• Michael Kurt Sonntag

Der Fruchtbarkeitsgott Priapos


Kurz vor der Niederkunft, so die antike griechische Mythologie, berührte die eifersüchtige Göttin Hera den Bauch der von Dionysos schwangeren Göttin Aphrodite mit „verzauberter Hand“. Als Folge dieser Berührung gebar Aphrodite ein ungestaltes Söhnchen mit abnorm großem Phallos. Aus Furcht vor Spott und Schande setzte die Schönheitsgöttin ihr neugeborenes Söhnchen Priapos in den Bergen aus. Dort fanden ihn dann Hirten, zogen ihn auf und verehrten ihn wegen seines riesigen Geschlechtsteils als Fruchtbarkeitsbringer. Und so wurde aus Priapos schließlich der „ithyphallische Gott der Fruchtbarkeit und Sexualität sowie allgemein des Wohlstands und der Schadenabwehr.“ (Der neue Pauly, Enzyklopädie der Antike, Bd. 10, Sp. 308). Ursprünglich aus dem Nordwesten Kleinasiens – der Region um Lampsakos – stammend, gelangte Priapos und sein Kult erst ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. ins griechische Kernland.

In Mytilene auf Lesbos, wo man zwischen 521 und 326 v. Chr. eine Unmenge an Elektronhekten für den Fernhandel prägte, widmete man auch Priapos ab der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. eine solche Hekte aus Elektron. (siehe Abb. 1)

Mytilene (Lesbos). Hekte bzw. 1/6 Stater (um 454-428/27 v. Chr.), Elektron, 2,57 g, Ø 10 mm, Münzstätte Mytilene. Bildquelle: MA-Shops, Numismatik Naumann GmbH (A).

Diese zeigt auf ihrer Vorderseite allerdings keinen ganzfigurigen ithyphallischen Fruchtbarkeitsgott, wie man ihn häufig in der bildenden Kunst findet, sondern den nach rechts gewandten bärtigen Kopf des Priapos, dessen Haare im Stirnbereich um ein Haarband eingerollt sind, das nur am Hinterkopf sichtbar wird, und im Nacken in einem weit ausladenden Schopf aufgenommen wurden. Das Pendant zu Priapos auf der Rückseite bildet ein weibliches Porträt. Laut Friedrich Bodenstedt dürfte es sich hierbei um den Kopf der Nymphe Chione oder Dione handeln. Das Haar der Frau befindet sich in einer über der Schläfe verknoteten Sphendone. Dass diese anepigraphische (schriftlose) Hekte aus Mytilene stammt, beweist ihre Rückseite. Fände sich auf dieser nämlich an Stelle eines Münzbildes nur ein viergeteiltes Quadratum incusum (vertieftes Quadrat), dann käme sie entweder aus Kyzikos oder aus Phokaia – den Orten also, wo man um diese Zeit ebenfalls unzählige Elektronhekten für den Fernhandel prägte.

Anders als in der griechischen Numismatik begegnet uns Priapos in der bildenden Kunst sehr häufig ganzfigurig und ithyphallisch.

„Priapos“ auf einem antiken pompejanischen Fresko aus der „Casa dei Vettii“ in Pompeji. Bildquelle: Fer.fiol, Wikimedia Commons.