• Dietmar Kreutzer

Die Dekadenz des Zweiten Kaiserreiches


Kaiser Napoleon III. (1808-1873). [Bildquelle: Wikimedia, Winterhalter].

Im Frühjahr 1870 veröffentlichte der französische Autor Emile Zola seinen Roman Die Beute, den ersten aus einem Zyklus über das Zweite Kaiserreich. In ihm geißelte er skrupellose Geschäftemacher, die sich auf Kosten der breiten Masse bereicherten. Zugleich scheint der Autor jedoch selbst dem Glanz in den Villen der Neureichen zu erliegen: „Der große Salon des Hauses war ein riesiger langgestreckter Raum, eine Art Galerie, die von einem Eckpavillon bis zum andern reichte und so die ganze Fassade nach der Gartenseite hin einnahm. Eine breite Glastür führte zur Freitreppe. Diese Galerie funkelte von Gold. An der leicht gewölbten Decke umschlangen kapriziöse Schnörkel große vergoldete Medaillons, die wie Schilde blitzten. Rosetten und schimmernde Girlanden umsäumten das Gewölbe; wie flüssiges Metall lief goldenes Netzwerk über die Wände und umrahmte die mit roter Seide bespannten Füllungen; Rosengewinde mit Büscheln vollentfalteter Blüten fielen längs der Spiegel herab. Auf dem Parkett prangte ein Aubussonteppich mit seinen Purpurblumen. Die mit rotem Seidendamast bezogenen Möbel, die Portieren und Vorhänge vom gleichen Stoff, die außergewöhnlich große Rokoko-Stutzuhr auf dem Kamin, die Chinavasen auf ihren Konsolen, die Füße der beiden langen, mit Florentiner Mosaiken eingelegten Tische, ja selbst die Blumenständer in den Fensternischen troffen vor Gold, strotzten vor Gold. In den vier Ecken standen vier hohe Lampen, die mit goldbronzierten, in anmutiger Symmetrie angebrachten Ketten auf roten Marmorsockeln befestigt waren, und an der Decke hingen drei Kronleuchter, von deren Kristallprismen blaue und rosige Lichttropfen rieselten und deren heller Schein das ganze Gold des Saales aufflammen ließ.“ (Emile Zola, Die Beute, Berlin 1977, S. 36f.).


Der Weg in das Zweite Kaiserreich hatte mit der Revolution von 1848 begonnen. Nach dem Sturz von König Louis Philippe wurde mit Louis Napoleon ein Neffe des früheren Kaisers Napoleon I. zum Präsidenten der Republik gewählt. Wie sein berühmter Onkel ließ sich Louis Napoleon zunächst zum Ersten Konsul wählen. Im Jahre 1852 wurde er zum Kaiser der Franzosen gekrönt: „Unter großem Pomp fand in Saint-Claude die Kaiserproklamation statt. Opportunisten drängten sich zu den wiederhergestellten hochdotierten Hofämtern, in Notre Dame erklang zum ersten Male der Hymnus Salvum fac Ludiovisum Napoleonem. Es begann, was im Munde der Gegner die Fastes Napoléoniennes genannt wurde, die napoleonischen Prunkfeste.“ (Karl Korn, Zola in seiner Zeit; Frankfurt/Main 1984, S. 95).


20 Francs, Louis Napoleon, 1852, Gold. [Bildquelle: Ebay, NumisCorner].

Das nun folgende Wirtschaftswunder und außenpolitische Erfolge festigten das Regime des äußerlich eher unscheinbaren Kaisers. Vor allem der radikale Umbau von Paris durch Georges-Eugène Haussmann sorgte für Lohn und Brot. Das Projekt rief aber zugleich ein Heer von Spekulanten auf den Plan. Zu ihnen zählt Aristide Saccard, die Hauptfigur des Romans von Zola. Saccard beobachtet zunächst den „Tanz der Goldstücke“. Als Aufkäufer von Häusern, die zur Neugestaltung der Hauptstadt abzureißen waren, erlebt er selbst einen „Regen“ von Goldstücken: „Er dachte, dass sich die strahlende Wolke jetzt über ihm, über seinem Hof entladen habe und er selber nur die Zwanzigfrancsstücke auflesen werde.“ (Ebenda, S. 85f.).


