Italienisches Sammlerforum: "Wenn sich die Community nicht erneuert, sehen wir bald Münzen, die niemand mehr haben will!"
- Dietmar Kreutzer

- 1. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Im italienischen Sammlerforum Lamoneta hat ein User am 8. Juni eine Grundsatzdiskussion zur Zukunft der Numismatik in Italien angestoßen: "Seien wir ehrlich - Das Ökosystem der zeitgenössischen Numismatik in Italien ruht auf mittlerweile überholten logischen Grundlagen, und wenn wir den Kurs nicht ändern, werden wir den gleichzeitigen Zusammenbruch seiner drei Säulen erleben: der Numismatik als Kunst, der staatlichen Münzprägestätte (IPZS) als Hersteller und der Foren als Dreh- und Angelpunkt der Community." Es gebe das Paradoxon der Münzanstalt: Die Lager der staatlichen Münzprägestätte in der Via Gino Capponi seien vollgestopft mit extrem teuren Silberausgaben, die niemand wolle, während die wenigen gelungenen Serien eine unkontrollierte Spekulationen auslösten. Dann das Paradoxon der Foren: An seltenen „Click-Days“ liefen die Server auf Hochtouren und die Diskussionen brodelten kurzzeitig, um dann monatelang in klinische Stille zu verfallen. Ohne einen Generationswechsel würden sich die Foren in verstaubte Archive für Nostalgiker verwandeln. Dazu kommt das Paradoxon des Sammlers: Von einem Kunden neuer Münzausgaben werde erwartet, dass er ein passiver Abnehmer bürokratischer Entscheidungen ist, die vom Staat verordnet würden.
Hauptgebäude der staatlichen Münzprägestätte in Rom
Bildquelle: Il Sole 24 ORE
Was steckt hinter diesen Thesen, die außerhalb Italiens nicht ohne weiteres nachvollziehbar sind? Zunächst geht es um die wenigen Ausgabetage, an denen Sammlermünzen in Italien digital bestellt werden können, die "Click Days". Darüber hinaus stellt der User Da Gapox aber eine Reihe von Grundsatzfragen. Die Numismatik sei keineswegs eine Kultur, die ewig bestehe: "Während wir über die Auflage einer Münze diskutieren, die niemand will, bewegt die neuen Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, die diese Leidenschaft eigentlich erben sollte, Milliarden von Euro auf Parallelmärkten. Sie geben ein Vermögen für Sammelkarten wie Pokémon oder Magic und Sneaker in limitierter Auflage aus, außerdem für digitale Vermögenswerte." Warum tun sie das? Sind sie etwa verrückt geworden? Auf den neuen Märkten funktioniere der Dopamin-Rausch der Schatzsuche, genannt Pack Opening, die Exklusivität eines Drops, der nur wenige Minuten dauert. Hinzu kommt der Stolz, etwas zu besitzen, das weltweit nur 3.000 andere Menschen haben, verbunden mit der Gewissheit, dass das Produkt im Laufe der Zeit an Wert gewinnen wird. Die italienische Numismatik verliere dabei in diesem Wettstreit. Sie biete veraltete Produkte für ein Publikum, das mit ihr gemeinsam alt wird.

Verkaufsschlager Motive
4 €, Silber 925/1000, teilweise farbig, 18 g, 32 mm, Auflage: 5.000 in PP,
Künstler: Emanuele Ferretti; Münzstätte: IPZS, Rom.
Da Gaporox beschwört die Gemeinde: "Wir halten 3.000 Jahre numismatische Geschichte in den Händen. Wir haben Münzen, die von der Entstehung der Zivilisationen, der Entwicklung der Kunst, den Genies unserer Renaissance, der Architektur, der Wissenschaft, der Wein- und Esskultur sowie den realen Ereignissen erzählen, die die Welt geprägt haben. Wir haben die Garantie und das Ansehen der italienischen Republik in Metall geprägt." Dennoch erlebe man einen Markt, auf dem einfache bedruckte Pokémon-Kärtchen junge Menschen in eine rasende Jagd nach limitierten Auflagen treiben, nach seltenen Fehlerstücken oder holografischen Varianten. Eine Atempause gab es nur während des Runs auf Gold und Silber. Im traditionellen Markt lauere dagegen eine demografische Falle: "Die Münzen behalten ihren Wert nur, wenn es jemanden gibt, der bereit ist, dafür zu zahlen. Wenn sich die Community nicht durch die nachwachsende Generation erneuert, werden wir in dreißig Jahren extrem seltene historische Münzen haben, die niemand mehr kaufen will, weil der Sammlermarkt demografisch zusammengebrochen ist." Und weiter: "Die Hinwendung zur historischen Numismatik ist für den einzelnen Sammler eine schöne individuelle Lösung, für die gesamte Bewegung jedoch ein strategischer Rückzug. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, eine Elite von Nostalgikern zu sein, die seltene Stücke innerhalb eines Kreises weitergibt, der aber von Jahr zu Jahr kleiner wird."

