top of page
  • -

Gold, Silber, der Morgan Dollar und die seltenste Großsilbermünze der Lateinischen Münzunion

Am 16. November 2021 versteigert Numismatica Genevensis eine bedeutende Rarität: 5 Franken von 1886 – die seltenste Großsilbermünze der Lateinischen Münzunion. Sie ist ein Zeitgenosse des Morgan Dollars, und ihre Seltenheit hat denselben wirtschaftsgeschichtlichen Hintergrund: Die Überproduktion von Silber im amerikanischen Virginia City / Nevada.


Numismatica Genevensis bietet eine bedeutende numismatische Rarität an. Es handelt sich um die seltenste Großsilbermünze der Lateinischen Münzunion. Das 5-Franken-Stück von 1886 ist in lediglich fünf Exemplaren bekannt: Drei davon liegen in den wichtigsten Schweizer Museen; zwei befinden sich in Privatbesitz. Eines von beiden kommt nun – erstmals seit 2008 – wieder auf den Markt.

5 Franken, 1886, Schweiz, Münzstätte Bern (Ag), zweites bekanntes Exemplar in privater Hand, eines von fünf bekannten Exemplaren; aus Auktion SKA Bern 1 (1983), Nr. 659; NGSA 5 (2008), Nr. 1292); NGC MS64, FDC Schätzung: 200.000 CHF. [Bildquelle: Numismatica Genevensis, 14. Auktion 2021, Los 395].

Die Schätzung des von der Numismatic Guaranty Corporation (NGC) mit MS64 eingestuften Stückes beträgt 200.000 CHF. Die Vorderseite zeigt Helvetia vor der Kulisse der Alpen, ein Stempel, den der Genfer Medailleur Antoine Bovy für die neue Münzprägung der jungen Eidgenossenschaft schuf. Die so seltene Jahreszahl ist auf der Rückseite zu sehen, umgeben von einem Eichen- und Alpenrosenkranz. Geprägt wurde die Münze in Bern, wofür das kleine B unter dem Kranz steht.

Diese Münze ist nicht nur für die Schweizerische Numismatik bedeutend. Sie ist ein zentrales Zeugnis für die Wirtschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts und dafür, wie eng die Silberfunde im amerikanischen Nevada mit der europäischen Währungspolitik sowie dem fast weltweiten Übergang zum Goldstandard verbunden war.


Ein epochaler Wandel im Geldwesen

Jahrhundertelang prägte Europa seine Münzen aus Gold und Silber. Sie alle wurden regelmäßig taxiert, denn ihr Wert schwankte, je nachdem, wie hoch der Gold- oder der Silberpreis gerade war. Um diese Währungsschwankungen aus ihren Bilanzen herauszuhalten, griffen Kaufleute auf eine in karolingischer Zeit geschaffene Rechnungswährung zurück. Jeder Betrag, der in bar eingenommen oder ausgezahlt wurde, musste für die Buchhaltung in diese Rechnungswährung umgerechnet werden. Und dann kam das 19. Jahrhundert. Das Volk gewann an Macht, und es forderte ein Währungssystem, das auch der einfachste Bauer verstehen konnte. Die Rechnungswährung und die real ausgeprägten Münzen wurden immer häufiger ein und dasselbe. Um die Benutzung dieser Münzen für alle einfacher zu machen, prägte man ihnen gleich den Wert auf, wie die hier gezeigte bayerische Vereinsmünze illustriert: Die Umschrift informiert, dass gemäß eines Münzvertrages aus einem Kölner Pfund Gold fünfzig solcher Kronen geprägt werden sollten.

1 Krone, 1866, Bayern, König Ludwig II., Münzstätte München (Au), NGC PF63+CAM, FDC Schätzung: 20.000 CHF. [Bildquelle: Numismatica Genevensis, 14. Auktion 2021, Los 202].

Das Geldwesen veränderte sich im späten 18. und 19. Jahrhundert rasant. Jeder Staat wählte sich eine einheitliche Währung, deren Wert er exakt fixierte. So hält der amerikanische Coinage Act von 1792 zum Beispiel fest, dass jeder Dollar 371 4/16 grains Feinsilber entsprechen müsse. Die Schweiz postulierte in ihrem 1850 erlassenen Bundesgesetz über das Eidgenössische Münzwesen, dass ihre neue Einheitswährung, der Franken, in Anlehnung an den französischen Franc 4,5 g Feinsilber enthalten solle.

Das Problem daran war, dass in all diesen Ländern eben nicht nur Silber-, sondern auch Goldmünzen zirkulierten, und dass sich die Preisrelation von Gold und Silber durch die vielen neuen Gold- und Silberminen, die im 19. Jahrhundert entdeckt wurden, permanent änderte. Die Edelmetallpreise stiegen und fielen schneller, als so manche Regierung reagieren konnte.


