• Dietmar Kreutzer

Eine Million Doppelkronen: Die Karriere des Lorenz Adlon


Das Hotel Adlon Unter den Linden am Pariser Platz in Berlin, 1926. Bildquelle: Bundesarchiv, Bild 102-13848F/ CC-BY-SA 3.0.

Der sechste Sohn eines Schuhmachers kam 1849 in Mainz zur Welt. Zunächst lernte er Tischler. Mit der Ausstattung eines Vereinsfestes verdiente er sich die ersten Sporen. Seitdem beobachtete er voller Bewunderung die noblen Gäste im Holländischen Hof, dem ersten Haus in seiner Heimatstadt. Während des Deutsch-Französischen Krieges begeisterte sich der junge Mann für die französische Lebensart. Als Pächter des Hauptrestaurants auf der Weltausstellung in Amsterdam verdiente er die ersten 100.000 Gulden. Unter seiner Leitung wurde das Restaurant Hiller in Berlin zum vornehmsten Restaurant in Deutschlands. Der Durchbruch kam mit der Eröffnung des Zoologischen Gartens. Zum ersten Mal bekam man in Berlin exquisite französische Küche mit sechs oder sieben Gängen vorgesetzt! Sechzigtausend Mark kamen an einem durchschnittlichen Abend im Sommer in die Kasse der Zoo-Terrassen. Die Kassiererin, die mit Lorenz Adlon jeden Tag die Kasse abrechnete, traf die Schwiegertochter des Gründers auch nach dem Zweiten Weltkrieg regelmäßig. Unter dem Eindruck der Treffen notierte sie: „Für mich ist es immer wieder ergreifend zu hören, wenn sie klagte, dass es so anstrengend gewesen sei, die schweren Säckchen mit Gold vom Tisch zu heben und in den Safe zu transportieren. Denn die Gesellschaft von damals zahlte in Goldstücken.“ (Hedda Adlon, Hotel Adlon, München 1994, S. 18).

Lorenz Adlon mit Kaiser Wilhelm II. in der TV-Produktion „Hotel Adlon“ (Deutschland 2013). Bildquelle: ZDF.

Die Eröffnung von Deutschlands bestem Hotel wurde zu einem Kraftakt für Lorenz Adlon. Eine Million Doppelkronen, also 20 Millionen Mark, kostete das Haus. Seine Schwiegertochter Hedda wies später immer wieder auf die Schwindel erregende Höhe des Betrages hin: „Es waren ja Goldmark, und für ein Zwanzigmarkstück, kaum größer als ein heutiger Groschen, konnte man, wie die Berliner so treffend sagten: ,die Puppen tanzen lassen‘.“ (Ebenda, S. 11). Die Lobby der Berliner Hoteliers versuchte die unliebsame Konkurrenz mit allen Mitteln auszuschalten.

Erst mit Unterstützung des Kaisers gelang es Lorenz Adlon schließlich, das Geld für den Neubau zusammenzubringen.

Eine Doppelkrone als Mindestpreis pro Nacht im Doppelzimmer mit Bad. Bildquelle: Numista, Heritage Auctions.

Mindestens 20 Mark kostete ein Doppelzimmer mit Bad im Eröffnungsjahr 1907. Einzelzimmer mit Waschgelegenheit für mitreisende Diener gab es ab sechs Mark. Die Preise für einen edlen Wein im Restaurant begannen bei drei Mark – für einen frischen Riesling aus dem Rheingau. Das Investment lohnte sich jedoch. Jeder, der auf sich hielt, wollte im Adlon logieren!

Anlässlich der Hochzeit des Herzogs von Braunschweig mit der Tochter des Deutschen Kaisers bezog auch Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein am 21. Mai 1913 ein Apartment. Der Herzog war wie immer in Geldnot. Noch nicht richtig angekommen, pumpte er bereits den Hoteldirektor an: „Lieber Herr Adlon, könnte ich sofort einen Wagen haben“, sagte er. „Ich meine eine gewöhnliche Autodroschke. Und dann, könnten Sie mir für einen Augenblick fünfhundert Mark geben, bitte?“ (Ebenda, S. 35). Lorenz Adlon eilte zu seinem Büro, holte fünf Banknoten zu jeweils hundert Mark und steckte sie dem Herzog unauffällig zu. Die Autodroschke wartete bereits. Erst einige Wochen später erhielt er das Geld in einem Umschlag zurück.

