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Der Geldwechsler: Münzgeschichte(n) aus Costa Rica

Als die tschechischen Reporter Jiří Hanselka und Miroslav Zigmund im April 1950 nach Costa Rica kamen, übernachteten sie in der Grenzstadt Golfito. Der Vermieter ihres Zimmers war amüsiert: „Wie kommen Sie auf solch einen Einfall, eine Bank! In diesem Nest? Was wollen Sie dort überhaupt?“ (Mittelamerika: Zwischen zwei Ozeanen, Berlin 1959, S. 107) Die Reporter sagten, sie benötigten Geld in der Landeswährung Colon. „Dafür brauchen Sie doch keine Bank“, erwiderte der Mann. „Gehen Sie auf den Markt, dort können Sie sich einen Geldwechsler aussuchen. Nur lassen Sie sich nicht übers Ohr hauen.“ (Ebenda) Der Wechsler, den sie fanden, wirkte nicht gerade Vertrauen erweckend: „Am Rande der staubigen Straße hockte inmitten einer Schar von Neugierigen neben einem ausgeliehenen Stuhl ein zerlumpter Bursche und wühlte in einem Haufen Formularen und Banknoten. Von Zeit zu Zeit griff er in die Tasche und klimperte mit Münzen, sie mochten wohl zwei Kilo wiegen, dann blickte er wieder prüfend umher.“ (Ebenda, S. 108) Mit einem gekünstelten Lächeln fragte er, ob die beiden Tschechen kaufen, verkaufen oder wechseln wollten. Dabei klopfte er auf die rechte Tasche, in der es vielversprechend klimperte. Mit allen Tricks feilschte er um den Kurs. Nicht mehr als siebeneinhalb Colones konnten die Reporter nach einer langen Debatte für einen Dollar aushandeln. Endlich blätterte der Bursche ihnen hundertfünfzig Colones hin. Ein benachbarter Verkäufer von Lotterielosen raunte den Journalisten zu: „Der hat’s hinter den Ohren. In einem Jahr kann er sich in Puntarenas eine Bank kaufen.“ (Ebenda)

Die tschechischen Reporter Jiří Hanselka und Miroslav Zigmund, die ab 1947 einmal um die Welt reisten und dabei durch 80 Länder kamen. [Bildquelle: Museumsarchiv Zlín]

Am 15. September 1821 war das lateinamerikanische Costa Rica von der Kolonialmacht Spanien unabhängig geworden. Von 1823 bis 1840 war es Teil der Zentralamerikanischen Föderation, einem Staatenbund, zu dem auch Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua gehörten. Die ersten Münzen des Staates wurden unter dem Namen dieser Föderation hergestellt. Die Prägungen erfolgten als goldene Escudos und silberne Reales, also nach spanischem Vorbild. Obwohl die Föderation 1839 auseinanderbrach, wurde die Prägung der entsprechenden Münzen bis 1850 in Costa Rica fortgesetzt. Es herrschte jedoch eklatanter Bargeldmangel: „Infolge des bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschenden Mangels an Münzen der verschiedenen Wertstufen wurden fremde Sorten mit verschiedenartigen Gegenstempeln versehen und in Umlauf gesetzt. Aushilfsausgaben Costa Ricas sind am Gegenstempel mit dem sechsstrahligen Stern, dem Vulkanemblem, dem Kapokbaum oder einem nach links schreitenden Löwen zu erkennen.“ (Günter Schön, Jean-Francois Cartier: Weltmünzkatalog – 19. Jahrhundert, Augsburg 1990, S. 168) Bis in die 1850er Jahre wurden sogar Kakaobohnen als Tauschmittel verwendet. Im Jahre 1864 nahm Costa Rica das Dezimalsystem an. Ein Peso wurde nun in 100 Centavos geteilt. Ein Jahr später gab es den Versuch, zur Doppelwährung der Lateinischen Münzunion zu wechseln. In fünf Wertstufen erschienen Goldmünzen. Silber wurde von fünf Centavos bis 50 Centavos ausgeprägt. Die kleinsten Wertstufen kamen als Kupfer-Nickel-Münzen heraus. Geprägt wurden die Münzen in der Prägestätte von San José. Vereinzelt gingen die Prägeaufträge auch ins Ausland.

