• Dietmar Kreutzer

Der Untergang des Osmanischen Reiches


Schon die erste beiden Sätze in der Einleitung des lange Zeit einzigen deutschen Standardwerks zur osmanischen Münzkunde sprechen Bände: „Der Aufstieg des kleinen an Byzanz angrenzenden Fürstentums der Osmanen im westlichen Kleinasien zur Weltmacht ist einer der Prozesse der Weltgeschichte, dessen Auswirkungen das politische Geschehen im Morgen- und Abendlande über Jahrhunderte bestimmte. In weniger als zweihundert Jahren war es den Herrschern der Dynastie gelungen, aus einem Kleinfürstentum, in dem die ersten ihrer Familie über Nomaden und Halbnomade herrschten, ein Reich zu schaffen, dem sich kein anderes, weder im islamischen Osten noch im christlichen Westen, mit Erfolg entgegenstellen konnte.“ (Anton C. Schaendlinger, Osmanische Numismatik – Von den Anfängen des Osmanischen Reiches bis zu seiner Auflösung 1922, Braunschweig 1973, S. 1).

Der Niedergang dauerte mindestens ebenso lange, nämlich mehr als 200 Jahre. Er begann nach allgemeiner Auffassung mit dem erfolglosen Krieg von Mehmed IV. (1648-1687) gegen den Deutschen Kaiser: Im Jahr 1683 wurden die Türken vor Wien zurückgeschlagen. In den nun folgenden „Türkenkriegen“ setzten sich die Europäer durch. Im August 1717 besiegte Prinz Eugen ein zweifach überlegenes türkisches Heer bei Belgrad. Die Dynamik der Eroberungen aus der Anfangszeit war vorüber. Gab es keine Kriegsbeute mehr, wurden die Mängel im Regierungssystem der Osmanen schnell deutlich. Bis ins 19. Jahrhundert blieb das Osmanische Reich nach dem Vorbild eines mittelalterlichen Lehensstaates organisiert, in dem Ämter- und Stellenverkauf an der Tagesordnung waren. Misswirtschaft, Kleptokratie und Willkür blühten. Die Währung verfiel. Der Sultan, der sich in der Regel rücksichtslos aus der Staatskasse bediente, musste nun das Tafelgold und das Silber des Palastes in die Münze geben, um einen Staatbankrott zu vermeiden. Zur Zeit der Thronübernahme von Abdulhamid I. im Jahr 1774 waren die Kassen so leer, dass die üblichen Antrittsgeschenke des neuen Herrschers ausfallen mussten. Im 19. Jahrhundert überlebte das Reich nur dank der Rivalität der europäischen Großmächte. Der Zerfall war aber am Verlauf des Krimkrieges (1853-1856) und den Unabhängigkeitsbestrebungen der Völker auf dem Balkan klar ablesbar.

Sultan Abdülmecid I. (1839-1861) leitete erste Reformen ein. Einer der Schritte war die Gründung der Bank von Konstantinopel im Jahr 1840 sowie der Osmanischen Bank einige Jahre später. Bedeutung für das Währungssystem erlangte die Münzreform des Jahres 1844, die den Handel des Imperiums zukunftsfähig machen sollte. Doch die zaghaften Reformen vermochten den Niedergang nicht aufzuhalten. Vor allem der Einfluss der Briten hatte verheerende Auswirkungen. Die britische Vorherrschaft führte dazu, dass englische Waren die handwerklich gefertigten Produkte der Osmanen verdrängten. Betriebe schlossen, der Export ging zurück: „Die Lage des Reiches war in den siebziger Jahren katastrophal. Die Instabilität kann man daran messen, dass es zwischen 1871 und 1874 hoffnungslos verschuldet, wirtschaftlich den westeuropäischen Mächten – und den Gläubigern in London und Paris – auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Es musste sich zu einem radikalen Schritt entscheiden: Der Staatsbankrott wurde eingestanden, und die Pforte leistete im Oktober 1875 den Offenbarungseid. Dem Sultan selbst wurde noch mehr als seine – unbezweifelbare – Verantwortung für die Finanzmisere in die Schuhe geschoben. Abdulasis wurde am 30. Mai 1876, inmitten von innenpolitischen Wirren, welche auch mit der Auseinandersetzung zwischen Reformwilligen und Reformgegnern in Verbindung standen, zum Abdanken gezwungen. Am 4. Juni starb Abdulasis durch Mord oder durch Selbstmord, man weiß es nicht.“ (Ferenc Majoros, Bernd Rill, Das Osmanische Reich 1300-1922, Wiesbaden 2004, S. 340).

Sultan Abdülhamid II. im Jahr 1867. Bildquelle: Wikimedia, Bibliothèque Nationale.

Unter dem autokratischen Regime von Sultan Abdülhamid II. (1876-1909) schien sich das Reich auf niedrigem Niveau zu konsolidieren. Nach den Balkankriegen kamen jedoch die Jungtürken an die Macht. Mit dem Ersten Weltkrieg wurde der Vielvölkerstaat schließlich zu Grabe getragen. Im September 1922 entmachtete Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) den Sultan. Mit der Ausrufung der Republik am im Oktober 1923 war das legendäre Reich untergegangen. Der Niedergang der Währung in den letzten Jahrzehnten seiner Existenz war symptomatisch: Zunächst geriet das bimetallische System aus Gold- und Silbermünzen durch den Verfall des Silberpreises ab 1873 in eine Krise. Im Jahr 1880 wurde die freie Ausprägung des Silbers offiziell beendet.

Banknote von 1880 über ein türkisches Pfund. Bildquelle: Wikimedia, SALT online.

Damit war das Osmanische Reich faktisch zum Goldstandard übergangen. Das Wertverhältnis zwischen den Metallen veränderte sich nun permanent: „Dadurch geriet das Münzwesen in eine heillose Verwirrung, die letztlich bis zum Ersten Weltkrieg anhielt. Die staatlichen Kassen nahmen das Goldpfund zu 105,25 Piaster in Silber an; im gewöhnlichen Verkehr galt es in der Hauptstadt aber 108 Piaster (5,4 Medschidijes bzw. die entsprechende Summe anderer Silbermünzen). In den Provinzstätten bildeten sich andere Kurse, und dazu kam ein ständiger Mangel an Kleingeld.“ (Herbert Rittmann, Moderne Münzen, München 1974, S. 288). Erst ein Reformgesetz vom 17. April 1916 ordnete das System im Sinne des Goldstandards neu. Einem Kurush bzw. Piaster wurden 0,066 Gramm Gold zugeordnet.

100 Kurush (Kriegsausgabe von 1918, Gold). Bildquelle: Universal Coin Shop.

Das Goldpfund in Form einer Standardmünze zu 100 Kurush enthielt somit 6,6147 Gramm Gold. Die Legierung wurde mit 916/000 festgelegt. Die zur Scheidemünze degradierte Medschidije über 20 Kurush enthielt 19,965 Gramm Silber in einer Legierung von 830/000. Wegen der Finanznot im Ersten Weltkrieg lief zu dieser Zeit allerdings fast nur noch Papiergeld um. Gold- und Silbermünzen wurden nur noch in geringen Stückzahlen geprägt.