• Michael Kurt Sonntag

Gedenkprägung für Seleukos I. Nikator

Als die Kinder, welche die Arsinoe dem König Lysimachos von Thrakien geboren hatte, herangewachsen waren, kam es zu unüberbrückbaren Spannungen zwischen der machtbewussten Königin und dem designierten Thronfolger Agathokles; zumal Arsinoe „alles daransetzte, um ihrem ältesten Sohn Ptolemaios das Diadem zu verschaffen.“ (Werner Huß, Ägypten in hellenistischer Zeit: 332-30 v. Chr., München 2001, S. 255).


Da Agathokles, der Sohn des Lysiamchos und der Nikaia aber nicht im Traum daran dachte, auf die Thronfolge zu verzichten, geriet die Situation bald außer Kontrolle. Zur Katastrophe kam es 283/82 v. Chr., „als Lysimachos seinen zum Nachfolger ausersehenen Sohn aus erster Ehe, Agathokles, infolge einer Intrige seiner dritten Ehefrau Arsinoe umbrachte.“ (Andreas Mehl, Seleukos I., in: Kai Brodersen [Hrsg.], Große Gestalten der griechischen Antike, München 1999, S. 457). Während Historiker wie Mehl, Pfrommer, Hafner, Davis oder Kraay, Lysimachos selbst für den Mord bzw. die Hinrichtung des Agathokles verantwortlich machen, sagt Huß: „Die Intrigantin Arsinoe knüpfte die Fäden, ihr Sohn Ptolemaios führte die Tat aus: Agathokles wurde ermordet. ... Der Mörder des Agathokles ist Ptolemaios, der Sohn der Arsinoe, ...“ (Huß, ebenda, S. 256 u. Fußnote 10).


Gipsabguss des Kopfes des Seleukos I. Nikator aus dem Archäologisches Nationalmuseum, Neapel. Standort und Bildquelle: Sammlung der Gipsabgüsse antiker Skulpturen am Archäologisches Institut der Universität Göttingen, Foto Stephan Eckardt.

Doch wie dem auch sei, die unmittelbare Folge war: die Witwe des Agathokles, Lysandra, suchte Zuflucht und Hilfe bei König Seleukos I. Nikator. Der Kommandant der Zitadelle von Pergamon, Philetairos, der einen Schatz von 9.000 Talenten (54 Millionen Drachmen) in seiner Obhut hatte und als ehemaliger Anhänger des Agathokles um sein Leben fürchtete, fiel von Lysimachos ab und bot Seleukos I. Nikator seine Unterstützung sowie die 9.000 Talente an. Seleukos, der die Gunst der Stunde erkannt hatte, nutzte diese und erklärte Lysimachos den Krieg. Zur Entscheidungsschlacht kam es im Februar 281 v. Chr. auf dem Kyros-Feld (Kuru pedion) westlich von Sardeis, am Fluß Phrygios in Lydien. In dieser verlor der beinahe 80-jährige Lysimachos sowohl Reich als auch Leben. Sieger der Schlacht war der nur 5 Jahre jüngere König Seleukos, dem nun nahezu das gesamte ehemalige Alexanderreich gehörte.

Diesen großen Sieg des Seleukos zum Anlass nehmend, emittierte man in Pergamon, wo Philetairos immer noch Kommandant und Herr über die 9.000 Talente war, silberne Tetradrachmen als Gedenkprägung. Diese zeigen auf ihrer Vorderseite einen gehörnten Pferdekopf mit angelegtem Zaumzeug nach rechts gewandt und auf ihrer Rückseite einen nach rechts gehenden indischen Elefanten und nennen die Legende BASILEOS / SELEUKOU ([Münze] des Königs Seleukos).


Tetradrachmon Seleukos´ I. Nikator (281 v. Chr.), 16,80 g, 30 mm, Münzstätte Pergamon. Bildquelle: Gorny & Mosch, Auktion 269 (9. März 2020), Los 514.

Während man mit dem indischen Elfanten der Münzrückseite Bezug auf die Rückeroberung Indiens durch Seleukos um 305 v. Chr. nahm und vermutlich auch sein Kriegs-Elefantenkorps, mit dem er sowohl in der Schlacht bei Ipsos (301 v. Chr.) gegen Antigonos Monophthalmos als auch in der Schlacht bei Kouroupedion (281 v. Chr.) gegen Lysimachos erfolgreich war, damit ehrte, verwies der gehörnte Pferdekopf der Vorderseite auf das Leibpferd des Seleukos.


