• Dietmar Kreutzer

Die große Währungsreform von Sultan Abdülmecid I.


Im 19. Jahrhundert stand das Osmanische Reich vor großen Umbrüchen. Der Kampf von Selim III. (R 1789-1807) gegen seine ausländischen Feinde sowie die Korruption und Vetternwirtschaft im Lande war nicht von Erfolg gekrönt. Im Jahr 1807 wurde er zur Abdankung gezwungen, im Folgejahr von seinem Nachfolger Mustafa IV. Bairaktar hingerichtet. Als ihn wenig später dasselbe Schicksal ereilte, bestieg sein jüngerer Stiefbruder Mahmud II. (R 1808-1839) den Thron.

Der osmanische Sultan Abdülmecid I. (1823-1861). Bildquelle: Wikimedia, Pera Museum.

Der zu diesem Zeitpunkt 24-jährige Sultan begann ein umfangreiches Reformwerk, das sein Sohn Abdulmecid I. (R 1839-1861) zunächst fortsetzte. Mithilfe seines Großwesirs Mustafa Mehmed Reschid Pascha entwickelte er das Gesetzeswerk Tanzimat, mit dem Verwaltung, Steuersystem, Gerichtsbarkeit, Schulwesen, Heer und Flotte im Sinne des Zentralstaates organisiert wurden.

Auch das Währungssystem sollte reformiert werden. Eine solche Reform war dringend überfällig. Seit mehr als 100 Jahren hatte es schließlich eine permanente Geldverschlechterung gegeben.

100 Piaster (Abdülmecid I., 1853-1854, 917er Gold, 7,2 Gramm). Bildquelle: Gökce Müzayede.

Das Gewicht des Piasters, der wichtigsten Silbermünze, war zwischen den Jahren 1719 und 1810 von 26 Gramm auf 4,65 Gramm gefallen. Auch der Silberanteil war immer weiter reduziert worden. Unter dem reformfreudigen Sultan Mahmud II. wurde es nicht besser. Im Gegenteil: „Die Herrschaft Mahmuds II. ist besonders durch die katastrophale Entwertung der gesamten Währung gekennzeichnet. Hielt zum Beispiel unter Selim III. der Jüzlük (100 Para) noch 465 Promille fein, so sank unter Mahmud II. der Feingehalt der Silberwährung bis auf 175 Promille herab. Ähnliches war auch im Münzgewicht geschehen. Der Kurus, der beim Regierungsantritt Mahmuds II. noch circa 13 Gramm gewogen hatte, war während seiner Herrschaft auf circa drei Gramm gesunken.“ (Anton C. Schaendlinger, Osmanische Numismatik - Von den Anfängen des Osmanischen Reiches bis zu seiner Auflösung 1922, Braunschweig 1973, S. 75).

20 Piaster (Abdülmecid I., 1846-1847, 830er Silber, 24,0 Gramm). Bildquelle: Bener Koleksiyon.

Die Entwertung der Goldmünzen ging weniger rasant vonstatten. Gewicht und Feingehalt sanken jedoch auch hier. Die traditionellen Goldmünzen (Findik, Zeri Mahbub) wurden nicht mehr ausgeprägt. Neue Münzen kamen in Umlauf: Rumi Altin, Sürre Altin, Adli Altin, Ayriye Altin und Mahmudiye. Mit ihnen wurde das Gewicht auf 1,6 Gramm reduziert, also auf die Hälfte eines traditionellen Findiks: „Die Entwertung des Goldes wurde in der Münze von Istanbul im Verlaufe von sieben Emissionen sieben verschiedener Münztypen durchgeführt. Die des Silbers in der Prägung von sechs Serien, die zeitlich oft sehr knapp einander folgten.“ (Ebenda, S. 75).

Die Vorbereitungen für die Währungsreform begannen im Jahr 1840. Die Reform selbst wurde dann im Jahr 1844 durchgeführt - nach französischem Vorbild. Eingeführt wurde ein bimetallisches System mit einem Wertverhältnis zwischen Gold und Silber von 1 zu 15,1. Das System basierte auf der Lira (Livre turque) zu 100 Piaster aus Gold und dem Medschidije zu 20 Piaster aus Silber. Geprägt wurden Goldmünzen zu 500, 250, 100, 50 und 25 Piaster. Die Standardmünze unter den Gold-Nominalen war nun die Lira, ein 100-Piaster-Stück. Die Nominalkette der Silbermünzen umfasste den vollwertigen Medschidije zu 20 Piaster, außerdem Teilstücke zu 10, 5, 2, 1 und ½ Piaster. Der Medschidije wurde in 40 Para aus Kupfer unterteilt.

40 Para (Abdülmecid I., 1857-1858, Kupfer, 21,2 Gramm). Bildquelle: Sikke Platformu.

Die Nominalkette dieser Scheidemünzen bestand aus Stücken zu 40, 20, 10 und 5 Para: „Geprägt wurde von französischen und englischen Münztechnikern in einer neuen, mit Dampfkraft betriebenen und mit englischen Maschinen ausgestatteten Münzstätte, die unterhalb des Topkapi-Palastes errichtet wurde. (…) Die neue stabile Währung stellte eine große Erleichterung für den internationalen Handel dar. Vor allem die ausländischen Handelshäuser machten glänzende Geschäfte. Denn dem Osmanischen Reich waren nun Kredite auf dem internationalen Finanzmarkt viel leichter zugänglich. Und dies war nicht nur positiv. Zwar gedieh der Handel, doch gleichzeitig wuchsen die Schulden, sodass sich das Osmanische Reich immer mehr in die Hände seiner Gläubiger begab.“ (Manfred Miller, Die Münzen des Osmanischen Reiches, Konstanz 2018, S. 623).

Der Widerstand gegen die Reformen von Abdülmecid I. war erheblich. Mit zunehmendem Alter resignierte der Sultan und zog sich ins Privatleben zurück: „Um seinen Reichtum genießen zu können, ließ er sich mit ungeheurem Aufwand am Ufer des Bosporus den neuen Palast Dolmabahce erbauen, während der alte große Serail in der Altstadt von Istanbul nur mehr Sitz der Regierung blieb. Sein Haushalt umfasste 5.000 Personen, seine Frauen vergeudeten unglaublich hohe Summen.“ (Georg Schreiber, Osmanisches Reich im 19. Jahrhundert - Kultur und Geschichte, in: Weltgeschichte, Band 10, Gütersloh 1990, S. 128). Zeitgleich nahmen die Unabhängigkeitsbestrebungen in vielen Landesteilen zu. Als Abdülmecid I. im Jahr 1861 starb, wurde sein Nachfolger Adülaziz (R 1861-1876) stürmisch begrüßt. „Aber bald verschleuderte er noch mehr Geld als der Vorgänger, kaufte Tafelgeschirr aus massivem Gold - und auch Lokomotiven, obwohl noch keine Gleise vorhanden waren.“ (Ebenda, S. 130). Im Jahr 1876 kam es zum Staatsbankrott. Abdülaziz musste abdanken. Sein psychisch labiler Stiefbruder Murad V. regierte nur drei Monate. Erst unter Abdülhamid II. (R 1876-1909) konnte sich das Reich noch einmal zeitweise konsolidieren.