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Antike: Was haben die nachfolgenden Münzen gemeinsam?

Dem Diadochen und Begründer des Seleukidenreiches, Seleukos I. Nikator (Satrap 320–315 u. 312/11–305 v. Chr.; König 305/04–281 v. Chr.), war es im Oktober 312 v. Chr. unter Ausnutzung des Überraschungsmoments gelungen, mit einer kleinen Schar Getreuer durch gegnerisches Gebiet bis nach Babylonien vorzustoßen und seine alte Satrapie erneut in Besitz zu nehmen. Doch blieb seine Position auch hiernach weiterhin gefährdet, zumal Babylonien im Westen wie im Osten von Satrapien umgeben waren, die der Herrschaft des Antigonos Monophthalmos unterstanden. Allerdings gelang es Seleukos zwischen 311 und 305/304 v. Chr. im Osten in die Offensive zu gehen und den gesamten Iran mit Baktrien und der Sogdiane teils durch Krieg oder dessen Androhung und teils durch Diplomatie seinem „Reich“ einzuverleiben.

Abb. 1: Seleukidenreich. König Seleukos I. Nikator (305/304–281 v. Chr.). Tetradrachmon (um 295 v. Chr.), Silber, 17,16 g, Ø [Höhe, Vs.] 26,15 mm, Münzstätte Ekbatana. Rarität nach Houghton = R2. Bildquelle: F. R. Künker, Lagerliste 138 (31. März 1998), Nr. 22.

Auch in Indien konnte er große Erfolge verbuchen. Hier schaffte er es, nach einem Einmarsch in den Pandschab (das Fünfstromland) und das Indusgebiet mit Tschandragupta Maurya (griechisch „Sandrokottos“), dem Herrscher des inzwischen sehr viel größeren und mächtigeren Indien, einen für beide Seiten erfolgreichen Vertrag abzuschließen. Diesem zufolge verzichtete Seleukos „auf jede direkte Herrschaft im Pandschab und Indusgebiet bis an das iranisch-indische Grenzgebirge von Belutschistan hinein und damit auf die Einfallstore nach Indien vom Iran aus, sicherte sich dafür aber den Zugang zu Baktrien und der Sogdiane vom südöstlichen Iran her.“ (1) Zudem erhielt Seleukos von Tschandragupta 500 Kriegselefanten, welche die Kampfkraft seiner Armee beträchtlich verstärkten. Mit Hilfe dieser Elefanten und dem Beistand der Satrapen Ptolemaios I., Lysimachos und Kassandros gelang es Seleukos dann 301 v. Chr. seinen großen Gegenspieler Antigonos und dessen Sohn Demetrios Poliorketes in der Schlacht von Ipsos zu schlagen und sein Reich auf Kosten der Verlierer beträchtlich zu erweitern.


Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Seleukos aber erst gut 40 Jahre später. Zur Entscheidungsschlacht zwischen ihm und Lysimachos kam es im Februar 281 v. Chr. auf dem Kyros-Feld (Kuru pedion) westlich von Sardeis, am Fluß Phrygios in Lydien. In dieser verlor der beinahe 80-jährige Lysimachos sowohl Reich als auch Leben. Sieger der Schlacht war der nur fünf Jahre jüngere König Seleukos, dem nun nahezu das gesamte ehemalige Alexanderreich gehörte. Doch als sich Seleukos im August/September desselben Jahres der von Lysimachos 309 v. Chr. geründeten Hauptstadt Lysimacheia näherte, um von dort aus auch den europäischen Teil seines Reiches in Besitz zu nehmen, da traf ihn der Speer des Ptolemaios Keraunos tödlich.


Während seiner ersten Amtszeit als Satrap (320-315 v. Chr.) emittierte Seleukos seine Münzen noch im Namen Philippos´ III. Arrhidaios und ging erst mit Beginn seiner zweiten Amtszeit (312/311 v. Chr.) dazu über, die Reichsmünzen im Namen Alexanders auszubringen. Welcher Alexander damit gemeint ist, darüber geben die Münzen selbst keine Auskunft. Rein juristisch gesehen, war Alexandros IV. König und somit auch Prägeherr im ganzen Reichsgebiet. In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten Diadochen in diesen Jahren ihre Herrschaft mit Hilfe des vergöttlichten Alexander zu legitimieren suchten, ist es jedoch sehr viel wahrscheinlicher, dass mit dem Namen ΑΛΕΞΑΝΔΡΟΥ, der sich als Aufschrift auf den Münzen findet, Alexander der Große und nicht sein Sohn Alexandros IV. gemeint ist, der ohnehin nur eine Marionette der jeweils amtierenden Reichsverweser war und den viele Makedonen wegen seiner baktrischen Mutter Rhoxane auch nur zähneknirschend als den rechtmäßigen König akzeptiert hatten.

Nachdem man die Alexander-Tetradrachmen in der Münzstätte Ekbatana (in Medien) zwischen 311 und 295 v. Chr. aber stets nur im Namen Alexanders emittiert hatte, (Abb. 1) prägte man im Jahre 295 v. Chr. erstmals auch Alexander-Tetradrachmen und Drachmen im Namen des Seleukos. Anders als auf den bis dahin ausgebrachten Münzen, zeigte sich auf den Rückseiten der neuen an Stelle des Zeus ein Reiter, der einen mit Stierhörnern und Stierohren geschmückten Helm trug (Abb. 2.1 und 2.2).

