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Krimisos, Aigeste und Aigestes auf Münzen von Segesta

Segesta, im Nordwesten Siziliens gelegen, war keine griechische Stadt, sondern ebenso wie Eryx und Entella eine Gründung der Elymer. Die Griechen nannten die Stadt Egesta. Das Stadtgebiet Segestas wurde von runden Mauern geschützt und beheimatete u. a. eine Agora und ein Theater. Zum Wohlstand der Polis trug ein getreidereiches Hinterland ebenso bei wie eine Hafensiedlung (emporion), über die Segesta, das im Landesinneren lag, einen Zugang zum Meer hatte. Welchen Göttern die Segestaier ihre prächtigen dorischen Tempel errichteten, von denen sich ein unvollendeter bis heute erhalten hat, wissen wir nicht. Alles was wir wissen, ist, dass Segesta darüber hinaus ein bedeutendes elymisches Aphrodite-Heiligtum auf dem Berge Eryx kontrollierte. Die Geschichte Segestas ist geprägt von einem ständigen Konflikt mit der an der Südwestküste gelegenen dorischen Griechenstadt Selinous (Selinus/Selinunt). Bereits um 580 v. Chr. gab es kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den beiden Poleis aufgrund von Grenzstreitigkeiten. Sieger wurde Segesta. Doch der anschließende Friede hielt nicht lange, denn um 454 v. Chr. kämpften die beiden Städte erneut um ein Territorium am Mazaras-Fluss. Athens militärische Intervention in Sizilien im Jahre 426 v. Chr. führte dann dazu, dass sich Segesta zu einem Bündnis mit Athen gegen Selinous entschloss. Da Selinous seinerseits aber Unterstützung von Syrakus erhalten hatte, erhöhte es den militärischen Druck auf Segesta, woraufhin dieses Akragas und die Karthager um Hilfe ersuchte. Weil die Hilfe der beiden aber nicht kam, wandte es sich an Athen, dass 415 v. Chr. eine erneute sizilische Expedition startete. Doch anstatt sein Hauptaugenmerk auf den Feind Selinous zu richten, kehrte sich Athen schon bald gegen das mächtige Syrakus und belagerte dieses. Die Syrakusaner aber hielten der Belagerung nicht nur stand, sondern besiegten die Athener 413 v. Chr. auch vernichtend, so dass diese danach aus Sizilien wieder abziehen mussten. Die anschließenden Rachegelüste der Selinoer und der Syrakusaner brachten Segesta, das beiden Gegnern nicht gewachsen war, dazu, die Karthager erneut um Hilfe zu bitten. Diesmal, d. h. 410 v. Chr., sandten die Karthager 5.000 Libyer und 800 karthagische Söldner zur Unterstützung. Mit diesen gewannen die Segestaier eine offene Feldschlacht gegen die Selinoer, doch war Selinous damit noch nicht geschlagen. Im folgenden Jahr erschien allerdings der karthagische General Hannibal mit schätzungsweise 100.000 Mann vor den Toren von Selinous, bereit die Stadt zu erobern. Da die versprochene Unterstützung von Syrakus, Akragas und Gela in Selinous nie ankam, hatte Hannibals große Armee leichtes Spiel und Selinous fiel nach nur 10 Tagen Belagerung. Die Folgen waren: 16.000 Tote, 5.000 Gefangene sowie eine ausgeplünderte und niedergebrannte Stadt. Durch diesen Sieg, so Oliver Hoover, war die Bedrohung von Segesta durch die Selinoer für immer beendet, doch war damit auch sichergestellt, dass die Segestaier fast das gesamte 4. Jahrhundert v. Chr. hindurch abhängige Alliierte der Karthager werden würden. „This event permanently ended the Selonontian threat to Segesta, but also ensured that the Segestaians would become dependent allies of the Carthaginians through most of the fourth century BC.“ (Oliver Hoover: Handbook of Coins of Sicily (Including Lipara), Lancaster/London 2012, S. 294).

Dem Gründungsmythos von Segesta zufolge, floh die trojanische Prinzessin Aigeste nach Sizilien. Dort wurde sie vom Flussgott Krimisos in Gestalt eines Hundes verführt. Dieser Verbindung entstammte ein Sohn namens Aigestes, der dann sowohl Segesta als auch Eryx und Entella gründete. „In dieser Sage steckt vielleicht ein historischer Kern: die Herkunft der Elymer aus Kleinasien.“ (Herbert A. Cahn / Leo Mildenberg / Roberto Russo / Hans Voegtli: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig. Griechische Münzen aus Grossgriechenland und Sizilien, Basel 1988, S. 116). Bemerkenswert ist der Gründungsmythos aber auch noch aus einem anderen Grund. Und zwar spiegelt sich dieser in der Münzprägung von Segesta wieder. So sehen wir beispielsweise auf den silbernen Didrachmen, die zwischen 475/470 und 400 v. Chr. emittiert wurden, vorderseitig den Flussgott Krimisos in Gestalt eines Jagdhundes und rückseitig den nach rechts oder links gewandten Kopf der Aigiste.


