• Michael Kurt Sonntag

ANTIKE: Das erste Münzporträt einer antiken Herrscherin


„Das erste Münzporträt von Damen eines Herrscherhauses in der Antike ist das hier abgebildete der Schwestergattin Arsinoë des Ptolemaios II. Philadelphos“. (Deutsche Bundesbank [Hrsg.]: Antike Goldmünzen. München 1980. Taf. 19) Siehe Abb. 1.

Oktodrachmon, (um 253-246 v. Chr.), Gold, 27,74 g, Ø 28,5 mm, Münzstätte Alexandria.

Bildquelle: MA-Shops, Gorny & Mosch (2018).

Aber war dies ptolemaiische Münzporträt tatsächlich das erste Münzbildnis einer antiken Herrscherin? Nun, um 1980 glaubten dies offensichtlich noch etliche Numismatiker, wie das Eingangs-Zitat belegt. Inzwischen wissen die in der griechischen Numismatik Bewanderten, dass es noch ein älteres Münzporträt gibt, als das erwähnte ptolemaiische, jedoch zeigt auch dieses wieder Arsinoë. Um 295/94 v. Chr. war es König Lysimachos gelungen, Demetrios Poliorketes aus dem westlichen Kleinasien weitgehend zu verdrängen und die Stadt Ephesos in seinen Besitz zu bringen. Weil Ephesos zunehmend verlandete, ließ er 2 km westlich des Artemision eine Neustadt erbauen, einen neuen Hafen anlegen, die Neustadt mit einer 8 km langen und 6 m hohen Stadtmauer umgeben und zu Ehren seiner Gemahlin in Arsioneia umbenennen. Doch damit gingen auch Veränderungen in der Münzprägung einher. Hatte Ephesos nämlich von 301-295/94 v. Chr. silberne Oktobole mit dem Kopf der Artemis auf der Vorderseite und einem Bogen und Köcher sowie dem Stadtkürzel ΕΦΕ auf der Rückseite geprägt, so prägte Arsinoeia zwischen 294/93 und 287 v. Chr. die Reichsmünzen des Lysimachos – insbesondere Drachmen – und von 289/88 bis 281 v. Chr. Silber- und Bronzmünzen mit dem Bildnis der Arsinoë (siehe Abb. 2.1 und 2.2).

Oktobol (um 289/88-281 v. Chr.), Silber, 5,63 g, Ø 19 mm, Münzstätte Arsinoeia.

Bildquelle: Numismatik Lanz, Auktion 117 (24. November 2003), Los 326.

Kleinbronze (um 289/88-281 v. Chr.), Bronze, 3,08 g, Ø (Höhe) 16,32 mm, Münzstätte Arsinoeia.

Bildquelle: MA-Shops, Antike Numismatik Dr. Brandt (2008).

Während die motivgleichen Münzvorderseiten Arsinoë mit „Melonenfrisur“ und Schleier nach rechts gewandt abbilden, weisen die Rückseiten unterschiedliche Darstellungen auf. So zeigt die Rückseite des silbernen Oktobols einen Bogen und einen Köcher und jene der Bronzemünze einen nach links knienden Hirsch mit zurückgewandtem Kopf. Auf beiden Rückseiten finden sich zudem die Namen der Beamten, unter denen die Münzen geprägt wurden, sowie das Stadtkürzel ΑΡΣΙ für Arsinoeia. Doch so unterschiedlich die beiden Rückseiten auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, in Wahrheit verweisen sie beide auf Artemis, die Göttin der Jagd und die Herrin und Beschützerin der wilden Tiere, die in Ephesos schon seit alters her als „Artemis Ephesia“ verehrt wurde. Das heilige Tier dieser Göttin war übrigens der Hirsch. Aber weshalb musste das Göttinnenbildnis auf diesen Münzen dem Porträt der Arsinoë weichen? Der Historiker Michael Pfrommer vermutet, dass „Arsinoes Weg unter die Götter“ mit diesen Münzen „begonnen haben könnte“ und erklärt ferner: „Anscheinend war die Königin an die Stelle der Gottheit getreten, deren Waffen weiterhin die Münzrückseiten zierten. Man könnte deshalb erwägen, daß die Königin als neue Artemis in Erscheinung trat“ (Michael Pfrommer: Alexandria. Im Schatten der Pyramiden. Mainz am Rhein 1999, S. 59). Eine Erwägung, die durchaus plausibel ist, wenn man sich den Charakter der Arsinoë vor Augen führt. So gesehen, verdanken wir das erste Münzbildnis einer antiken Herrscherin ausgerechnet ihrer „Repräsentationsgier“. Vergleicht man die Abbildungen 1, 2.1 und 2.2 miteinander, so fällt auf, dass das Porträt der Arsinoë auf allen Münzen ähnlich gestaltet wurde. Überall ist die Königin nach rechts gewandt und trägt eine Melonenfrisur und einen Schleier, der das Haupt nur zur Hälfte bedeckt. Sicher, auf den ptolemaiischen Münzen ist der Schleier länger und sind die Augen der Königin meist größer, zudem ist das Haupt mit zusätzlichen Attributen der Macht und der Vergöttlichung geschmückt, trotzdem könnten die Münzen aus Arsinoeia die ideelle Anregung für die Gestaltung der großen und eindrucksvollen ptolemaiischen Gold- und Silberstücke geliefert haben. Numismatisch und kulturgeschichtlich betrachtet, sind diese kleinen und auf den ersten Blick eher unscheinbaren Münzen aus Arsinoeia sehr bedeutend. Schließlich zeigen sie nicht nur das erste Münzporträt einer antiken Herrscherin, sondern stehen auch am Anfang einer langen Porträtreihe ptolemaiischer Königinnen.