• Michael Kurt Sonntag

Warum steht das Rind auf einem Delphin?


Wer mit der antiken griechischen Numismatik etwas vertraut ist, dem ist sicherlich nicht entgangen, dass die antike Stadt Byzantion, das spätere Konstantinopolis und heutige Istanbul, im 4. Jahrhundert v. Chr. silberne Tetradrachmen und Drachmen im rhodischen Münzfuß (etwa 15,3 g/Tetradrachmon) prägte, die auf ihren Vorderseiten ein nach links gewandtes Rind mit erhobenem rechten Vorderbein zeigen, das auf einem Delphin steht.

Tetradrachmon im rhodischen Münzfuß (um 387/86-340 v. Chr.), Silber, 14,91 g, Ø 21 mm. Münzstätte Byzantion. Bildquelle: Numismatik Lanz, Auktion 151 (30. Juni 2011), Los 309.

Drachme im rhodischen Münzfuß (um 387/86-340 v. Chr.), Silber, 3,78 g, Ø [Höhe, Vs.] 13 mm. Münzstätte Byzantion. Bildquelle: Münzen & Medaillen GmbH (MA-Shops, Dezember 2013).

Auf den Rückseiten findet sich ein vertieftes Fensterkreuzquadrat mit gekörntem Untergrund. Über dem Rind der Vorderseiten erscheinen zudem die Initialen des Ethnikons ΠY. Allerdings ist der erste Buchstabe dieses verkürzten Ethnikons kein gewöhnliches altgriechisches B (Beta), wie man es vom Wort BYZANTION her erwarten würde, sondern ein archaisches korinthisches Beta. Auf die Frage wieso man ein solch archaisches korinthisches Beta verwandte, obwohl dieses bereits seit dem Ende des 6. Jh. v. Chr. auch im Schriftverkehr nicht mehr benutzt wurde, haben Wissenschaftler unterschiedlich geantwortet. Newskaja beispielsweise führte dies als Beweis für die Teilnahme korinthischer Siedler an der Gründung von Byzantion an, wenngleich die Gründung hauptsächlich auf die Megarer zurückging. Für L. H. Jeffery wiederum soll diese Schreibweise von älteren zuvor ausgegebenen Eisenmünzen übernommen worden sein. Eisenmünzen, deren Existenz bis heute jedoch nicht nachgewiesen werden konnte und über die auch die antiken Autoren kein Wort verlieren. Die mit Abstand plausibelste Erklärung liefert Schönert-Geiß. Sie sagt: „Die Form geht vielmehr auf die nahe Verwandtschaft zwischen dem megarischen und korinthischen Alphabet zurück.“ (Edith Schönert-Geiß, Die Münzprägung von Byzantion. Teil I: Autonome Zeit, Berlin/Amsterdam 1970, S. 3). Geht man davon aus, dass den münzprägenden Zeitgenossen dieser Sachverhalt vertraut war, dann wäre die archaische Schreibweise des verkürzten Ethnikons auch ein Propagandamittel gewesen, da sie jedem Betrachter dieser Münzen den megarischen Ursprung Byzantions im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen geführt hätte.

Aber was hat es mit dem Bildmotiv des auf einem Delphin stehenden Rindes auf sich? Nun, da Byzantion eine Küstenstadt war, die ebenso vom Seehandel wie vom Fischfang lebte, war der Delphin ein Attribut, das den maritimen Charakter dieser Stadt symbolisierte. Darüber hinaus waren Delphindarstellungen auf Münzen jener Zeit nichts Ungewöhnliches, fanden sie sich doch auch auf den Geprägen der pontischen Küstenstädte Olbia, Istros und Sinope - dort allerdings in Kombination mit einem auf ihnen stehenden Seeadler. Die Erklärung für die Aufnahme des Rindes ins Bildmotiv - welches in Münz- und Auktionskatalogen häufig als Kuh oder Stier beschrieben wird - gestaltet sich indes etwas schwieriger. Schwieriger deshalb, weil es darauf ankommt, ob man dieses Rind als biologisches oder als mythologisches Wesen interpretiert. Für den griechischen Numismatiker Ioannis N. Svoronos war dieses Rind kein gewöhnliches Vieh, sondern die in eine Kuh verwandelte Io, die Geliebte des Zeus also, die, weil sie von der eifersüchtigen Hera verfolgt und mit einer Bremse gequält wurde, aus Griechenland floh, dem Zeus auf der Halbinsel Keras – an der Stelle des späteren Byzantion – die Keroëssa gebar, danach den „Bosporos“ [lat. Bosporus] (die „Rinderfurt“) überquerte und anschließend nach Asien und Ägypten gelangte, wo sie ihre menschliche Gestalt wieder erhielt und dem Zeus den Epaphos, den Stammvater der Ägypter, schenkte. Außerdem sah Svoronos in diesen Münzen einen Beweis dafür, dass Byzantion zuerst von Argos aus kolonisiert worden sei, da der Io-Mythos nach Argos gehört. Zu einem völlig anderen Ergebnis gelangen Numismatiker, die wie Schönert-Geiß behaupten, das abgebildete Rind habe mit dem Io-Mythos überhaupt nichts zu tun, sondern müsse als ein Symbol für die Viehwirtschaft Byzantions gesehen werden, die im Zusammenhang mit dem ausgedehnten und fruchtbaren byzantischen Ackerland eine nicht unerhebliche Rolle gespielt habe. Die Mehrheit der Numismatiker interpretieren das Rind-Delphin-Motiv deshalb als Stadtwappen Byzantions.