Segesta (Sizilien). Didrachmon (um 475/470-455/450 v. Chr.), Silber, 8,79 g, Ø 21 mm, Münzstätte Segesta. [Bildquelle: Leu Numismatik AG, Auktion 6 (23. Oktober 2020), Los 71].

Segesta (Sizilien). Didrachmon (um 440/435-420/416 v. Chr.), Silber, 8,40 g, Ø 21 mm, Münzstätte Segesta. [Bildquelle: Gorny & Mosch, Auktion 200 (10. Oktober 2011), Los 1241].
Segesta (Sizilien). Didrachmon (um 412/410-400 v. Chr.), Silber, 8,30 g, Ø 21 mm, Münzstätte Segesta. [Bildquelle: F. R. Künker, Auktion 226 (11. März 2013), Los 223].

Die Münzlegenden, die bisweilen auch retrograd, d. h. rückläufig geschrieben sein können, lauten auf SEGESTAZIB. „Ein fremdes Element ist die unerklärte Silbe ZIB, die dem Stadtnamen angehängt ist; sie ist vielleicht stammverwandt mit dem <ṣyṣ> der Münzen von Panormos.“ (Herbert A. Cahn et al., ebenda).


Die silbernen Tetradrachmen, die ab 415/412 v. Chr. verausgabt wurden nehmen zunächst nur rückseitig Bezug auf den Mythos, indem sie dort den jungen Gründerhelden und Jäger Aigestes zeigen, der nackt nach rechts mit einem oder zwei Hunden bei Fuß steht, die Chlamys um seinen Arm gewickelt und einen Pilos (konische Mütze) im Nacken hängen hat. Vorderseitig tragen sie allerdings noch eine von syrakusaner Münzen inspirierte Quadriga. Von 410-400 v. Chr. wandert der Jäger Aigestes allerdings auf die Vorderseite und die Rückseite ist seiner Mutter Aigeste vorbehalten. Auf einem äußerst seltenen Tetradrachmon von 410 v. Chr. sehen wir vorderseitig aber nicht Aigestes als Jäger, sondern den gehörnten Flussgott Krimisos in der gleichen Manier. Flussgötter konnten nämlich auch in menschlicher Gestalt daherkommen, trugen dann aber meistens kleine Hörnchen über der Stirn. Auf der Rückseite erscheint die über einem Altar opfernde Aigeste mit Phiale (Opferschale) in ihrer Rechten und Lorbeerkranz in ihrer Linken. Sie wird zusätzlich von der fliegenden Nike bekränzt. Die Vorderseitenlegende lautet auf EGESTAION ([Münze] der Segestaier).

Segesta (Sizilien). Tetradrachmon (um 410 v. Chr.), Silber, um 17 g, Ø 30 mm, Münzstätte Segesta. [Bildquelle: Peter Robert Franke / Max Hirmer: Die griechische Münze, Hirmer Verlag, München 1964, Tafel 71]

Auf den zwischen 405 und 400 v. Chr. geprägten Tetradrachmen erscheint auf der Vorderseite erneut der nackte Jäger Aigestes mit zwei Jagdhunden. Er hat die Chlamys um seinen linken Arm gewickelt und einen Pilos (konische Mütze) im Nacken hängen. Vor ihm erkennt man eine Herme (Grenzstein). Die Münzumschrift lautet EGESTAION. Die Rückseite zeigt den Kopf der Aigeste mit sternengeschmückter Sphendone (schlingenförmigem Haarband) und Ampyx (Stirnbinde) sowie dreifachem Ohrgehänge und Perlenhalskette. Im Abschnitt findet sich zudem eine Gerstenähre. Vor ihrem Gesicht verläuft die Legende SEGESTAZIB oder SEGESTAZIA.

Segesta (Sizilien). Tetradrachmon (um 405-400 v. Chr.), Silber, 16,85 g, Ø 29 mm, Münzstätte Segesta. [Bildquelle: Peter Robert Franke / Max Hirmer: Die griechische Münze, Hirmer Verlag, München 1964, Tafel 71].

Dass der Charakter der segestaischen Münzen griechisch ist, ist ebenso unverkennbar, wie die Tatsache, dass ihre Inspiration und ihre Stempelschneider zumindest zum Teil aus Syrakus stammen.


Raritätsangaben nach Oliver D. Hoover:

Abb. 1 = R1 (25-60 Ex.)

Abb. 2 = R2 (2-25 Ex.)

Abb. 3 = R1 (25-60 Ex.)

Abb. 4 = R3 (1-2 Ex.)

Abb. 5 = R1 (25-60 Ex.)

Unvollendeter dorischer Tempel in Segesta (um 420 v. Chr.). [Bildquelle: Guido Radig, Wikimedia Commons].
Karte Siziliens. [Quelle: Eva u. Wolfgang Szaivert nach David R. Sear: Griechischer Münzkatalog, Band 1: Europa, München 1980, S. 142].

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