• Guy Franquinet

Das Geld von Litzmannstadt 1942-1943


Liebe Sammlerinnen und Sammler,

nun ist es 75 Jahre her, dass das Getto* Litzmannstadt geschlossen bzw. befreit wurde. Wie es möglich war, dass unter den dort herrschenden menschenfeindlichen Umständen trotzdem Hoffnungen bewahrt und gehegt werden konnten, davon erzählt das Geld bzw. die Münzen von Litzmannstadt.

Viele Menschen haben zwar oft von Gettos gehört aber wissen nicht, dass es auf dem Staatsgebiet des nationalsozialistischen Deutschlands nur ein Getto gab. Das war das Getto Litzmannstadt, das heutige Lodz, was viele Menschen vom Lied „Wir fahren nach Lodz“ kennen. Kaum jemand weiß jedoch, dass sich in Litzmannstadt, damals die Hauptstadt des Warthegaus und Teil des Deutschen Reiches, einer der interessantesten und außergewöhnlichsten Vorgänge in der deutschen Geldgeschichte abgespielt hat.

Am 8. September 1939 wurde die polnische Stadt eingenommen und als Hauptstadt des Warthegaus in das Deutsche Reich eingegliedert. Die Stadt wurde damals von über 300.000 Polen, 233.000 Juden und 60.000 Deutschen bewohnt. Über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung bestand keine Klarheit und so wurden sie in ein Stadtviertel – nördlich des Stadtzentrums – zusammengebracht, woraus schließlich ein abgeschottetes Getto entstand.

Diese hermetische Abriegelung fand am 10. Mai 1940 statt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich ca. 160.000 Bürger darin. Es gab noch keine „offiziellen“ Planungen, aus diesem Getto die größte „Deutsche Werkstätte“ zu machen, man wollte die Bewohner ausgrenzen, um sie unter Kontrolle zu haben. Im Getto selbst wurde alles Mögliche zentralisiert u.a. die Lebensmittelversorgung. Durch diese Lebensmittelzentralisierung flossen beispielsweise die bis dahin gültigen Zahlungsmittel über die jüdische Gettoverwaltung in die Hände der Machthaber.

In einer Niederschrift des Rechnungshofes heißt es: „Die gesamte Arbeitsorganisation der Ernährungs- und Wirtschaftsstelle Getto ist auf dem Gedanken aufgebaut, den Unterhalt der im Getto untergebrachten Juden aus Vermögenswerte zu bestreiten, die die einzelne Insassen des Gettos noch im Besitz haben, und die brachliegende Arbeitskräfte, soweit dies irgend möglich ist, in den Arbeitsprozess einzuschalten.“

Als dann am 8. Juli 1940 die Reichsmark außer Kraft gesetzt wurde, hatten die Behörden des Naziregimes endlich die Macht, den Menschen ihr ganzes Geld abzunehmen, denn die Reichsmark wurde nicht nur außer Kraft gesetzt, sondern auch ihr Besitz wurde unter strengster Strafe gesetzt.

Zunächst wurde Papiergeld als Ersatz für die Reichsmark eingeführt, 1942 Kleinmünzen im Wert von 10 Pfennig.

10 Pfennig, 1942, 1. Typ, ohne „Pfennig“-Angabe. Bildquelle: Guy M. Y. Ph. Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S. 62, Nr. 10.

10 Pfennig, 1942, 2. Typ, mit „Pfennig“-Angabe. Bildquelle: Guy M. Y. Ph. Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S. 62, Nr. 10.

Ab 1943 prägte man 5-Mark-Stücke in einer Magnesium-Legierung und in Aluminium, sowie 20-Mark-Stücke in Aluminium. Magnesium ist ein sehr schwieriges Münzmaterial, aber die Gettobewohner schafften es trotzdem ganz ordentliche Münzen damit zu fabrizieren.

5 Mark, 1943, Elektron (Magnesium-Legierung). Bildquelle: Guy Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S. 64, Nr. 1.