Gold aus Kalifornien, Silber aus Virginia City

Denken wir nur an den kalifornischen Goldrausch von 1848, der mit seinen gigantischen Goldmengen den Goldpreis in den Keller trieb. Ein paar Zahlen illustrieren, wie drastisch sich nach 1848 die umlaufende Goldmenge änderte: 189,7 t Gold wurden allein in dem Jahrzehnt zwischen 1851 und 1860 gefördert. Zum Vergleich für das halbe Jahrhundert von 1801 bis 1850 hatte diese Zahl lediglich 136,3 t betragen, wobei 1849/50 bereits abzusehen war, dass sich der Goldpreis durch die erhöhte Fördermenge immer stärker verringerte. Deshalb zögerte zum Beispiel die Schweiz ihre Goldprägung bis zum Jahr 1883 hinaus.


Zu diesem Zeitpunkt befand sich auch der Silberpreis im freien Fall, denn die gewaltigen Erträge der in Virginia City / Nevada gelegenen Erzlagerstätte Comstock Lode ließ die weltweite Silberproduktion der Jahre 1861 und 1870 auf 2.544 t emporschnellen. Zum Vergleich: zwischen 1841 und 1850 hatte sie noch 772 t betragen, um zwischen 1851 und 1860 auf 1.760 t zu wachsen. Zwischen 1901 und 1910 wurden weltweit 5.681 t Silber gefördert. Das wirkte sich natürlich auf den Silberpreis aus. Betrug das Londoner Fixing 1870 für die Unze Silber noch 60 Pence, sank es auf 47 Pence im Jahr 1890 und auf 28 Pence im Jahr 1900.

Durch die Comstock Lode und ihren Silberreichtum veränderte sich die weltweite Währungslandschaft nachhaltig. [Bildquelle: Ursula Kampmann].

Folgen für die Weltwirtschaft

Was bedeutete das nun für die Weltwirtschaft? Jeder einzelne Staat musste sich überlegen, welchem Metall er eher eine gewisse Stabilität zutraute. Während Indien und China weiterhin auf das Silber setzten, entschied sich Deutschland, als 1871 erstmals ein einheitliches Reich mit einer Einheitswährung entstand, für das Gold als Maßstab der Währung. Wir müssen aber betonen: Das bedeutete nicht, dass in Deutschland keine Silbermünzen mehr kursierten, im Gegenteil. Aber die Währung definierte sich über das Gold, und alle Nominale konnten jederzeit ohne Aufpreis in Gold umgewechselt werden.

So wurde ein großer Teil der 6.000 t Silber der nach dem Währungswechsel eingezogenen Münzen in deutsche Reichsmark umgeprägt. Natürlich floss ein Teil auch in den Weltmarkt. Und das war eine wunderbare Ausrede für all die Silberbarone in Virginia City, die empört darüber waren, dass sich ihre hohen finanziellen Investitionen wegen des dramatischen Verfalls des Silberpreises auf dem Weltmarkt nicht mehr rechneten. Das Verhältnis zwischen Gold und Silber fiel nämlich in den Jahren zwischen 1871 und 1885 von 1:15,51 auf 1:32,6!

Das Gerücht, dass allein die deutsche Münzreform für den Preisverfall des Silbers verantwortlich sei, hat sich übrigens bis heute in so manchem numismatischen Buch gehalten.


Die Entstehung des Morgan Dollars

Aber damit sind wir bei den Maßnahmen, welche die US-Regierung ergriff, um ihren Silberproduzenten unter die Arme zu greifen. Richard Parks Bland, Abgeordneter des Staates Missouri, initiierte ein Gesetz, das als der Bland-Allison Act bekannt werden sollte. „Silver Dick“, wie er scherzhaft genannt wurde, kannte die Hauptakteure der Silberproduktion und ihre Probleme aus erster Hand. Der Beginn seiner Karriere stand nämlich im unmittelbaren Zusammenhang mit der Comstock Lode. So machte er ihre Anliegen zu seinen eigenen und setzte tatsächlich – übrigens gegen das Veto des Präsidenten – den Bland-Allison Act von 1878 durch. Der legte fest, dass das amerikanische Schatzamt jeden Monat Silber im Wert von 2 bis 4 Mio. $ in Virginia City kaufen sollte. Es wurde dazu genutzt, Dollar-Münzen zu prägen, die heute ein sehr bekanntes und beliebtes Sammelgebiet geworden sind, die Morgan Dollars.