Verkaufsschlager Silberanlage
25 €, Silber 999/1000, 1000 g (1 kg), 80 mm, Auflage: 400 in Stgl.,
Künstler: Antonio Vechio; Münzstätte: IPZS, Rom.
Der User Da Gapox schlägt vor, auf die Nachfrage zu reagieren, der die Münzen der staatlichen Münzprägestätte unterliegen. Es gebe nämlich einige Münzen, die aktuelle Trends aufnehmen: "Nicht alle Münzen haben denselben Markt. Eine starre Obergrenze von 3.000 Stück für eine Ausgabe zum Thema Ferrari oder Vespa festzulegen, wäre kommerzieller Selbstmord, da die tatsächliche Nachfrage bei 6.000 oder 10.000 Stück liegt. Umgekehrt führt die Ausgabe von 5.000 Stück zu einem lokalen oder Nischenthema zu unverkauften Beständen." Er schlägt vor, dass die Münzprägestätte einmal im Jahr die Sammler anspricht: „Welche Ikone der italienischen Popkultur, Wissenschaft oder des Designs möchtest du auf der 5-Euro-Münze des nächsten Jahres sehen?“ Die Prägestätte soll drei Vorschläge mit den meisten Stimmen auswählen, die den institutionellen Kriterien entsprechen, zum Beispiel eine Filmikone wie Bud Spencer, die Autostrada del Sole, kultische Produkte von Olivetti oder italienische Videospiele. Wenn das Motiv feststeht, solle die Münzprägestätte durch ihre Graveure an der Scuola dell’Arte della Medaglia drei Entwürfe anfertigen lassen. Die Sammler könnten dann dann digital über den Sieger abstimmen. Dieser Entwurf mündet in die Produktion. Gibt es eine große Nachfrage wie bei Rennwagen oder Pop-Ikonen, wird die Auflage erhöht. Die Auflage von Münzen mit traditionellen Themen, zu denen keine große Nachfrage mehr besteht, wird auf 3.000 Stück begrenzt.

Verkaufsschlager Motive
3 x 6 €, Silber 999/1000, je 31,104 g, 37,2 mm, Randschrift: FERRARI, Auflage: je 5.000 in PP/Rev.-PP
Künstler: Valerio De Seta; Münzstätte: IPZS, Rom.
In Reaktion auf das Statement schreibt Fantantony, ein erfahrener User des Forums, dass das Sammeln als Wissenschaft keine Zukunft habe: "Man muss sich nur die Philatelie ansehen, die unter der Last starrer Kataloge und Sachverständiger zusammengebrochen ist, ohne junge Menschen anziehen zu können. Das gleiche Schicksal ereilte die in Banken verkauften Anlage-Diamanten: Ihre Preise brachen ein, sobald sich herausstellte, dass sie ohne einen Sekundärmarkt nichts wert waren." Dieser Wandel ziehe sich durch alle Branchen. Die Reisebüros sind durch die Plattformen wie Booking und Expedia vom Markt gefegt worden. Das traditionelle Lexikon ist von Wikipedia abgelöst worden. Anstelle der Finanzmakler gibt es jetzt Online-Handelsplattformen. Der traditionellen Numismatik gehe es ähnlich. Sie sterbe aus. Ein junger User ergänzt, dass sich die alte Numismatik nur demjenigen erschließe, den Geschichte interessiere. Die sei aber out: "Ich glaube, wir sind eine Nische. Aber warum ist gleichzeitig die Welt der Sammelkarten währenddessen geradezu explodiert, hat eine nie dagewesene Popularität erlangt? Es gibt einen Faktor, der in diesem Kontest nicht erwähnt wurde, den ich aber für wichtig halte: den Einfluss der sozialen Medien und der Influencer. Es gibt unzählige junge Leute, die an den Lippen dieser Influencer hängen, denen es gelungen ist, die Massen an die Welt des neuen Sammelns heranzuführen – mit allen Konsequenzen, seien sie nun positiv oder negativ."
Dietmar Kreutzer
Weiterlesen auf: lamoneta.it - numismatica e storia





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