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In den Townships von Johannesburg

Gumboot Dhlamini beging am Schalter des Bahnhofes einen entscheidenden Fehler: „Er kaufte die Fahrkarte mit Geld aus der Lohntüte. In seinem Überschwang hatte er den wichtigsten Rat außer Acht gelassen. Willst du im Freitagabend-Zug sicher nach Hause kommen, dann lass niemanden dein Geld sehen.“ (Athol Fugard: Tsotsi, Zürich 2006, S. 19). Der Grubenarbeiter aus den Goldminen von Johannesburg hatte das ganze zurückliegende Jahr schließlich keinen Ärger gehabt. „Und so vergaß er, als er sein Geld bekam, ein paar Münzen beiseite und in die Tasche zu tun, und riss stattdessen in aller Eile die Lohntüte auf, weil die anderen hinter ihm es ebenfalls eilig hatten, weil sie lachten und fluchten, und suchte in der aufgerissenen Tüte nach Scheinen und Münzen.“ (Ebenda, S. 20). Wenige Minuten später war er tot – ein Opfer der vierköpfigen Gang von Totsi. Im Gedränge des fahrenden Zuges hatte ein Mitglied der Bande den jungen Arbeiter erstochen. Ein Zweiter hatte ihm eine Hand in die Tasche geschoben und die Lohntüte herausgeangelt.

Filmplakat zu Tsotsi (Südafrika 2005). [Bildquelle: Amazon, Arthaus].

Als nächstes Opfer der Bande war Morris Tshabalala ausersehen, ein Bettler. Er hatte Totsi, den Kopf der Bande, beleidigt: „Bastard, Wurf einer gelben Hündin, du!“ (Ebenda, S. 113). Morris fehlten beide Beine. Er hatte sie bei einem Unfall in den Goldminen verloren. Seitdem verdiente er sich sein Geld auf der Straße. Der Ertrag eines Tages stand auf dem Spiel: „Fast zehn Schilling waren es, in Pennys und einigen Dreipence- und Sixpence-Stücken. Es waren, genau gesagt, neun Schilling und Sixpence, denn als er, der von Natur aus ordentlich war, alles ausgezählt hatte, stapelten sich vor ihm sieben Schilling in Pennys, zwei Häufchen mit je vier Dreipence-Stücken, und daneben lag ein Sixpence-Stück.“ (Ebenda, S. 126f.). Tsotsi beobachtete ihn dabei. Er schlug jedoch nicht sofort zu. Erst ließ er den Bettler noch ins Bantu-Esslokal gehen: „Alles, was in diesem Lokal verkauft wurde, war nach bescheidenen Pennys berechnet. Brot gab es für zwei Pence die Scheibe, Puddingkuchen für drei, Kaffee für vier Pence den Becher, kalte, ölige Fischhappen für fünf, Fleischklöße für sechs und Suppe für sieben Pence. Diese Preise waren von Sam, dem Küchenjungen, mit Kreide an die Tür des Bantu-Esslokals geschrieben. Er hatte die Pennyzeichen hinter den Zahlen weggelassen. Er hielt sie für überflüssig.“ (Ebenda, S. 138). Tsotsi lauerte seinem Opfer bereits in einem Hauseingang auf. Lange würde Morris, der Bettler, nicht mehr zu leben haben! Der Roman Tsotsi von Athol Fugard, dessen Filmfassung im Jahr 2006 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde, führt ins Südafrika des Jahres 1960. Um die Hintergründe für die Kriminalität und Brutalität in diesem Staat zu verstehen, ist ein Blick in dessen Geschichte nötig. Im Jahr 1886 waren große Goldvorkommen am südafrikanischen Witwatersrand gefunden worden. Die Stadt Johannesburg entstand. Zwischen den Repräsentanten der von den Buren geführten Südafrikanischen Republik und den britischen Gesellschaften, die die Goldminen ausbeuteten, kam es zum Streit: „Die britisch-burischen Gegensätze führten schließlich zum Burenkrieg von 1899 bis 1902, den Großbritannien gewann. Im Frieden von Vereeniging 1902 wurden die Burenstaaten zu britischen Kolonien erklärt.“ (Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte, Leipzig 1964, S. 680). Mit dem Status einer Dominion konnte sich die Südafrikanische Union ab 1906/1910 unter britischer Vorherrschaft selbst verwalten.

5 Shillings (Südafrika, 1953, 500er Silber, 28,3 Gramm, 38,6 mm). [Bildquelle: Numista, Nalaberong].

Die von der weißen Regierung zunehmend forcierte Politik der Rassentrennung hatte Konflikte im Lande und mit der britischen Krone zur Folge. Als der Roman von Athol Rugard vor etwa 60 Jahren entstand, hatte die Südafrikanische Union knapp 20 Millionen Einwohner. Nur etwa 17 Prozent waren Weiße, dagegen 70 Prozent Schwarze. Das jährliche Einkommen pro Kopf der Bevölkerung betrug etwa 175 südafrikanische Pfund. Fast drei Viertel des Gesamteinkommens entfielen jedoch auf die weiße Bevölkerung, weniger als ein Fünftel auf die schwarze. Die Gegensätze zeigten sich vor allem im Bergbau, der damals für mehr als 90 Prozent der Exporterlöse sorgte. Die Förderung von jährlich etwa 1.000 Tonnen Golderz, knapp 80 Prozent der Weltgolderzeugung außerhalb des Ostblocks, stellte das wirtschaftliche Rückgrat des Staates dar.

