• Michael Kurt Sonntag

Ein äußerst seltener Obol von Gordion

Gordion, war das nicht der Ort an dem Alexander dem Großen 333 v. Chr. ein Ochsenkarren vorgeführt wurde, an dessen Deichsel sich ein kunstvoll geflochtener Knoten befand? Doch, genau das war der Ort und der Karren mit dem Knoten, von dem eine Legende sagte, wer in der Lage wäre, diesen Knoten zu lösen, dem würde ganz Asien gehören. Da Alexander zweifellos ganz Asien besitzen wollte, der Knoten aber nirgends Enden erkennen ließ, an denen man ihn einfach hätte aufziehen können, zog Alexander kurzer Hand sein Schwert und schlug den Knoten entzwei. Eine Erzählung, deren Glaubwürdigkeit heute umstritten ist.

Nun, wie dem auch sei, der äußerst seltene Obol, um den es im folgenden geht, thematisiert ohnehin weder Alexander noch den Gordischen Knoten, sondern die göttlichen Zwillinge Artemis und Apollon, wie seine Ikonografie unschwer erkennen lässt. Allerdings erscheinen Apollon und Artemis hier nicht auf jeweils einer der Münzseiten, wie beispielsweise auf den Elektronmünzen zu 100 Litren von Syrakus,

Syrakus, Agathokles (317-289 v. Chr.), 100 Litren bzw. Stater (um 310-305 v. Chr.) mit Apollon auf der Vorder- und Artemis auf der Rückseite, Elektron, 6,56 g, 17,5 mm. Bildquelle: Künker, Auktion 295 (25. September 2017), Los 212.

sondern präsentieren sich als nach rechts gestaffelte Porträtbüsten. Hierbei dürfte die belorbeerte Büste im Vordergrund Apollon und die mit einem Köcher geschmückte im Hintergrund Artemis darstellen.

Gordion (Phrygien), Obol (etwa 2. Jh. v. Chr.), Silber, 0,68 g, 10 mm. Bildquelle: MA-Shops, Agora (NL), (September 2020).

Die Rückseite wiederum zeigt einen Bogen und einen Köcher und nennt die Legende GORDI / ANON ([Münze] der Gordioner). Aber für wen stehen Bogen und Köcher? Nun, rein theoretisch könnten sie sowohl für die Jagdgöttin Artemis als auch für Apollon stehen. Da die Porträtbüste der Artemis aber bereits mit einem geschulterten Köcher geschmückt ist, dies ist übrigens die auf Münzen am häufigsten verwendete ikonografische Darstellung der Artemis, könnten Bogen und Köcher der Rückseite auf Apollon verweisen. Denn wenngleich Apollon auch kein Jäger wie seine Zwillingsschwester war, so war er doch ebenfalls ein Meisterschütze, der nicht zögerte, seinen Bogen einzusetzen, um seine Ziele zu erreichen oder menschliche Hybris zu bestrafen.

So erschoss er beispielsweise die Riesenschlange Python, die ein Abkömmling der Erdgöttin Gaia war und in Delphi das Orakel der Gaia bewachte, um Delphi für sich zu haben und dort sein eigenes Orakel zu errichten. Auch bestrafte er die Hybris der Niobe, die sich voller Hochmut und Überheblichkeit gegenüber seiner Mutter Leto gerühmt hatte, 14 Kinder und nicht nur zwei wie Leto zu besitzen, indem er zusammen mit Artemis die 7 Söhne und 7 Töchter der Niobe mit Pfeil und Bogen niederstreckte, woraufhin Niobe vor Trauer und Kummer zu Stein wurde. Doch auch die Hybris der Griechen vor Troja strafte Apollon grausam und unerbittlich. Als Chryses, der Priester des Apollon, die Griechen vor Troja darum bat, ihm seine erbeutete Tochter zurückzugeben und dafür reichlich Lösung anbot, entgegnete ihm der griechische König Agamemnon voller Verachtung: „Dass ich dich, Alter! nicht hier bei den hohlen Schiffen treffe: … Kaum werden dir sonst Stab und Binde des Gottes helfen! Die aber gebe ich nicht frei; erst soll über sie noch das Alter kommen in unserem Haus in Argos, …, am Webstuhl einhergehend und mein Lager teilend.“ (Homer, Ilias, übersetzt von Wolfgang Schadewaldt, Düsseldorf/Zürich 2002, 1,26ff.).

Tötung der Niobiden (der Kinder der Niobe) durch Apollon und Artemis. Kelchkrater (um 460/450 v. Chr.), Standort: Louvre-Museum, Paris. Bildquelle: Seudo, Wikimedia Commons.

Daraufhin betete Chryses zu Apollon und forderte ihn auf, die Griechen dafür büßen zu lassen. „ … und ihn hörte Phoibos Apollon. Und schritt herab von des Olympos Häuptern, zürnend im Herzen, und trug den Bogen über den Schultern und den beiderseits überdeckten Köcher, und es klirrten die Pfeile an den Schultern des Zürnenden, während er sich bewegte, und er schritt hin, der Nacht gleich. Setzte sich dann, abseits von den Schiffen, und sandte den Pfeil auf sie, und ein schrecklicher Klang kam von dem silbernen Bogen. Die Maultiere überkam er zuerst und die flinken Hunde, dann aber, auf sie selbst das Geschoss, das spitze, richtend, traf er, und immer brannten in Mengen die Scheiterhaufen mit den Toten. Neun Tage gingen durch das Heer die Geschosse des Gottes, am zehnten jedoch berief das Volk zur Versammlung Achilleus.“ (Homer, ebenda, 1,43ff.).


Bogen und Köcher der Münzrückseite könnten also durchaus auch als die totbringenden Waffen des „Ferntreffers Apollon“ – so nennt Homer diesen Gott in der Ilias – interpretiert werden, zumal Apollon mehr war, als der sanfte Gott des Lichts, der Musik, der Dichtkunst, der Weissagung und der Heilkunst.

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