• Michael Kurt Sonntag

Helios auf den Münzen von Rhodos

„Auf herrlichen Säulen erbaut stand die Königsburg des Sonnengottes, von blitzendem Gold und glühendem Karfunkel schimmernd; den obersten Giebel umschloss blendendes Elfenbein, gedoppelte Türen strahlten in Silberglanz, darauf in erhabener Arbeit die schönsten Wundergeschichten zu schauen waren. ... Helios, von Purpurgewand umhüllt, saß auf seinem fürstlichen Stuhle, der mit glänzenden Smaragden besetzt war; zu seiner Rechten und zu seiner Linken stand sein Gefolge geordnet, der Tag, der Monat, das Jahr, die Jahrhunderte und die Horen; der jugendliche Lenz mit seinem Blütenkranze, der Sommer mit Ährengewinden bekränzt, der Herbst mit einem Füllhorn voll Trauben, der eisige Winter mit schneeweißen Haaren.“ (Gustav Schwab, Sagen des klassischen Altertums, München 2001, S. 28).


So die mythologische Vorstellung der antiken Griechen von der Behausung und dem Gefolge des Sonnengottes Helios. Der Mythologie zufolge soll Helios, weil er bei der Verteilung der Erde zu spät kam, die eben erst aus dem Meer aufgetauchte Insel Rhodos erhalten haben. Ob die sagenhafte Gründung der alten rhodischen Städte Kamiros, Ialysos und Lindos allerdings auf ihn oder erst auf seine Enkel zurückgeht, darüber ist sich selbst die antike Mythologie uneins. Doch wie dem auch sei, die Verehrung, die Helios auf Rhodos erfuhr, war enorm und reichte bis in die mythische Vorzeit.


Weil die Hauptstadt Rhodos erst um 408/07 v. Chr. gegründet wurde, wurden die ersten Münzen auf der Insel auch nicht von ihr emittiert, sondern von den sehr viel älteren Städten Kamiros, Lindos und Ialysos. Da die Münzen dieser Poleis aber noch ganz in der Tradition der kleinasiatischen Münzprägung der archaischen Zeit standen, hatten Tiere, Pflanzen, vertiefte Quadrate und Rechtecke auf ihnen den Vorrang vor idealisierten Götterporträts. So dass man sich auch nicht wundern braucht, wenn der Sonnengott Helios auf diesen frühen rhodischen Münzen praktisch nicht vorkommt, obwohl er von Anbeginn Hauptgott und Schutzpatron der gesamten Insel war. Numismatisch gesehen, tritt Helios erst in Erscheinung, nachdem die neue Hauptstadt Rhodos Ende des 5. Jh. v. Chr. gegründet worden war. Und auch die aufblühende Rose wurde erst mit der Einführung dieses neuen Münztyps zum beherrschenden Bildmotiv der Münzrückseite.


Rhodos (Inseln vor Karien). Stater (späte 340er-316 v. Chr., nach O. Hoover), Gold, 8,59 g, 16 mm, Münzstätte Rhodos. Bildquelle: J. K. Jenkins, Harald Küthmann, Die Münzen der Griechen, Battenberg Verlag, München 1972, S. 147.

Rhodos (Inseln vor Karien), Tetradrachmon (um 385 v. Chr.), Silber, 15,06 g, 24 mm, Münzstätte Rhodos. Bildquelle: F. R. Künker, Auktion 71 (12. März 2002), Los 355.

Aber warum ausgerechnet die Rose? Was hatte es damit auf sich? Nun, zum einen war die Rose dem Sonnengott heilig und zum anderen galt sie „wegen ihrer noblen Gestalt und ihrem duftenden Öl schon zur Zeit des Epos als etwas unbestimmt Herrliches in der Blumenwelt.“ (Hellmut Baumann, Pflanzenbilder auf griechischen Münzen, München 2000, S. 52). Im Übrigen soll sie es auch gewesen sein, die der Insel Rhodos ihren Namen gab. Darüber hinaus war die Rose, die mit dem Kult der Aphrodite aus dem Orient nach Griechenland gelangt war, bereits in der Antike das Symbol der Liebe und der weiblichen Anmut.


