• Michael Kurt Sonntag

Kyzikenische Elektronmünzen auf die Freiheit

Aus der mysischen Stadt Kyzikos, die für ihre zahlreich produzierten Elektronstatere und Elektronhekten bekannt und berühmt war, stammt ein äußerst seltener Elektronstater, der auf seiner Vorderseite eine auf einer Steinbasis sitzende Frau im langen Gewand zeigt, die in ihrer Rechten einen Kranz hält. Unter der Frau findet sich ein nach links schwimmender Thunfisch als Wappen von Kyzikos. Die Rückseite trägt ein Quadratum incusum.


Kyzikos, Stater (um 334 v. Chr.), Elektron, 15,92 g, Münzstätte Kyzikos. Bildquelle: Gorny & Mosch, Auktion 211 (4. März 2013), Los 274.

Um wen es sich bei der Dargestellten handelt, erschließt sich einem erst, bei eingehender Betrachtung. Schaut man sich die Vorderseite genau an, so stellt man fest, dass sie im Gegensatz zu den unzähligen übrigen Elektronstateren von Kyzikos epigrafisch ist, d. h. eine Beschriftung trägt. Auf der steinernen Basis, auf der die Frau mit dem Kranz sitzt, findet sich nämlich die Aufschrift ELEU/THERI. Da das griechische Wort ELEUTHERIA „Freiheit“ bedeutet, interpretieren Numismatiker die Dargestellte als weibliche Allegorie der Freiheit und sehen in der Münze eine Emission, mit der man einer Befreiung bzw. der Freiheit gedachte.


Kyzikos in Mysien an der Südküste der Propontis gelegen. Bildquelle: Ewa und Wolfgang Szaivert, David R. Sear, Griechischer Münzkatalog, Bd. 2: Asien und Afrika, S. 82, Battenberg Verlag, München 1983.

Welcher Sieg und welche anschließende Befreiung/Freiheit konnten aber gemeint sein? Nun, da eine Münze dieses Typs, im Münzschatz von Prinkipo zusammen mit Goldstateren Philipps II. von Makedonien gefunden wurde, und dieser Schatz nach Ansicht der Fachwelt um 334 v. Chr. vergraben wurde, müssen diese Münzen mit dem 1. Sieg Alexanders des Großen über die Perser am Granikos (334 v. Chr.) und der daraus folgenden Befreiung Westkleinasiens im Zusammenhang gestanden haben. Weil die Perser nach dieser Schlacht aber auch Kyzikos räumten, das sich nordöstlich des Granikos befand und bis dahin unter persischer Oberhoheit gestanden hatte, sehen Numismatiker in diesen Stateren Münzen, mit denen Kyzikos sowohl den Sieg Alexanders über die Perser, als auch die eigene neu errungene Freiheit feierte.


„The arrival of Alexander´s army dramatically changed the situation in Mysia. The battlefield of the Granicus River, … put an end to Persian sovereignty and threat in this area. It is to this freedom that the legend (ELEUTHERIA) on staters and hemiekta of the city might refer.“ (Die Ankunft von Alexanders Armee veränderte die Lage in Mysien dramatisch. Das Schlachtfeld am Granikos-Fluss, …, beendete die persische Souveränität und Bedrohung in diesem Gebiet. Es ist dieser Friede, auf den sich die Legende ELEUTHERIA auf Stateren und Hemihekten der Stadt [Kyzikos] beziehen dürfte.) [Selene E. Psoma, How to Explain the Electrum Coinage of Cyzicus, in: Peter van Alfen and Ute Wartenberg (Hrsg.), White Gold, Studies in Early Electrum Coinage, New York/Jerusalem 2020, S. 696].


Übrigens, motivgleiche Elektronmünzen dieses Typs gibt es zwar auch als Zwölftel-Statere (Hemihekten), allerdings tragen sie aufgrund ihrer sehr viel kleineren Durchmesser auf der Steinbasis nur das Kürzel EL/EU.