Beim gehörnten Pferdekopf handelt es sich nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine Wiedergabe des vergoldeten Pferdekopfdenkmals in Antiocheia am Orontes, das Seleukos I. zu Ehren seines verstorbenen und vergöttlichten Leibpferdes hatte errichten lassen. Der altorientalischen Mythologie zufolge waren Stierhörner ein Attribut der Götter. Ikonografisch betrachtet, wurde der Pferdekopf mit diesen Stierhörnern zum Zeichen seiner Apotheose (Vergöttlichung) ausgestattet. Aber warum so große Ehren für ein totes Pferd? Nun, um eine Antwort auf diese Frage zu finden, müssen wir uns die historischen Ereignisse der Jahre 320-315 v. Chr. noch einmal kurz in Erinnerung rufen.


320 v. Chr. beteiligte sich Seleukos zusammen mit anderen hohen Offizieren an der Ermordung des Reichsverwesers Perdikkas, nachdem dieser versucht hatte, den ägyptischen Satrapen Ptolemaios aus der Macht zu drängen und damit kläglich gescheitert war – Perdikkas hatte bei diesem militärischen Abenteuer 2.000 Mann verloren. Die Konsequenz: Als die Positionen im Reich einige Monate später im Vertrag von Triparadeisos (320 v. Chr.) neu geregelt wurden, erhielt nun auch Seleukos mit Babylonien eine eigene Satrapie. Seleukos blieb allerdings nur wenig Zeit, um seine Herrschaft in Babylonien zu konsolidieren, denn bereits 317 v. Chr. griffen die kriegerischen Auseinandersetzungen der Diadochen auf seine Satrapie über. So hatte der mächtige Satrap Großphrygiens, Pisidiens, Lykiens und Pamphyliens, Antiognos Monophthalmos – sein Beiname bedeutet „der Einäugige“ –, der mit der Vernichtung noch existierender Perdikkas-Anhänger beauftragt worden war, den Eumenes von Kardia, von Kleinasien nach Osten abgedrängt, woraufhin jener in Babylonien einmarschierte und sich dort festsetzte (317/16 v. Chr.). Seleukos wehrte sich zwar dagegen, konnte letztlich aber nichts gegen Eumenes ausrichten. Erst als Antigonos auf Babylonien vorrückte, floh Eumenes noch weiter nach Osten. Seleukos verbündete sich daraufhin mit Antigonos, stellte ihm Truppen und handelte sogar in dessen Auftrag. Die Folge, Eumenes wurde im Kampf besiegt und Antigonos war nun der einzige Vertreter der Zentralgewalt in den asiatischen Satrapien. Diese Position nutzend, ging er sofort radikal gegen seine Gegner vor, setzte sie ab, bzw. entmachtete sie und ließ sie hinrichten. Als er dann zurück in Babylon auch von Seleukos plötzlich Rechenschaft über die fiskalische Verwaltung der Satrapie Babylonien forderte, „verschloss sich dieser dem Ansinnen mit der Begründung, dass er nicht Antigonos´ Untergebener, sondern mit ihm gleichrangig sei, und floh, für sein Leben fürchtend, zu Ptolemaios nach Ägypten (315 v. Chr.).“ (Andreas Mehl, ebenda, S. 453) Da die Flucht, die Seleukos im Jahre 315 v. Chr. in Babylon antrat, eine überstürzte war, griff er kurzerhand auf sein Leibpferd als „Fluchthilfe“ zurück und hatte damit großen Erfolg, denn dies erwies sich als ungeheuer kräftig und ausdauernd und rette ihm so das Leben. Dass er dieses Pferd am Ende vergöttlichte und ihm ein prächtiges Denkmal errichtete, war folglich keine königliche Marotte, sondern Ausdruck tiefer Dankbarkeit.


Die oben abgebildete Münze wurde allerdings nur bis zum Tode des Seleukos, der sich bereits 6 bis 7 Monate nach Kouroupedion ereignete, geprägt. Denn als sich Seleukos im August/September 281 v. Chr. der von Lysimachos 309 v. Chr. geründeten Hauptstadt Lysimacheia näherte, um von dort aus auch den europäischen Teil seines Reiches in Besitz zu nehmen, da traf ihn der Speer des Ptolemaios Keraunos tödlich.