Helvetia, Tell und Edelweiß - Die Schweiz bezieht ihre Münzen seit 1855 aus der Geldfabrik in Bern
- Helmut Caspar

- 23. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
Viele Ereignisse und Gestalten der nationalen und internationalen Geschichte und Kultur sind auf Münzen und Medaillen der Schweiz verewigt. Helvetia und Wilhelm Tell, aber auch bedeutende Künstler, Wissenschaftler und Politiker kommen zu numismatischen Ehren. Das Land verewigt nationale Jubiläen auf seinen Münzen, es haben bedeutende Bau- und Kunstwerke ebenso wie landestypisches Brauchtum, die Berge und charakteristische Tiere und Pflanzen wie das Edelweiß den Weg auf geprägtes Metall gefunden. Hinzu kommen zahlreiche sportliche und kulturelle Ereignisse. Selbstverständlich ehrt die Schweiz auch den Initiator der Hilfsorganisation Rotes Kreuz, Henry Dunant, als einen ihrer ganz Großen auf Münzen und Medaillen.

Die mit dem Berner Bärenwappen gezeichneten Silbermünzen aus Frankreich passen gut in eine Schweizer und eine Frankreich-Sammlung. Helvetia schmückt zahlreiche Münzen der Schweiz. Sie und andere Geldstücke aus Gold, Silber und unedlem Metall sind in Katalogen vermerkt.

Das Fünf-Franken-Stück mit der Helvetia wurde im Geist der Lateinischen Münzunion geprägt, die 1927 ihre Existenz einstellte.
Über Jahrhunderte war das Münzwesen der Schweiz unübersichtlich und uneinheitlich, vergleichbar mit den Verhältnissen im Römisch-Deutschen Reich und nach 1815 im Deutschen Bund. Städte und Kantone wachten eifersüchtig über ihre Souveränität und suchten sich durch besonders schöne Gepräge zu übertreffen. Da sich der Umfang der eigenen Münzung in Grenzen hielt, half man sich mit ausländischem Geld, vor allem mit französischen Importen. Um die talerförmigen Ecus, die man bei uns auch Laubtaler nannte, und andere Gepräge in der eigenen Region zuzulassen, wurden sie mit Gegenstempeln markiert.

Die in Bern hergestellte Fünf-Franken-Münze mit dem Hirten, auch Fünfliber genannt, kam 1922 heraus. Der Jahrgang 1928 ist sehr selten.
Das „Gesicht“ der eidgenössischen Münzen hat sich in den vergangenen Jahrhunderten stark verändert. Statt Fahnen schwingender Ritter, Heiligenbilder und Stadtansichten nahmen Helvetia und Wilhelm Tell , die Symbolfiguren der Eidgenossenschaft, und landestypische Pflanzen wie das Edelweiß Ehrenplätze auf den Münzen ein. Ihren großen Bedarf an geprägtem Geld versuchte die Eidgenossenschaft um 1850 durch Vergabe von Prägeaufträgen nach Paris und Straßburg zu befriedigen. Doch war die Regierung von den Ergebnissen nicht überzeugt und beschloss daher, selber eine leistungsfähige Münzstätte einzurichten. Zunächst wurde 1853 die alte Münzstätte in Bern für die Herstellung des neuen Geldes genutzt. Da auch sie nicht ausreichend genug produzieren konnte, hat man die Anstalt umgebaut und technisch aufgerüstet. Denn Ziel der Schweiz war es, auch im Geldwesen vom Ausland unabhängig zu sein. Als mit dem fortschreitenden Münzbedarf die 1855 eröffnete Fabrik den Anforderungen nicht mehr genügte, wurde 1902 bis 1906 am Berner Kirchenfeld eine neue Münzstätte errichtet. Diese Eidgenössischen Münze druckte bis 1930 auch Postwertzeichen, und entwickelte sich zu einem zuverlässig arbeitenden Industriekomplex.

Die 1855 eröffnete Münzanstalt in Bern reichte bald nicht mehr aus, so dass eine neue Fabrik gebaut werden musste. Unter dem Motto LABOREMUS (Wir arbeiten) kam eine ganz dem Jugendstil verpflichtete Medaille zur Eröffnung heraus. Auf der Rückseite überwacht ein Mann die Kniehebelpresse, hinten stellt eine Spindelpresse Medaillen her.
Beliebt sind die Schweizer Schützentaler, die seit 1855 mit einigen Unterbrechungen im Wert von fünf Franken geprägt werden. Mit den Wappen und Allegorien beschwören sie den Willen der Eidgenossen, keine Einmischungsversuche von außen zuzulassen. Da die Auflagen dieser anfangs staatlichen und seit 1984 privaten Ausgaben relativ klein sind, muss man als Sammler zuweilen tief in die Tasche greifen, wenn man die Serie vollständig haben möchte. Innerhalb der Lateinischen Münzunion, zu der die Schweiz seit 1865 gehörte, gab es Probleme wegen der Schützentaler. Weil sie das Geldvolumen anschwellen ließen, wurde die Emission 1885 abgebrochen. Zwischen 1934 und 1939 hat man die Tradition mit neuen Werten zu 100 und fünf Franken wiederbelebt. Ab 1984 kommen Schützentaler aus Gold und Silber als private Prägungen mit einem mittelalterlich kostümierten Schützen heraus. Bewaffnet ist er mit einem Gewehr, einer Armbrust oder einem Schwert.