8 Escudos (Zentralamerikanische Föderation, Münzstätte San José, 1828, 875er Gold, 29 Gramm, 36 mm). [Bildquelle: Heritage World Coin Auctions, NYINC Signature Sale 3081, Lot 32124]

Infolge des sinkenden Silberpreises war dieser Doppelwährung mit einem festen Wertverhältnis zwischen den beiden Edelmetallen aber kein Erfolg beschieden. Die passive Handelsbilanz führte überdies dazu, dass große Mengen an Papiergeld ausgegeben werden mussten. Mit dem Währungsgesetz von 1896 und dem Bankengesetz von 1900 sollten die Probleme gelöst werden. Costa Rica führte den Goldstandard ein. Die New York Times meldete: „Goldstandard in Costa Rica: Silber nur noch offizielles Zahlungsmittel bis zu zehn Dollar“ (New York Times, 16.07.1900, S. 1) Die neuen Goldmünzen von zwei bis zu 20 Colones zeigen auf einer Seite ein Porträt von Christoph Kolumbus, der das Land im Jahre 1502 entdeckte und nach dem die Währungseinheit benannt ist. Colon ist nämlich die spanische Schreibweise von Kolumbus. Auf der anderen Seite prangt das Hoheitszeichen des Landes: „Unter fünf Sternen, die in einem sanften Bogen angeordnet sind, breitet sich die Wasserfläche zweier Ozeane, die durch die Vulkane voneinander getrennt sind. […] Auf dem Wappen ragen drei Bergkegel zu den Sternen empor, drei abgerundete und ohne Zweifel endgültig verschlossene Hügel. Kein Krater, keine Lava, weder Feuer noch Schwefel. Im Hintergrund gleitet eine Karavelle vorüber, und die Sonne steigt aus dem Meer empor. Vorn ist eine Dreimastbark unter vollen Segeln zu sehen. Nur die costa rica, die reiche Küste, fehlt im Wappen. Vielleicht war es jene Karavelle, die den ersten Europäer, den berühmten Entdecker, Christoph Kolumbus, an die reiche Küste trug. Ein Sturm hatte ihn auf seiner letzten Reise an die costa rica getrieben.“ (Mittelamerika: Zwischen zwei Ozeanen, S. 122) Silber wurde nur in drei Wertstufen von fünf bis 50 Céntimos ausgeprägt. Die kleinste Münze waren zwei Céntimos aus Kupfer-Nickel.

20 Colones (Costa Rica, 1897, Münzstätte Philadelphia, 900er Gold, 15,6 Gramm, 27 mm). [Bildquelle: Wikimedia, National Museum of American History]

Wegen der Auswirkungen des Ersten Weltkrieges wurde am 18. September 1914 der Tausch von Banknoten in Goldmünzen eingestellt. Der Einbruch der Kaffee- und Bananenexporte belastete den ohnehin defizitären Staatshaushalt. So wurden ab 1918 neben den Banknoten, die durch Edelmetallreserven gedeckt waren, ungedeckte Banknoten ausgegeben. Nach Kriegsende gelang eine Stabilisierung, die auf der Basis eines Gold-Devisen-Standards erfolgte: „Die erste geldpolitische Maßnahme war die Gründung des Currency Board (Oktober 1922), das die Prinzipien des neuen Reservesystems auf Basis des US-Dollars anwandte. Damit gelang es, den Wechselkurs nach und nach auf einen Preis von vier Colon pro Dollar zu bringen, der bis 1931 als einheitlicher Kurs beibehalten wurde. Eine zweite Maßnahme aus dem Jahr 1921 bestand darin, die Rücknahme alter Banknotenausgaben ohne Deckung aus dem Umlauf vorzunehmen, was um 1925 erreicht wurde.“ (Jorge León: Vista de Nueva Historia Monetaria de Costa Rica, auf: revistas.ucr.ac.cr) Im Zuge der Abwertung erhielten alte Silbermünzen im Jahre 1923 einen Gegenstempel, der ihnen nunmehr den doppelten Wert zuerkannte. Goldmünzen mit einem Nennwert von zwei Colones wurden letztmalig 1928 geprägt. Die Weltwirtschaftskrise setzte Costa Rica stark zu. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte brachen ein. Der Gold-Devisen-Standard musste aufgegeben, die Währung deutlich abgewertet werden. Die Münzprägung wurde auf Kupfer-Nickel umgestellt.

2 Colones (1948, Kupfer-Nickel, Münzstätte London, 15 Gramm, 23 mm). [Bildquelle: Numismatic Guaranty Corporation]

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