Eine Tagung im Paris des Jahres 1885

Aber zurück nach Europa. Dort kämpfte die Lateinische Münzunion gegen die Währungs-Verwerfungen, die sich durch die amerikanische Silberüberproduktion ergeben hatten. Seit ihrer Gründung setzte die Lateinische Münzunion nämlich auf den Bimetallismus. Mit anderen Worten: Der Feingehalt der im Rahmen der Vereinbarung ausgeprägten Münzen musste so beschaffen sein, dass der Metallwert von Silber- und Goldmünzen in einem festen Verhältnis von 1:15,1 stand. Das war aber bei den ständig fallenden Silberpreisen nicht durchzuhalten. Der Silberpreis purzelte schneller in den Keller, als Gewicht und Feingehalt für neue Silbermünzen festgelegt, die alten eingezogen und die neuen ausgeprägt werden konnten. Deshalb trafen sich die Vertreter der Mitglieder der Lateinischen Münzunion, zu der auch die Schweiz gehörte, in Paris, um zu beraten, wie es weitergehen sollte.

Die Delegierten unterzeichneten Ende des Jahres 1885 einen Vertrag, in dem festgelegt wurde, dass die Prägung von Silbermünzen bis auf weiteres ausgesetzt sein sollte. Dafür sicherte Frankreich zu, die aktuell kursierenden Silbermünzen weiterhin auf Rechnung des französischen Schatzamtes zum Nennwert in Gold einzutauschen. Die Vertreter der Schweiz konnten eine Sonderregelung für sich aushandeln: Da in der Schweiz sowohl die Bevölkerung als auch das Bruttosozialprodukt überdimensional gewachsen war und deshalb ein Mangel an Silbermünzen herrschte, erhielt sie die Genehmigung, eine überproportional größere Menge von Umlaufgeld in Silber zu prägen als die anderen Mitgliedsstaaten. Lag die offiziell erlaubte Zahl bei 6 Franken in Silbergeld pro Kopf – was 19 Millionen Franken ergeben hätte –, wurde diese Zahl um 6 Millionen Franken auf 25 Millionen erhöht. Außerdem erhielt die Schweiz die Erlaubnis, alte 5-Franken-Stücke im Wert von 10 Millionen Franken in neue 5-Franken-Stücke umzuprägen. Der Vertrag trat am 1. Januar 1886 in Kraft, und damit sind wir bei dem bedeutenden 5-Franken-Stück von 1886 angekommen, das Numismatica Genevensis in seiner Auktion offeriert.


Eine zerbrochene Patrize und eine nie zustande gekommene Prägung

Während die Berner Münzstätte in den Jahren 1884 und 1885 ausschließlich Kleinmünzen aus unedlem Metall herstellte, wurde 1886 eine umfangreiche Emission von Gold- und Silbermünzen produziert. Es entstanden neben 250.000 Goldmünzen je eine Million 1- und 2-Franken-Stücke. Es war auch geplant gewesen, 5-Franken-Stücke zu prägen, aber das scheiterte an einem technischen Problem: Die Patrize der Vorderseite zerbrach, so dass keine neuen Vorderseitenstempel hergestellt werden konnten. Der neu angefertigte Rückseitenstempel von 1886 musste mit alten Vorderseitenstempeln ausprobiert werden, ehe die offizielle Entscheidung erfolgte, dass die Massenprägung mit neuen Münzbildern durchgeführt werden sollte. Zwar fand noch 1886 ein Wettbewerb statt, um die neuen Motive auszuwählen, doch es dauerte bis 1888, ehe eine umfangreiche Prägung von 5 Franken begann.


So ist das seltene schweizerische 5-Franken-Stück von 1886 ein historisches Zeugnis dafür, dass Globalisierung nichts ist, was erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist. Seine Seltenheit hat denselben historischen Hintergrund wie die Häufigkeit des amerikanischen Morgan Dollars, der Luftlinie 6.400 km weit entfernt geprägt wurde.


Anhang:

Jährlich weltweit geförderte Goldmenge (in Tonnen):

Jährlich weltweit geförderte Silbermenge (in Tonnen):

Silberpreis pro Unze in britischen Pence:

Verhältnis des Gold- und Silberpreises zueinander

Die Tabellen wurden entnommen: Michael North: Das Geld und seine Geschichte, München 1994.

Zu den Verhandlungen innerhalb der Lateinischen Münzunion im Jahr 1885 siehe: Ludwig Bamberger: Die Schicksale des Lateinischen Münzbundes. Ein Beitrag zur Währungspolitik, Berlin 1885. #MorganDollar #Silbermünze #LateinischeMünzunion #Schweiz #NumismaticaGenevensis #5Franken #USA #Silber #Gold #Silberproduktion #VirginiaCity #Nevada #Wirtschaftsgeschichte #Goldstandard #Silberfund #Geldwesen #Goldrausch #Goldpreis #Goldmenge #ComstockLode #Weltwirtschaft #Preisverfall #UrsulaKampmann

Comentários


bottom of page