Die Schweiz hatte zu allen Zeiten Grund, sich um ihre Eigenständigkeit zu sorgen und ihre Bewohner zur Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft anzuhalten. Die Schützentaler unterstreichen, dass niemand die Souveränität der Eidgenossenschaft antasten darf.
Populäre Motive sind Helvetia und ein Hirte, der auch als Wilhelm Tell gedeutet wird. Heutige Künstler gehen mit der Zeit und bemühen sich um neue, von alten Traditionen abweichende Formen. Das Edelweiß als Symbol der Alpen besitzt Kultstatus. Wer den Mut aufbringt, die Blume zu pflücken, muss sich darauf gefasst machen, wegen Verstoßes gegen den Naturschutz belangt zu werden. Da ist es schon besser, die Pflanze aus der Familie der Korbblütler auf blitzendes Metall geprägt zu sammeln. Die goldenen Vreneli-Münzen und weitere Ausgaben sind mit Blüten und Blättern geschmückt. Eine Bimetallmünze zu zehn Franken wurde zur Sondermünze des Jahres 2016 ausgerufen und wird sicher auch Sammler außerhalb der Schweiz interessieren. In einer Kollektion zum Thema „Pflanzen auf Münzen und Medaillen“ findet diese Ausgabe einen guten Platz.
Die Herstellung der Umlauf- und Gedenkmünzen sowie von Medaillen in der Swissmint trägt dem schweizerischen Staatshaushalt viele Millionen Franken ein. Untergebracht ist das Unternehmen in einem von Theodor Gohl geplanten und 1908 eröffneten Gebäude im Berner Kirchenfeldquartier das als Kulturgut von nationaler Bedeutung unter Denkmalschutz steht. In der hochmodern eingerichteten Geldfabrik verschmelzen leistungsstarke Technologien, Maschinen und Produktionslinien mit alten Handwerkstechniken.

Helvetia und der fälschlicherweise als Wilhelm Tell gedeutete Hirte sind auf vielen Umlaufmünzen der Schweiz vertreten.
Viele Münzfreunde, und nicht nur sie, glauben, in dem Mann mit der Kapuze auf schweizerischen Fünf-Franken-Münzen Wilhelm Tell zu erkennen. Aber es ist nicht der Nationalheld der Alpenrepublik sondern ein schlichter Hirte. Mit diesem bis heute unverändert in Bern geprägten Geldstück, seiner Entstehungsgeschichte und dem beteiligten Künstler befasst sich Hanspeter Koch in seinem Buch Paul Burkhards Fünfliber – 1922-2022. Ein Klassiker wird hundert. Illustrierter Bericht zum 100-Jahr-Jubiläum des Fünffrankenstücks mit dem Alphirte. Das in Zusammenarbeit mit Jürg Richter, Ruedi Kunzmann und dem Versteigerungshaus SINCONA AG Zürich verfasste Buch erschien 2021 im Battenberg Gietl Verlag Regenstauf, hat 129 Seiten und kostet 24,90 Euro (ISBN 978-3-86646-216-8).
Auf der Suche nach Entwürfen für neue Münzen wurde 1918 ein Wettbewerb „zu einem einheitlichen neuen Münzbilde in Vorder- und Rückseite für Zweifranken, Einfranken und Fünfzigrappenstücke“ ausgeschrieben. 268 Einwürfe wurden eingereicht, doch von ihnen kamen nur wenige Vorlagen in die engere Wahl. Dem Preisgericht sagten die Ideen von Paul Burkhard am meisten zu. Die Jury befand, dass sich die Vorlagen auch gut für ein neues Fünf-Franken-Stück eigenen würden. Und so kam es, dass die von Hanspeter Koch gestaltete Münze mit dem Mann mit der der Kapuze in Geldbörsen und an Ladenkassen zu finden ist.
Numismatische Vereine und Münzsammlungen sind in der Eidgenossenschaft bei der Bestimmung alter und neuer Gepräge behilflich. Außerdem ist die Zahl der Publikationen über die schweizerische Münz- und Medaillengeschichte nicht gerade klein. Das Schweizer Magazin für Münzen und Medaillen Numispost berichtet aus dem Vereinsleben und über Ausstellungen und listet alte und neue Ausgaben samt Auflagen und aktuellen Preisen auf. Schweizer Auktionshäuser sind national und international tätig und bieten ganze Sammlungen und wertvolle Einzelstücke von der Antike bis zur Gegenwart an.
Text und Fotos: Helmut Caspar




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