Doch auch den Herren an der Spitze des Staates stieg die Konjunktur zu Kopfe. Anstelle eines Ceres-Kopfes ließ Louis Napoleon als Präsident ab 1852 sein Porträt auf die Standard-Goldmünze zu 20 Francs setzen. Medailleur war Jean Jacques Barré, der von 1842 bis 1855 als Graveur général an der Pariser Prägestätte fungierte: „In der Münzprägung finden wir im Jahre darauf die Bilder unverändert, jedoch die Umschrift nennt uns Napoleon III. als Kaiser des französischen Kaiserreiches. Ganz vorsichtig also wird der französische Bürger an die veränderten Umstände auch im täglichen Leben im Umgang mit dem Geld gewöhnt. Seit 1861, da sich Kaiser Napoleon III. auf dem Gipfel seiner Macht befindet und auch für die übrigen europäischen Herrscher kein Parvenu mehr ist, ändert Barré das Münzbild.



50 Francs, Napoleon III., 1855, Gold. [Bildquelle: Florinus.lt].

Napoleons Büste ist mit dem Lorbeer der Imperatoren geschmückt, und die Rückseite ziert das kaiserliche gekrönte Adler-Wappen mit den Staatszeptern, dem Orden der Ehrenlegion und dem kaiserlichen Hermelinmantel.“ (Hermann Kochs, Geprägtes Gold, Stuttgart 1967, S. 143). Für diese Porträts aus der Kaiserzeit ist übrigens nicht mehr Jean Jacques Barré zuständig, sondern sein Sohn Albert-Désiré Barre. Dieser hatte das Amt des Graveur général im Jahre 1855 von seinem Vater übernommen. In jenem Jahr wurde die Nominalkette der Goldmünzen zudem erweitert: „Um den Goldreichtum seines Landes zu demonstrieren, ließ Napoleon III. zwei neue Goldmünzen schlagen, das 15,60 g schwere Fünfzigfrankenstück und das 32,25 g schwere Hundertfrankenstück.“ (Elvira und Vladimir Clain-Stefanelli, Das große Buch der Münzen und Medaillen, Augsburg 1991, S. 93f.). Die Entscheidung zu diesem prestigeträchtigen Schritt ist ihm infolge des kalifornischen Goldrausches zu Beginn der 1850er Jahre nicht sonderlich schwer gefallen. Gold war zu dieser Zeit relativ preiswert zu haben. Das aufgewertete Silber verschwand aus dem Umlauf. Der goldene Napoléon wurde zur gängigen Kurantmünze!



100 Francs, Napoleon III, 1862, Gold. [Bildquelle: Heritage Auctions, LBSS 3075, 30755].

Eine Theatervorstellung über die Liebe des Narziss und der Nymphe Echo in der Pariser Villa von Aristide Saccard, gegeben im privaten Freundeskreis, illustriert bei Zola den Traum des allseits verfügbaren Goldes: „Die Vorhänge glitten zur Seite, das Klavier erklang lauter. Alles war geblendet. Der Strahl des Scheinwerfers fiel auf flammenden Glanz, und die Zuschauer sahen zunächst nichts als eine einzige Glut, in der Goldbarren und Edelsteine zu schmelzen schienen. (…) Der Boden war, dank einem kühnen Anachronismus des Herrn Hupel de la Noue, mit einer Unmenge goldener Zwanzigfrancsstücke bedeckt: verstreute Goldstücke, aufgehäufte Goldstücke, es wimmelte von Goldstücken den ganzen Hang hinauf.“ (Ebenda, S. 261f.). Selbst die Darstellerinnen waren mit Gold behängt. „Viel beachtet wurden die originellen Schmuckstücke der Damen d’Espanet und Haffner: sie waren aus lauter neuen kleinen Gold- und Silbermünzen zusammengesetzt.“ (Ebenda, S. 262).


Der Goldrausch der Franzosen endete erst 1871 mit der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg. Die Summe der Reparationen belief sich auf fünf Milliarden Goldfrancs!



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