3 Pence (Südafrika, 1959, 500er Silber, 1,4 Gramm, 16 mm). [Bildquelle: Numismatic Guaranty Corporation].

Um die immer wieder aufflammenden Streiks der Bergarbeiter zu unterbinden, setzte die weiße Regierung auf Repression. Mit dem Gesetz über die territoriale Segregation der Rassen (Apartheid) wurde die verhängnisvolle Politik der Regierung auf die Spitze getrieben. In der Bergarbeiterstadt Johannesburg äußerte sich dies besonders drastisch. Seit 1948 galt dort eine wohnräumliche Trennung auf „rassischer“ Grundlage. Die Menschen aus dem westlichen Teil der Stadt waren von großflächigen Umsiedlungsmaßnahmen betroffen: „Die hier lebende schwarze Bevölkerung wurde ab dem Jahre 1953 nach Soweto umgesiedelt, wo sie in unzähligen sogenannten ‚matchbox houses‘ untergebracht wurde.“ (Lech Suwala, Elmar Kulke: Südliches Afrika, Berlin 2017, S. 21). In den so entstehenden Townships griff die Kriminalität um sich. Banden aus arbeitslosen Jugendlichen bildeten sich, die vor allem nachts mordeten und plünderten.

Penny (Südafrika, 1959, Bronze, 9.6 Gramm, 31 mm). [Bildquelle: Numismatic Guaranty Corporation].

Das staatlich legitimierte Unrecht zeigte sich nicht nur im Alltag der Townships, sondern auch in den nach Pfund und Shilling abrechenbaren Vermögensverhältnissen. Das Währungssystem der Südafrikanischen Union war dem britischen gleichgestellt. Das südafrikanische Pfund hatte im Jahr 1960 einen Wert von 11,71 Deutschen Mark. Auf ein Pfund kamen 20 Shilling zu je zwölf Pence. Banknoten gab es zu Nennwerten von 100 Pfund bis zehn Shilling, Münzgeld ab einem Pfund abwärts. Allerdings wurden die Goldmünzen zu einem und einem halben Pfund nur zum Zweck der Goldanlage ausgegeben. Das umlaufende Münzgeld von fünf Shilling bis zu drei Pence bestand aus 500er Silber. Das waren Münzen zu fünf, zweieinhalb, zwei und einem Shilling sowie zu sechs und drei Pence. Das Kleingeld zu einem, einem halben sowie einem viertel Penny bestand aus Kupfer beziehungsweise Bronze. Der Bettler in dem Roman von Athol Fugard hat als Almosen vor allem Pennys und Münzen zu drei Pence bekommen. Wegen des niedrigen Preisniveaus in den Townships konnte man damit lediglich ein Leben als Obdachloser fristen. Doch was ist aus Tsotsi geworden, dem Gangster aus den Townships von Johannesburg? Eines Nachts lauerte er einer jungen Frau auf, die ein Paket unter dem Arm trug. Ständig blickte sie über ihre Schulter zurück: „Von dem Baum aus, unter dem er stand, erkannte Tsotsi auf Anhieb, dass es die Gesten der Angst waren. Nur sie brachten ein menschliches Wesen dazu, sich so zu bewegen. Er hatte das oft gesehen. Sie trug das Paket, als wäre es der letzte Halt, der sie mit dem Leben verband.“ (Athol Fugard: Tsotsi, S. 61f.). Als er die Frau am Arm packte und in die Dunkelheit zog, hörte er ein unerwartetes Geräusch. In diesem Moment drückte sie ihm den Karton in die Hände und ergriff die Flucht. Tsotsi öffnete den Deckel und schaute in ein winziges Gesicht voller Runzeln. In dem Karton lag ein Baby! Der skrupellose Gangster war wie vom Donner gerührt: „Und plötzlich, scharf und schmerzhafter, als er es je erlebt hatte, zersprengte Licht die Dunkelheit in ihm, und er erinnerte sich.“ (Ebenda, S. 88). Er sah in die eigene Kindheit, die er vergessen wollte, sah den Vater, der ihm so früh genommen wurde, die Mutter, die ihm fehlte. Das kleine Kind in dem Karton sich selbst überlassen? Nein! Es hätte bedeutet, all das Leid der Kindheit noch einmal zu durchleiden. Er brauchte Milch für das Baby. Einen Schilling und vier Pence kostete eine Dose beim Inder um die Ecke. Zwei Schilling hatte er noch. Er musste das Kind retten!

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