Abb. 2.1: Seleukidenreich. König Seleukos I. Nikator (305/304–281 v. Chr.). Tetradrachmon (um 295 v. Chr.), Silber, 17,07 g, Ø [Höhe, Vs.] 25,7 mm, Münzstätte Ekbatana. Rarität nach Houghton = R2–R3. Bildquelle: Nomos AG, Auktion 1 (6. Mai 2009), Los 119.

Abb. 2.2: Seleukidenreich. König Seleukos I. Nikator (305/304–281 v. Chr.). Drachme (um 295 v. Chr.), Silber, 4,26 g, Ø [Höhe, Vs.] 16,5 mm, Münzstätte Ekbatana. Rarität nach Houghton = R3. Bildquelle: Numismatik Lanz, Auktion 102 (28. Mai 2001), Los 289.


Während Numismatiker noch um 1999 dieses Bild als eine idealisierte Darstellung Alexanders des Großen auf seinem Pferd Bukephalos („Rinderschädel“) verstanden wissen wollten, sieht die jüngste Forschung hierin einen „dionysischen Reiter“, der entweder für Seleukos steht oder aber neutraler betrachtet, als ein Heros angesehen werden sollte, der Dionysos, Alexander und Seleukos in ihren Rollen als Eroberer des Orients angleicht. „On balance, it seems preferable to identify the Dionysiac type with Seleucus, or to describe it neutrally as a heroic figure assimilating Dionysus, Alexander, and Seleucus in their roles as conquerors of the Orient“ (2). Da mit einer solchen Münzrückseite ganz offensichtlich der indisch-orientalischen Eroberungen des Seleukos gedacht werden sollte, die sich in jenem Jahr zum 10. Mal jährten, kann man diese Münzen getrost als echte Gedenkmünzen bezeichnen – zumal man danach, d. h. von 295-280 v. Chr. wieder zur Ausprägung der regulären Alexander-Tetradrachmen und Drachmen überging, jetzt allerdings auch hier im Namen des Seleukos. (Abb. 3)


Abb. 3: Seleukidenreich. König Seleukos I. Nikator (305/304–281 v. Chr.). Tetradrachmon (um 295 v. Chr.), Silber, 17,20 g, Ø 27 mm, Münzstätte Ekbatana. Rarität nach Houghton = R2. Bildquelle: Numismatik Naumann, Auktion 102 (2. Mai 2021), Los 354.


Die Frage, was die abgebildeten Münzen gemeinsam haben, scheint auf den ersten Blick einfach beantwortbar. Zum einen sind sie alle Prägungen von König Seleukos I. Nikator, zum anderen weisen sie alle vorderseitig den Kopf des jugendlichen Herakles im Skalp des Nemeischen Löwen auf und zum dritten stammen sie alle aus der Münzstätte Ekbatana. Eine Gemeinsamkeit, die allerdings nicht sofort ins Auge fällt, sind die Buchstaben und Monogramme, die sie tragen. So zeigen alle Münzen rückseitig zwei identisch ausschauende Monogramme sowie die Buchstaben Σ Ω. Aber ist diese Gemeinsamkeit wichtig und falls ja, warum? Nun, vergegenwärtigt man sich, dass die erwähnten Monogramme und Buchstaben Kontrollmarken der Münzstätte Ekbatana sind, die etwas über die für die Prägung Verantwortlichen aussagen, dann wird klar, diese Münzen wurden allesamt in dem Jahr hergestellt, in dem die Verantwortung in Ekbatana bei derselben Person bzw. denselben Personen lag. Da zwei der Münzen, nämlich die aus Abb. 2.1 und die aus Abb. 2.2 Gedenkprägungen sind, die zum zehnjährigen Jubiläum der indisch-orientalischen Eroberung (295 v. Chr.) verausgabt wurden, lassen sich auch die aus Abb. 1 und Abb. 3 auf genau denselben Zeitpunkt datieren. Weil Seleukos aber zunächst im Namen Alexanders des Großen und dann erst im eigenen Namen prägen ließ, wird klar, dass die rückseitige Stempelfolge exakt in der Reihenfolge der obigen Abbildungen verlief. D. h. das Tetradrachmon im Namen Alexanders wurde zuerst geprägt, dann die Gedenkmünzen und zum Schluss wieder das Tetradrachmon vom Typ Alexanders, diesmal aber im Namen des Seleukos.


Übrigens, die grasende Pferdeprotome im linken Münzfeld der Alexandertetrachmen aus Abb. 1 und 3 verweisen die Münzen nach Ekbatana. Der horizontal liegende Anker über dem Pferd weist sie Seleukos I. Nikator zu, da dieser nach seiner Flucht von Babylon nach Alexandria (315 v. Chr.) von Ptolemaios I. Soter zum Kommandanten seiner Flotte ernannt wurde. Damit war der Anker das persönliche Abzeichen Seleukos´ I.


Fazit: Monogramme, Buchstaben und Beizeichen sollten stets genau beachtet werden, da sie wichtige Informationen bezüglich Münzstätten, Verwaltungsbeamten und Prägezeitraum in Form von Kontrollmarken verschlüsseln.


Michael Kurt Sonntag


Raritätsangaben für Gold- und Silbermünzen nach Arthur Houghton

C = häufig (ab 200 Ex. aufwärts)

S = selten (60–200 Ex.)

R1 = rar (25–60 Ex.)

R2 = sehr rar (2–25 Ex.)

R3 = extrem rar (1–2 Ex.)


Anmerkungen

(1) Andreas Mehl: Seleukos I., in: Kai Brodersen (Hrsg.): Große Gestalten der griechischen Antike, München 1999, S. 455. (2) Houghton/Lorber: Seleucid Coins, Part I., Lancaster/London 2002, S. 7.

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