• Michael Kurt Sonntag

Der tragische Gründerheros Kyzikos


Die an der Südküste der Propontis auf der Landenge der Halbinsel Arktonnesos gelegene Hafenstadt Kyzikos wurde um 675 v. Chr. von Griechen aus Milet gegründet. Der antiken griechischen Mythologie zufolge waren es jedoch nicht die Milesier, sondern Kyzikos, der König der aus Thessalien stammenden Dolionen, der diese Polis gründete und ihr seinen Namen gab. Da sich dieser mythische Gründerheros bei den Einwohnern von Kyzikos großer Beliebtheit erfreute, widmeten sie ihm im 5. Jh. v. Chr. auch einen Elektronstater. Dieser zeigt auf seiner Vorderseite den König Kyzikos‘ als nach rechts galoppierenden Reiter im kurzen Chiton mit Chlamys um die Schultern und Petasos auf dem Haupt. Die Rückseite ziert ein viergeteiltes Quadratum incusum.

Kyzikos (Mysien), Stater (um 460-400 v. Chr.), Elektron, 16,07 g, Ø [Höhe] Vs. 21 mm. Bildquelle: Numismatik Lanz, Auktion 159 (8. Dezember 2014), Los 216.

Doch so heroisch und angenehm dieser König auch war, die Götter beschieden ihm einen frühen tragischen Tod. Aus der Argonautensage des Apollonios Rhodios erfahren wir, dass Jason und seine Argonauten in Kyzikos landeten und dort von den Dolionen und ihrem jungen König gastlich aufgenommen wurden. „[Kyzikos] lud ... die Fremden zum Mahl und fühlte keine Besorgnis. Gegenseitig befragten sie nun einander, er forschte nach dem Zweck der Seefahrt und nach des Pelias Auftrag. Sie aber wollten die Städte und Umbewohner erkunden und den Busen der ganzen Propontis.“ (Apollonios Rhodios [Übers. Thassilo von Scheffer], Die Argonauten, Leipzig 1940, I,979 ff.). Nachdem die Argonauten dann die Umgebung erkundet und unter der Führung des Herakles auch gegen die Feinde der Dolionen, die von jenseits der Berge hereingeströmt waren, gekämpft und gesiegt hatten, lichteten sie die Anker und verließen Kyzikos. Doch obgleich ihr Schiff, die Argo, auch den ganzen Tag über gut gesegelt war, so warfen sie widrige Stürme in der Nacht wieder zurück an die Gestade von Kyzikos. Da keiner der Argonauten aber erkannte, dass dies erneut Kyzikos war und auch die Dolionen sie nicht wiedererkannten, sondern annahmen sie wären pelasgisches Kriegsvolk, kam es noch während der Nacht zu einem heftigen und folgenschweren Kampf zwischen ihnen. „... so raste wildes Getümmel und entsetzlicher Lärm im Dolionischen Volke. Und so konnte auch Kyzikos nicht dem Schlachtenschicksal entgehen und nie wieder sein hochzeitliches Lager erreichen. Nein, als er sich Jason entgegenstellte, da traf ihn Mitten auf die Brust der stürmende Gegner, die Knochen splitterten um den Speer, da sank er nieder im Staube und erfüllte sein Schicksal.“ (ebenda, I,1028 ff.). Als beide Seiten am nächsten Morgen ihren Irrtum erkannten, „ergriff sie alle düstere Trauer. Und mit den Dolionen zusammen rauften sie selber klagend drei Tage ihr Haar. Dann aber zur Feier der Toten zogen drei Tage lang, gehüllt in eherne Waffen, sie um den Hügel des Grabes, und auf dem grasigen Felde wurde, der Sitte gemäß, der Wettkampf begonnen.“ (ebenda, I,1056 ff.). Kleite, die junge Gattin des Kyzikos, die nicht länger ohne diesen leben wollte, erhängte sich, woraufhin die Nymphen des Hains dermaßen in Tränen ausbrachen, dass daraus eine Quelle wurde, die man in der Folge nach ihr benannte.

Nun ist der Reiter auf diesem außerordentlich seltenen Elektronstater - hiervon sind weniger als ein halbes Dutzend Exemplare bekannt - auch schon als König Philippos II. von Makedonien interpretiert worden, doch lehnt die Fachwelt diese Interpretation heute weitgehend ab.