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Interview mit Dr. Sebastian Hanstein von der Forschungsstelle für Islamische Numismatik an der Universität Tübingen

Im Jahr 2017 ging Dr. Lutz Ilisch, der langjährige Leiter der Forschungsstelle für Islamische Numismatik an der Universität Tübingen (FINT), in den Ruhestand. Seither leitet Dr. Sebastian Hanstein die Forschungsstelle. Am Rande des ONS Meetings 2026 fragte Münzen-Online, wie Dr. Hanstein den Weg nach Tübingen fand und was heute die Schwerpunkte seiner Arbeit mit islamischen Münzen in Lehre und Forschung sind.


Die der islamischen Numismatik gewidmete Münzsammlung der Universität Tübingen

ist heute eine der drei größten und besten ihrer Art weltweit.

Bildquelle: FINT, Universität Tübingen


Münzen Online: Wie kamen Sie zur Numismatik?


Sebastian Hanstein: Die meisten Numismatiker-Kollegen aus der arabischen Welt sind Archäologen, was gewisse Nachteile hat. Ich komme dagegen wie Lutz Ilisch oder Stefan Heidemann aus der Islamwissenschaft. Ich habe das Fach in Leipzig studiert, wo es Arabistik heißt. Im Masterstudium hatten wir mal einen Kurs zur islamischen Handschriftenkunde, für den ich in die Sondersammlungen der Universitätsbibliothek musste. Dabei stellte ich fest, dass es dort sogar islamische Münzen gibt. Der Bestand stammt aus dem 19. Jahrhundert, wie so häufig. Ich war damals schon stark historisch orientiert und wusste, dass Münzen hervorragende Quellen sind. Mich interessierte, ob diese islamischen Münzen der Leipziger Universitätsbibliothek erschlossen waren und inwieweit schon mit ihnen gearbeitet wurde. Stefan Heidemann von der Uni Hamburg, der zuvor eine Vertretungsprofessur in Leipzig hatte, kannte die Sammlung. Ich kontaktierte ihn und habe dann eine Reihe von Webinaren zur islamischen Numismatik bei ihm belegt. So lernte ich quasi das Handwerkszeug und habe auch gleich mit dem Leipziger Bestand arbeiten können. Es ist eine kleine, aber feine Sammlung von etwa 1.300 Münzen. Ich schrieb dazu zwei Hausarbeiten, wobei mein Interesse wuchs und auch bald der Punkt erreicht war, dass ich zum ersten Mal Kontakt zu Lutz Ilisch aufnahm.


Münzen Online: Welches Thema hatte Ihre Abschlussarbeit und wie kamen Sie nach Tübingen?


Sebastian Hanstein: Bei der Masterarbeit spielte die Numismatik noch keine Rolle, für meine Dissertation hingegen waren Münzen eine sehr wichtige Quellengruppe. Es ist zwar keine rein numismatische Arbeit, aber gerade die Verbindung von Informationen aus Chroniken, anderen literarischen Texten, Gedichten, Bauinschriften und eben Münzen war sehr ergiebig. Untersucht habe ich die die komplexe imperiale Ordnung des letzten Großseldschuken, Sultan Sandschar, welcher im 12. Jahrhundert herrschte und von Syrien bis nach Zentralasien als Oberherr Anerkennung fand. Als Doktorand in Leipzig stand ich, wie gesagt, bereits im Austausch mit Lutz Ilisch und besuchte die Tübinger ONS-Tagungen. Als die Leitung der Forschungsstelle dann neu besetzt werden sollte und ich dafür infrage kam, war klar, dass ich mich sputen musste, die Promotion abzuschließen. Als Perfektionist hätte ich sonst bestimmt noch eine ganze Weile daran arbeiten können. Ich beeilte mich also, um für die Bewerbung pünktlich fertig zu werden. Das war Ende 2017. Im Frühjahr 2018 konnte ich dann frisch promoviert tatsächlich die Nachfolge von Lutz Ilisch als Kustos antreten und zog dafür von Leipzig nach Tübingen.


Münzen-Online: Wie muss ich mir Ihren Job und die Lehre in Tübingen vorstellen?


Sebastian Hanstein: Ich führe durchaus das Werk von Lutz Ilisch fort; die 1990 gegründete Forschungsstelle hat als Kompetenzzentrum ja international einen Ruf zu verteidigen. Täglich erreichen mich Anfragen. Die Sammlung wächst erfreulicherweise immer weiter, zieht Gäste an und es gibt eine Reihe von Forschungsprojekten, die ich angeschoben habe und in denen Mitarbeiter beschäftigt sind. Zu nennen ist hier insbesondere das Projekt sikka:būya zur Münzprägung der iranischen Buyiden-Dynastie im 10. und 11. Jahrhundert. Dieses Online-Themenportal ermöglicht über interaktive Kartenanwendungen eine Analyse und Visualisierung all der vielfältigen Informationen, die sich aus buyidischen Münzen gewinnen lassen, etwa zu komplizierten Herrschaftsverhältnissen. Darüber hinaus biete ich die islamische Numismatik in der Lehre an, was fast ein Alleinstellungsmerkmal ist. Aktuell habe ich ein Lehrdeputat von 6 Semesterwochenstunden, jedoch sind darunter auch nichtnumismatische Veranstaltungen. Es ist mir jedenfalls ein wichtiges Anliegen, dass auch unsere Studenten mit der Sammlung in Berührung kommen können. Wenn man schon so einen tollen Bestand vor Ort hat, liegt es nahe, ihn auch intensiv für die Lehre zu nutzen. Im Unterricht wird also regelmäßig mit den Originalen gearbeitet und als studentische Hilfskraft an der Forschungsstelle gewinnt man noch tiefere Einblicke. Grundsätzlich braucht es für eine Beschäftigung mit islamischen Münzen natürlich die nötigen Sprachkenntnisse, vor allem Arabisch. Diese Hürde muss man nehmen. Römische und griechische Münzen mit ihren bildlichen Darstellungen sind da wohl zugänglicher.