5 Mark, 1943, Aluminium. Bildquelle: Guy Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S. 64, Nr. 2.

10 Mark, 1943, Magnesium-Legierung. Bildquelle: Guy Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S.65, Nr. 1.

10 Mark, 1943, Aluminium. Bildquelle: Guy Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S. 65, Nr. 2.

20 Mark, 1943, Aluminium. Bildquelle: Guy Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S.66.

Der von den Deutschen favorisierte und bis heute umstrittene „Judenälteste“ Mordechai Rumkowski bekam den Auftrag eine jüdische Gettoverwaltung aufzubauen. Seine Idee war es, dafür zu sorgen, dass die Gettobewohner für die Deutschen unverzichtbar würden, um auf dieser Weise deren Überleben zu sichern bzw. wahrscheinlicher zu machen. Nach außen hin wurde das System Getto Litzmannstadt als Beweis dafür hergehalten, dass die Gettobewohner eine komplett „eigene“ Verwaltung hätten.

„Gerichtsverhandlung“ unter Vorsitz von Rumkowski. Bildquelle: Guy M. Y. Ph. Franquinet, Peter Hammer, Hartmut Schoenawa, Lothar Schoenawa, Litzmannstadt. … ein Kapitel deutscher Geldgeschichte, Crailsheim 1994, S. 22.

So gibt es z.B. ein Bild vom Ältesten der Juden Rumkowski im Gericht; Recht wurde also in seinem Namen gesprochen. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt befanden sich im Getto u. a. Krankenhäuser, Theater, ein Gefängnis und es wurden etwa Ausstellungen und Lotterien veranstaltet. Mit der Umwandlung des Gettos in ein Arbeitslager im Jahr 1942 wurden die vorhandenen Schulen geschlossen – im selben Jahr erfolgten die Kindertransporte nach Kulmhof (Chelmno).

Prägeprozess der Münzen unter Aufsicht. Bildquelle: Guy Franquinet.

Tatsächlich zeigen Briefe aus dem Getto, die in die ganze Welt, aber vor allem auch in die USA gingen, dass die Gettobewohner einen gewissen Stolz auf ihren Wohnort und auch auf das Geld hatten. In vielen Briefen in die USA befanden sich Geldscheine bzw. Münzen aus dem Getto. In Wirklichkeit war das System Getto Litzmannstadt aber eine Täuschung, mit der die Besatzer vorgaukeln wollten, dass die jüdischen Bewohner eine „Selbstverwaltung“ unterhielten.

Die 5 Mark Münzen aus Magnesium, sind fast alle verloren gegangen. Da Magnesium brennbar ist, ist davon auszugehen, dass sie im letzten strengen Winter des Gettos, als einige hundert Bewohner dort zurückblieben, zum Wärmen verwendet wurden. Diese zurückgebliebenen Getto-Bewohner wurden nach der Liquidierung des Gettos ab 1944 für „Aufräumarbeiten“ eingesetzt, konnten sich aber vor ihrer eigenen Erschießung verstecken bis sie die Russen am 19. Januar 1945 befreiten. Neben der Verschleppung zur weiteren Zwangsarbeit in andere Lager bzw. Nebenlanger, wurde die Mehrheit der noch im Getto eingesperrten Juden nach Kulmhof (Chelmno) und Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie, wie auch Rumkowski, ermordet wurden.

Die Finanzabteilung beim Zählen von Gettogeld. Bildquelle: Guy Franquinet.

Die Münzen im Getto, das sich auf deutschem Staatsgebiet befand, waren dort zum damaligen Zeitpunkt das einzige gültige Zahlungsmittel, was sie somit zu deutschen Münzen macht. Sie ermöglichten einen wirtschaftlichen Ablauf der damaligen Umstände und jedes einzelne Stück ist ein höchst wertvolles Zeitdokument. Es gibt keinen besseren Verwahrungsort für dieses Zahlungsmittels als die Hände einer Sammlerin oder eines Sammlers.

*Die Autoren des Buches wählten diese Schreibweise des Wortes.