass hinkende Goldwährung bestand. Das staatliche Papiergeld, die Currency Notes […], wurde faktisch in Sovereigns einlöslich.“ Mithilfe dieser Reform konnte der Wert der Rupie bis zum Ersten Weltkrieg einigermaßen stabilisiert werden. Der bettelarmen Bevölkerung brachte dies allerdings wenig. Mark Twain berichtete davon, dass Familienväter für ein paar Gramm Gold oder Silber selbst vor einem Mordanschlag nicht zurückschreckten: „Es war im Fall, wo ein junges Mädchen um wertloser Schmucksachen willen ermordet worden war, Sachen, die in Amerika nicht einmal den Tageslohn eines Arbeiters wert wären.“[6]


Indien, ½ Pice von 1862. Kupfer, 3 g, 21 mm [Numista, Kunnappally]


Anmerkungen

  1. Mark Twain: Reise um die Welt. Berlin 1984, S. 187.

  2. Ebd., S. 188.

  3. Ebd., S. 193.

  4. Ebd., S. 193.

  5. Herbert Rittmann: Moderne Münzen. München 1974, S. 125.

  6. Mark Twain: Reise um die Welt, S. 212

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