Drei Mark als Anfangspreis für einen frischen Riesling aus dem Rheinland. Bildquelle: Numista, Heritage Auctions.

Die Episode zeigt, dass größere Geldbeträge in den letzten Jahren vor dem ersten Weltkrieg nicht mehr wie selbstverständlich in Gold ausgeglichen würden. Für Beträge bis zum Nennwert von 100 Mark herunter gab es inzwischen Banknoten. Ein Grund für den zunehmenden Notenumlauf war die in wirtschaftlich schwierigen Zeiten abschmelzende Goldreserve des Staates. Um die gesetzliche Deckung der umlaufenden Geldmittel durch die festgelegte Menge an Gold zu abzusichern, gab die Reichsbank in zunehmendem Maße Banknoten heraus: „Nachdem im Jahre 1905 die Goldreserven der Reichsbank innerhalb von sieben Monaten um 40 Prozent zurückgegangen waren, erhielt die Notenbank 1906 das Recht, auch Noten im Wert von 50 und 20 Mark auszugeben. Während man die längere Verweildauer der kleinen Noten im Verkehr früher als Gefahr angesehen hatte, betrachtete man dies jetzt mehrheitlich als Vorteil.“ (Währung und Wirtschaft in Deutschland 1876-1975, Frankfurt/Main 1976, S. 50). Aus der Angst vor Inflation heraus wurde das Kontingent kleiner Noten zunächst auf 300 Millionen Mark begrenzt. Im Jahr 1913 wurde das Limit jedoch aufgehoben: „Inzwischen drängte die Reichsbank ihre Noten dem Verkehr förmlich auf und fand darin Unterstützung bei öffentlichen Kassen und großen Unternehmen. Mehr und mehr gelangten nun Banknoten auch in den Einkommenskreislauf.“ (Ebenda).

Während der Friedenszeit stellte sich die befürchtete Inflation nicht ein. Erst im Gefolge des Ersten Weltkrieges begann sie zu grassieren. Auch im Adlon kletterten die Preise. Täglich mussten die Preise in den Speisekarten verändert werden. Mit einem Geldschein, der am Abend noch für ein ganzes Menü reichte, konnte man am nächsten Morgen oft nur noch eine Tasse Kaffee bezahlen. Auf dem Höhepunkt der Inflation im Jahr 1923 kehrte der Schriftsteller Fedor von Zobeltitz aus Amerika zurück. In der Adlon-Bar bestellte er ein Glas Bier. Der Kellner sagte schlicht und einfach: „Dreifünfzig.“ Zobeltitz schaute ihn irritiert an, fragte erneut und fügte hinzu: „Ich komme soeben aus Amerika …!“ Der Kellner entschuldigte sich daraufhin: „Richtig, Herr Baron, dreifünfzig, das bedeutet jetzt 3.500.000 Mark!“ (Hedda Adlon, S. 164). Der einzige wirkliche Anker im Strudel der Billionen war der in Gold konvertierbare Dollar. Zur besseren Orientierung erhielten die Kassierer der größeren Betriebe „Schlüsselzahlen“ zugeordnet: „Diese Schlüsselzahlen richteten sich nach dem Tageskurs des Dollars. In umfangreichen Tabellen waren sie in Beziehung zur Mark gesetzt, und alle Kassierer mussten mit diesen Tabellen in der Hand den täglichen Preis neu ausrechnen.“ (Ebenda, S. 165). Lorenz Adlon musste den Sturz der Mark allerdings nicht mehr miterleben. Er starb am 27. April 1921 an den Folgen eines Autounfalls.