Münzen-Online: Gibt es auch Ausstellungen?


Sebastian Hanstein: In der Dauerausstellung auf Schloss Hohentübingen sind wir mit unseren Münzen nicht vertreten. Es werden dort also keine islamischen Stücke gezeigt. Die im Schloss ausgestellten Münzen stammen aus der Sammlung der antiken Numismatik, welche insgesamt etwa 20.000 Stücke umfasst. Mit 90.000 Münzen ist unser islamischer Bestand also deutlich größer und vor allem forschungsrelevanter. Die Forschungsstelle ist aber eben kein Museum. Die Sammlung in meiner Obhut wird vielmehr wie ein Archiv benutzt, und zwar von Wissenschaftlern aus aller Welt. Man kann die Sammlung anhand bestimmter Fragestellungen gezielt als Instrument benutzen. Für eine Ausstellung islamischer Münzen bin ich natürlich trotzdem offen. Es ist allerdings gar nicht so einfach, im Programm der zahlreichen Sonderausstellungen auf dem Schloss einen freien Platz zu bekommen. Viele Ausstellungen sind schon Jahre im Voraus geplant. Zu Lutz Ilischs Zeit hatten wir schon mal eine. Eine numismatische Ausstellung ist allerdings auch immer eine Herausforderung. Es ist nicht einfach, Münzen publikumswirksam zu präsentieren. Es sind ja viele kleine Objekte, manchmal eher mit dem Charme der Käfersammlung. Da muss man sich schon etwas einfallen lassen und neue Mittel nutzen, um so eine Ausstellung wirklich attraktiv zu machen, noch dazu wenn die Münzen fast nur arabische Schrift zeigen, deren Inhalt und Ästhetik nur wenigen zugänglich ist.


Münzen-Online: Stellen Sie die Sammlung ins Netz?


Sebastian Hanstein: Es gibt seit 2021 das digitale Münzkabinett unserer Forschungsstelle im Rahmen des Netzwerks universitärer Münzsammlungen in Deutschland (NUMiD). Darüber sind aktuell 444 Münzen online, aber nur einer Dynastie, nämlicher der der Buyiden. Das hat mit besagtem sikka:būya-Projekt zu tun, in dem wir die Münztypen auswerten und deren Informationen in Kartenbilder verwandeln. Unser digitales Münzkabinett dient bislang also lediglich dazu, dieses wichtigere Projekt zu unterstützen. Die Buyiden-Münzen sind darin genau erfasst und online zugänglich. Darüber hinaus erscheint es mir aktuell aber wenig sinnvoll, gar den Gesamtbestand von 90.000 Münzen online zu bringen, zumal er weiterhin zunimmt. Ich und meine Mitarbeiter müssten ja rund um die Uhr nur für dieses eine Ziel arbeiten, anstatt uns der eigentlichen Forschungsarbeit am Material zu widmen. Die Grundstrukturen digitaler Münzkabinette, die es gibt, sind zudem für antike Münzen entwickelt und entsprechen daher nicht ganz den Bedürfnissen, die wir in der islamischen Numismatik haben. Digitale Schaufenster ersetzt auch nicht die Arbeit mit und an der Sammlung, welche als Instrument immer wieder angepasst wird und durch ihre spezifische Ordnung erst Kontexte sichtbar macht. Die einzelne Münze ist zwar auch interessant, aber erst die Nachbarschaft zu anderen Münzen im Sammlungssystem liefert weitere Einsichten. Einfach so alles online zu stellen, wird also nicht angestrebt, zumal in der islamischen Numismatik noch so viel im Fluss ist, also noch gar nicht ausreichend erforscht. Um die Tübinger Sammlung fachgerecht als Quelle zu benutzen, empfiehlt es sich nach wie vor, sie zu besuchen.


Münzen-Online: Wissenschaftliche Publikationen gibt es aber?


Sebastian Hanstein: Natürlich. Wir haben insbesondere eine etablierte Printreihe zur Sammlungsveröffentlichung unter dem schönen Titel Sylloge Numorum Arabicorum Tübingen (SNAT). Das ist ein Langzeit-Projekt, welches kontinuierlich fortgeführt wird. Bislang sind 10 dieser renommierten Tafelhefte erschienen. Ein neuer Sylloge-Band ist ganz aktuell in Vorbereitung und soll noch diesen Sommer erscheinen. In ihm werden alle Münzen aus unserem Bestand enthalten sein, welche in mamlukischer und osmanischer Zeit in Damaskus geprägt wurden, darunter auch die bedeutende Sammlung des verstorbenen Tübinger Mäzens Claus Pelling, welche uns momentan viel Mühe macht, womit wir aber auf nahezu 1.500 Münzen kommen. Parallel wird beispielsweise an einem Buchprojekt gearbeitet, das sich Numismatic History of the Arabian Peninsula nennt. Darin geht es im Kern um die Publikation einer großen Privatsammlung aus der Golfregion. Der erste Band widmet sich dem heutigen Saudi-Arabien. Alle Münzstätten, die auf diesem Territorium liegen oder lagen, werden enthalten sein. Ergänzt durch weiteres Material streben wir einen umfassenden Typenkatalog an, der durch bislang unbekanntes Material Lücken schließen wird, vor allem was die Münzproduktion in Mekka und Medina angeht. Auch dieses Werk soll noch Ende 2026 erscheinen.


Das Gespräch führte Dietmar Kreutzer


Nähere Informationen zu den Themen des Interviews:

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