Was nun das Porträt des Helios angeht, das die Vorderseiten der beiden oben gezeigten Münzen ziert, so ist es im Gegensatz zum Münzbild der aufblühenden Rose nur bedingt als eigenständiges rhodisches Bildmotiv anzusehen. Denn obgleich es zuvor in ganz Griechenland keine Münze mit Helioskopf gab, von welcher der rhodische Helios hätte entlehnt sein können, so war die Idee, den Götterkopf in Frontal- bzw. Dreiviertelansicht wiederzugeben, syrakusanischen Ursprungs.


Arethusadarstellung des Kimon. Tetradrachmon (um 405 v. Chr.), Silber, 17,21 g, 28 mm, Münzstätte Syrakus. Bildquelle: Peter R. Franke, Max Hirmer, Die Griechische Münze, Hirmer Verlag, München 1964, Abb. 44.

Der Helioskopf von Rhodos geht also genau genommen auf die Arethusa des syrakusanischen Stempelschneiders Kimon zurück. Das Eigenständige an der rhodischen Götterdarstellung ist folglich allein die Umsetzung eines weilblichen Münzporträts in ein männliches, was den rhodischen Stempelschneidern, wie man sehen kann, jedoch hervorragend gelang.


Nun blieb man in Rhodos zwar auch im 3., 2. und 1. Jh. v. Chr., von einigen Ausnahmen abgesehen, beim Frontal- bzw. Dreiviertelporträt, doch fügte man dem Kopf des Sonnengottes zusätzlich einen Strahlenkranz hinzu.


Rhodos (Inseln vor Karien), Tetradrachmon (um 229-205 v. Chr.), Silber, 13,56 g, 25 mm. Bildquelle: Classical Numismatic Group – Triton XXIII (14. Januar 2020), Los 440.


Rhodos (Inseln vor Karien), Didrachmon (um 275-250 v. Chr.), Silber, 6,62 g, 20 mm. Bildquelle: Emporium Hamburg, Auktion 87 (12. November 2019), Los 155.


Rhodos (Inseln vor Karien), Drachme (um 188-170 v. Chr.), Silber, 2,92 g, 15 mm. Bildquelle: Classical Numismatic Group – Electronic Auction 459 (8. Januar 2020), Los 275.

Einen Kranz von dem, wie uns die Sage schildert, ein solch gleißendes Licht ausging, dass keiner es wagte, in der Nähe seines göttlichen Trägers zu stehen. „In diesen Palast trat Phaethon, der Sohn des Sonnengottes Helios, und verlangte den Vater zu sprechen. Doch stellte er sich nur von ferne hin, denn in der Nähe war das strahlende Licht nicht zu ertragen.“ (Gustav Schwab, ebenda, S. 28).


Derselben Sage zufolge konnte Helios seinen Strahlenkranz bei Bedarf jedoch ablegen, da jener nur Attribut und nicht „fester Bestandteil“ des Gottes war. Aber weshalb stellten die Rhodier Helios auf ihren Münzen zunächst ohne und dann mit Strahlenkranz dar? Nun, da uns die antiken Geschichtsschreiber hierüber keinerlei Auskunft geben, muss jede Antwort hierauf Spekulation bleiben. Vergegenwärtigt man sich, dass während des 4. Jh. v. Chr. neben Rhodos immer mehr andere Orte ihre männlichen Götterporträts in Frontal- oder Dreiviertelansicht zeigten und dass im rhodischen Zahlungsverkehr sicherlich viele dieser fremden Münzen vorkamen – zumal Rhodos ein internationales Handelszentrum war –, so könnte man vermuten, dass die Rhodier ihrem Gott Helios einen Strahlenkranz beifügten, um ihre Münzen besser und schneller von denen anderer Poleis unterscheiden zu können.


Bedenkt man allerdings, dass der Koloss von Rhodos, der zwischen 304 und 292 v. Chr. geschaffen wurde, den Sonnengott mit Strahlenkranz zeigte und dass die Faszination, die von dieser großartigen Bronzeskulptur des Chares von Lindos ausging, überwältigend war, dann wäre es ebenso gut vorstellbar, dass die Stempelschneider mit ihren neuartigen Heliosdarstellungen nur dem Helioskopf dieser Kolossalstatue nacheiferten. Vielleicht liegt hierin auch die Erklärung dafür, weshalb der Sonnengott auf den rhodischen Münzen bis zum Ende des 4. Jh. v. Chr. nur vereinzelt mit Strahlenkranz erscheint, während er danach kaum noch ohne diesen zu sehen ist.



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